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... und fremd in der Fremde

1945 1960 1980 2000 2020

Nach Schätzungen der Weltbank sind rund 20 Millionen Menschen vor Krieg, Dürre, Gewalt oder einem zerstörten Wirtschaftssystem aus ihrem Heimatland geflüchtet.

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Nach Schätzungen der Weltbank sind rund 20 Millionen Menschen vor Krieg, Dürre, Gewalt oder einem zerstörten Wirtschaftssystem aus ihrem Heimatland geflüchtet.

Nach einer Schätzung der Weltbank leben 100 Millionen Menschen nicht in ihrem Heimatland, sondern im Ausland. In Afrika sind es 35 Millionen Menschen, in Nordamerika und Westeuropa jeweils 15, in Asien und dem Mittleren Osten zusammengenommen ebenfalls 15 Millionen. Rund 20 Millionen dieser Immigranten sind Flüchtlinge, fast die Hälfte davon Frauen. Sie flüchteten vor Krieg, Dürre, Gewalt oder einem zerstörten Wirtschaftssystem.

Eine Milliarde Menschen leiden nach Schätzungen der Europäischen Union unter starkem Nahrungsmangel, 40.000 Kinder sterben täglich daran. Die Weltbevölkerung wächst jährlich um fast 100 Millionen; 95 Prozent davon werden auf der Südhalbkugel geboren. Dort leben derzeit bereits drei Viertel der Menschheit. Die Armut nimmt zu, die Kluft zwischen armen und reichen Staaten wird immer größer. Zwischen 1950 und 1990 stiegen die Einkommen in den reichen Ländern um das Dreifache, in den armen blieben sie gleich. Es ist verständlich, daß die Armen am Reichtum der Welt teilhaben wollen. So kommt es zu Migrationen, zu Wanderungsbewegungen. Aber auch Vertreibung, Umweltkatastrophen, Krieg und Diktaturen tragen zu großen Migrationsbewegungen bei.

Menschen überschreiten teils legal, teils illegal die Landesgrenzen, Anfang der neunziger Jahre waren 500 Millionen Menschen auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen. Grenzschließungen führten zu einer Verstärkung der illegalen Einwanderungen, das Geschäft von Schlepperbanden blüht in Europa. Weltweit, so schätzt die UN-Flüchtlingskommission, gibt es rund 23 Millionen politische und wirtschaftliche Flüchtlinge - sechs Millionen allein in Europa.

Die Genfer Konvention von 1951 erkennt nur Menschen als Flüchtlinge an, die "aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung" die Grenzen ihres Heimatstaates überschritten und in anderen Staaten Zuflucht gesucht haben. Der neue Typ von Flüchtlingen, der in den vergangenen Jahrzehnten entstanden ist, paßt nicht in dieses Schema, das sich an den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs orientiert. Für die Betroffenen macht es keinen Unterschied, ob sie ihre Heimat aus Angst vor Verfolgung durch menschenverachtende Regime verlassen oder weil sie und ihre Familien dort zu verhungern drohen. Die Unterscheidung zwischen "politischen Flüchtlingen", "Armutsflüchtlingen", Umweltflüchtlingen" und "Wirtschaftsflüchtlingen" ist ohnehin problematisch, weil politische Gewalt und Mißachtung von Menschenrechten einerseits und wirtschaftliche und soziale Probleme andererseits eng verflochten sind. In manchen Fällen könnte man meinen, daß politische Flüchtlinge abgelehnt werden, weil ihnen auch wirtschaftliche Motive nachgewiesen werden können.

Chancengleichheit?

Wie ergeht es aber diesen Bevölkerungsgruppen, die ihre Heimat verlassen haben? Wie stark muß ihre Anpassung gelingen, damit sie in der neuen Lebenswelt voll und ganz akzeptiert werden? Was heißt Integration eigentlich?

Der Begriff stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie Wiederherstellung, Erneuerung, Durchdringung. Im bevölkerungspolitischen Sinn bedeutet Integration den Zusammenschluß gesellschaftlicher Gruppen zu einer größeren Einheit. Sie verlangt jedoch von keiner Bevölkerungsgruppe die Aufgabe der heimatlichen Gewohnheiten, Werte oder Kultur. Vollständige Anpassung wird heute von den Einwanderern nicht gefordert, denn ethnische Unterschiede sollten respektiert und toleriert werden.

