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Und sie wissen wirklich nicht, was sie tun?

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Einmal mehr konnte ein Kinderpornoring zerschlagen werden, 41 Österreicher wurden angezeigt. Ein Gastkommentar über die Seelenbausteine der Täter.

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Einmal mehr konnte ein Kinderpornoring zerschlagen werden, 41 Österreicher wurden angezeigt. Ein Gastkommentar über die Seelenbausteine der Täter.

Im Rahmen der Aktion "Freeze" konnte die Polizei vor wenigen Tagen neuerlich einen Verbrecherring aufdecken - eine Tauschbörse für filmische Abbildungen sexueller Misshandlungen von Kindern. Warum tun die das, werde ich immer wieder gefragt, sind die krank, kriminell oder anarchistisch gesinnt? Eine schwierige Frage, die sich immer erst beantworten lässt, wenn man mit einer konkreten Einzelperson arbeitet - aber einige Seelenbausteine lassen sich schon identifizieren.

Zuerst ist zwischen Pädophilen, die schüchtern schwärmerisch schmachten und meist in Erzieherberufen sublimieren, Pädosexuellen, die in sexuellen Handlungen an oder von Kindern Lustsensationen suchen, und asozialen Pädokriminellen, die nur finanziellen Gewinn machen wollen und alle durch ihre Inszenierungen verursachten körperlichen und psychischen Schädigungen ignorieren, zu unterscheiden.

Uninformierte oder Sadisten?

Man kann Täter auch nach anderen Kriterien gruppieren: Da sind solche, die selbst kindlich geblieben sind, oder solche, die Unterlegenheitsprobleme mit erwachsenen Sexualpartnerinnen haben. Für die praktische Arbeit sind solche Kategorisierungen freilich nicht hilfreich -sie fördern nur die eigene Besserwisserei. Ich habe im Buch "Die Wahrheit wird euch frei machen" deshalb nur nach Prognosen für Veränderungsmöglichkeiten differenziert: in Uninformierte (die man nur darüber aufklären muss, was sie anrichten und die dann aufhören und Korrektur versuchen), in Verbitterte (die sich durch Psychotherapie psychisch rehabilitieren können) und in Sadisten (wo oft ein Menschenleben zur seelischen Wiederherstellung nicht reicht).

Sucht man nach den Verursachungen dieser Fehlhandlungen (die in Mitteleuropa erst seit relativ kurzer Zeit verpönt sind), so finden sich vielfach "Urszenen" in Kindheit oder Pubertät, in denen sich bestimmte Handlungsabläufe mit heftigen Gefühlen "verknoteten" und so ein belastendes neuronales Netzwerk - beispielsweise Zwangsgedanken - schufen, die man durch Wiederholungsaktionen zumindest kurzfristig zu beseitigen wähnt. Doch dies erklärt nicht die Zunahme dieses Phänomens: Denn eigentlich wäre zu erwarten, dass durch die mittlerweile mehr als zwanzigjährige Aufklärungsarbeit intensiv Bewusstsein dafür geschaffen wurde, dass sexuelle Kontakte "vor ihrer eigenen Zeit" Kinder traumatisieren. Aber allein die Tatsache, dass das, was dem einen gefällt, für den oder die andere Verletzung und Langzeitfolgen bewirken kann, wollen viele nicht wahrhaben; sie müssten dann nämlich die Vorwürfe der geschädigten Person aushalten, ernst nehmen, in sich gehen, bereuen und sich um Wiedergutmachung bemühen - und das basiert zumindest auf der Anerkennung der eigenen Schuld. Genau das wird jedoch abgewehrt: sich selbst einerseits als Schadensverursacher, andererseits als Kriminellen wahrzunehmen.

Wahrnehmung hängt mit Benennung zusammen. Egal, ob es äußere Reize sind oder innerliche Empfindungen - sie werden erst dann einer "Behandlung" zugänglich, wenn sie durch einen "Namen" fixiert und damit erinnerbar werden. Nur: Die meisten Menschen haben weder "gelernt" - d. h. eine Methode dazu verinnerlicht - noch wissen sie davon, auf welche Weise man die mit diesen Wahrnehmungen verknüpften Gefühle steuern kann. Das betrifft vor allem sexuelle Fantasien, sexuelle Erregung, sexuelle Handlungsabläufe und ist einer der Gründe, weswegen viele meinen, sie "hätten eben nicht anders gekonnt". Sie hätten - wenn sie gewollt hätten, nur wollen die meisten nicht. Das liegt oft an ihrem Männlichkeitsverständnis: Für viele besteht es heute primär darin, sich selbst als Besserwisser zu bestätigen, egal wie sehr ihr Verhalten im Widerspruch zu den Regeln der Gesellschaft steht, und keine Kritik anzunehmen. Sekundär tritt ein unreflektierter Hegemonieanspruch dazu, auf jeden Fall Recht zu behalten und Macht über andere auszuüben, was bei Kindern am leichtesten fällt. Dazu zählt auch die Macht, geheime Fantasien zu realisieren. Kinder verstehen ja ohnedies nichts, heißt es dann noch immer, und sie werden schon vergessen. Manche Männer, die wegen Besitzes pornografischer Kinderdarstellungen angezeigt wurden, rechtfertigen sich damit, sie hätten nur wissen wollen, was bei sexueller Misshandlung von Kindern passiere, etwa weil eine Bekannte erzählt habe, ihr Vater habe sie missbraucht. Die Verwirklichung beginnt oft beim "nur Schauen" und kann beim eigenen Tun enden, weil "man nur einmal wissen wollte, wie sich das anfühlt".

Viele suchen gezielt nach sexueller Erregung, um damit ihre latenten depressiven Zustände oder auch Gefühle von innerer Leere zu kompensieren; ich habe das "Eiskasten-Syndrom" genannt: So wie jemand ohne Hunger oder Gusto nächtens den Kühlschrank durchforstet in der Hoffnung, dass irgendetwas fehlenden Appetit anregen könnte, surfen andere im Internet oder gar verbotenen Filesharing-Netzwerken nach "Erregendem". Sie verstehen sich nicht als Verbrecher - so wie auch Hehler sich nicht als eines Diebstahls schuldig empfinden. Sie verleugnen vor sich selbst alles außer ihrer Erregung - und die ist "nur" ein Gefühl, keine Handlung.

Verquere "Sexualerziehung"

Genau diese Gefühle sind es auch, die von der "Pädophilen-Lobby" - und in ihr tummeln sich viel ehrenwerte Bürger -unter dem Schlagwort "Sexualerziehung" als Anleitung zu einer "selbstbestimmten" Sexualität verteidigt werden. Es bringt Verwirrung in die Debatte um die Sexualpädagogik, wenn Gegner solcher "Sexualerziehung" als prüde und altmodisch abgewertet werden, besonders wenn sie Grenzüberschreitungen nicht verharmlosen -auch wenn sie als Kunst bezeichnet werden. Bildhafte Darstellungen, die auf Erregung der Zuseherschaft zielen, werden unbewusst zu Vor-Bildern, werden nachgespielt, variiert und gesteigert. Genau diese Mechanismen sollten Thema einer tatsächlich kritischen Sexualpädagogik sein - und die geht alle an, als Vorbilder und Träger von Verantwortung.

Die Autorin ist Juristin, Sozialtherapeutin, Psychoanalykerin und evang. Theologin

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