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Und ein weiteres Mal: Pferde!

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Mit einem edlen Pferdeballett des Choreografen Bartabas verabschiedete sich Marc Minkowski als Intendant der Salzburger Mozartwoche, die neben dem genius loci vor allem Joseph Haydn galt.

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Mit einem edlen Pferdeballett des Choreografen Bartabas verabschiedete sich Marc Minkowski als Intendant der Salzburger Mozartwoche, die neben dem genius loci vor allem Joseph Haydn galt.

Pferde!" beginnt Marc Minkowski sein letztes Vorwort für eine von ihm verantwortete Mozartwoche. Mit einem Pferdeprojekt hat er sie begonnen und sich dabei gleichzeitig von diesem Festival rund um Mozarts Geburtstag verabschiedet, um sich künftig ganz seiner Aufgabe als Intendant der Oper von Bordeaux zu widmen. Wie schon 2015 hat er Bartabas und die fulminanten Pferde und Reiter der Académie èquestre de Versailles in die Felsenreitschule eingeladen, um gemeinsam zu ausgewähltem Mozart ein Pferdeballett zu gestalten. War es vor zwei Jahren die Kantate Davide penitente, setzte man diesmal auf Mozarts Requiem KV 626 in der vervollständigten Fassung von H. C. Robbins Landon.

Licht auf das kommende Leben

Eine keineswegs so weit hergeholte Idee, wie es im ersten Moment scheint. Gibt es doch zahlreiche Kulturen, in denen Pferde die Seelen der Toten ins Jenseits begleiten. Selbst wenn sie dafür nicht so prächtige cremefarbige Lusitanos und spezielle Sorraias haben, wie sie die französische Startruppe mitbrachte, die erneut mit brillanten Figurenvariationen alle Register ihrer hohen Kunst zog. Bei Mozarts einleitend erklingendem Miserere KV 85 stellte sich auch Choreograf Bartabas mit einem eindrücklichen Solo ein. Inspirieren zu seiner Arbeit ließ er sich vornehmlich von den rhythmischen Strukturen des Mozart-Requiems, wenngleich sich dies nicht in allen Momenten gleich zwingend erschloss.

Trotzdem war es der eindringlichere Teil dieser Produktion. Um, wie es Minkowskis Absicht war, zu zeigen, dass dieses Mozart-Requiem weniger eine Totenmesse ist, sondern ein Stück, das ein besonderes Licht auf dieses und wohl auch das kommende Leben wirft, hätte es einer dramatischeren, brillanteren und präziseren Darstellung dieser Partitur bedurft, wie er es mit seinen Musiciens du Louvre, dem Salzburger Bachchor und dem von Genia Kühmeier und Elisabeth Kulman dominierten, gleichfalls in den Arkaden der Felsenreitschule platzierten Solistenquartett demonstrierte.

Nicht die einzigen Musiker, die gegen schwierige akustische Verhältnisse zu kämpfen hatten: Auch das renommierte Cuarteto Casals kam bei seiner auf zwei Nachmittage konzentrierten Gesamtdarstellung von Mozarts sechs Haydn-Quartetten mit den Dimensionen der Großen Universitätsaula nur bedingt zurecht. Es ließ vielfach Wünsche punkto Homogenität und klanglicher Finesse offen, konzentrierte sich stattdessen auf eigenwillige Phrasierung und übertriebene Artikulation.

Musikalischer Elan

Eine neue Art, Wiener Klassik in einem Umfeld zu definieren, das sich diesem Thema verschrieben hat? Im ersten der drei Konzerte der Wiener Philharmoniker versuchte Thomas Hengelbrock dem Orchester wenig erfolgreich seine von der Originalklangbewegung angeregten Interpretationsideen zu vermitteln. Das gipfelte in einer kaum je Tiefe ansteuernden Beethoven'schen "Eroica", die mehr mit dem Klang eines Kammerensembles als eines groß besetzten symphonischen Orchester konfrontierte. Der Spanier Pablo Heras-Casado am Pult des Mozarteumorchesters meinte späte Haydn-Symphonien -Haydns nach Mozarts Tod entstandene Werke bildeten einen Schwerpunkt dieser Mozartwoche -mit überzogener Bombastik und überdrehter Rhythmik interpretieren zu müssen. Damit rückte er dieses Repertoire gefährlich in die Nähe russischer Romantik. Dass sich Wiener Klassik ungleich zwingender mit einer Mischung aus musikantischem Elan, Wissen um historische Aufführungspraxis und einem ansteckenden Faible für Kantabilität darbieten lässt, demonstrierte der Pianist András Schiff in der Doppelrolle Solist und Dirigent seiner Cappella Andrea Barca bei einer Mozart-Haydn-Zusammenstellung.

Wie formulierte es doch der Intendant Minkowski? Es ging ihm um ein "Mosaik aus musikalischen Blickwinkeln, ästhetischen Absichten und emotionalen Statements", um der Vielfalt heutiger Interpretationskultur gerecht zu werden. Diese bewusst Unterschiedliches zur Diskussion stellende Idee wird weiterhin ein Markenzeichen der in diesem Jahr interpretatorisch unter den Erwartungen gebliebenen Mozartwoche sein, denn auch 2018 wird Mozarts Œuvre aus verschiedensten Perspektiven beleuchtet. Im Zentrum stehen Werke Mozarts aus seinen ersten Wiener Jahren. In einem neuen Format, Porträt, wird der Komponist, Dirigent und Klarinettenvirtuose Jörg Widmann präsentiert. Zur Eröffnung steht eine Mozart-Oper auf dem Programm: "Die Entführung aus dem Serail", dirigiert von René Jacobs. Das diesem Mozart zugrunde liegende Thema "Vergebung statt Vergeltung" werden die Schriftstellerin Eva Menasse der Philosoph Richard David Precht aufgreifen.

Mozartwoche 2017 bis 5. Februar, diverse Orte in Salzburg

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