Integration zielt auf Gleichberechtigung und Chancengleichheit im politischen und sozialen Bereich. Insofern wird nicht nur von den Immigranten Anpassung gefordert, sondern auch von der Gruppe, die die Macht zur Veränderung in den Händen hält. Als Gradmesser für das Gelingen der Integration dient die Bereitschaft der Mehrheit, die Minderheit an der Macht teilhaben zu lassen.

Not wird privatisiert Anläßlich einer Podiumsdiskussion in der Politischen Akademie sprach sich Caritas-Direktor Michael Landau für eine Verstärkung der Bemühungen gegenüber Zuwanderern aus, damit Integration auch gelingen kann. "Es ist unsere Aufgabe, Bewegungsräume zu schaffen, in denen Angst abgebaut werden kann", meinte Landau. Innenminister Schlögl hielt bei der Podiumsdiskussion eine Verbesserung der Maßnahmen in der Bundesbetreuung von Flüchtlingen als geeignete Möglichkeit, Integrationsprobleme in den Griff zu bekommen. Eine Objektivierung und klare Richtlinien für die Aufnahme in die Bundesbetreuung seien unbedingt erforderlich.

1997 sind 1.087 Menschen "unversorgt" geblieben, ihr Schicksal liegt in der Hand von Institutionen wie der Caritas. Landau: "Die Not wird heute vielfach privatisiert. Vergessen wir dabei aber nicht, daß es immer um ganz konkrete Menschenschicksale geht. Eine Abwälzung der Probleme auf Institutionen halte ich nicht für richtig. Gemeinsame Interessen von Staat und Institutionen wie beispielsweise die Caritas sollten auch zu gemeinsamen Lösungen führen."

Diese von Landau angesprochenen Räume, in denen sich unterschiedliche Kulturen frei und offen begegnen können, erfordern sicher vorerst eine Gesellschaft, die Möglichkeiten eines friedlichen Zusammenlebens auf Basis der Auseinandersetzung mit anderen Lebensweisen bietet. Die Auseinandersetzung mit dem "anderen" ermöglicht gegenseitiges Verständnis. Voraussetzung dafür ist die Verwirklichung einer vollen rechtlichen und sozialen Gleichstellung, was letztlich nichts anderes bedeutet als die konsequente Anwendung des Postulats der Gleichwertigkeit aller Menschen über die Grenzen der Nationalität hinweg. Wird eine multikulturelle Gesellschaft angestrebt, so darf es nicht zweierlei Recht geben, den Grundwerten wie Gerechtigkeit, Solidarität und Demokratie muß universelle Gültigkeit verschafft werden.

Österreich ist von dieser Definition her schon immer eine "multikulturelle Gesellschaft" gewesen, denn eine rein nationale Kultur gibt es hier nicht. Die Vorstellung von Kultur als homogenes Gebilde entspricht keinesfalls der Realität. Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben und ein Gelingen der Integration von Zuwanderern ist die Toleranz für andere Lebensweisen. Eine Hierarchisierung der unterschiedlichen Kulturen sollte es dabei nicht geben.

Das Fremde verstehen Natürlich wird es in einer solchen Gesellschaft immer Konflikte geben, die auch ausgetragen werden müssen. Kritik zu üben und zu ertragen muß dabei für alle möglich sein. Eine "multikulturelle Gesellschaft" ist immer von ethnischer Vielfalt bestimmt und kann nicht automatisch Harmonie bedeuten. Sie verlangt vielmehr die Veränderung von Verhaltensmustern, um die Probleme im Zusammenleben der Menschen produktiv lösen zu können. Das bedeutet, daß eine Gesellschaft lernen muß, Konflikte auszuhalten und mit ihnen umzugehen. Es bedeutet auch, daß das Fremde angeschaut und verstanden wird.

Wenn von Integration der "Fremden" die Rede ist, so sollte immer bedacht werden, daß Ausländer ihrer Kultur entrissen wurden und einer anderen, in der Regel moderneren, ausgesetzt sind. Auch wenn sie materiell profitiert haben, kulturell sind sie doch zu Modernisierungsverlierern geworden. Integration müßte demnach auch bedeuten, diesem Prozeß der kulturellen Modernisierungsverluste auf allen Ebenen entgegenzuwirken.

Erratum: In der Furche Nr 3 wurde zum Artikel "Berufsbild Mediator" fälschlicherweise das "Institut für Ehe und Familie" als Auskunftsadresse angegeben.

Die richtige Adresse ist: Katholisches Familienwerk Österreich, Spiegelgasse 3, 1010 Wien, Tel.Nr.: 515 52-3690.

Wir bitten um Entschuldigung.

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