Und ständig ist was los auf der Bühne

Im Theater an der Wien präsentiert sich die Neuproduktion von Händels "Rodelina“ nur als halbe Sache. Der fein differenzierten musikalischen Interpretation durch Nikolaus Harnoncourt steht eine weit weniger reflektierende szenische Gestaltung seines Sohnes Philipp gegenüber, die sich in einer losen Bilderfolge erschöpft.

Mit Händel-Opern, das Theater an der Wien hat es in den letzten Jahren mehrfach gezeigt, lässt sich auch heute Erfolg haben. Nicht zuletzt wenn man dafür Regisseure hat, die ein uns heute weniger sagendes Sujet so in die Gegenwart zu transferieren wissen, dass die entsprechende Botschaft klar über die Rampe kommt. Im Original spielt das Dramma per musica in tre atti "Rodelinda, regina de’ Langobardi“ in Mailand um 670. Rodelindas Gemächer im königlichen Palast, Zypressenhain mit den Gräbern der Könige, ein Raum im Schloss, ein angenehmer Ort, Galerie in Rodelindas Gemächern, eine andere Galerie, Kerker, die königlichen Gärten sind als Schauplätze angegeben.

Bahnhofs-Charme auf der Bühne

Nichts davon in der aktuellen Szenerie, die durch eine übermächtige Bühnenarchitektur (Ausstattung: Herbert Murauer und Barbara Pral) geprägt ist, die sich vornehmlich durch mehrere Stiegenaufgänge und einen Balkon auszeichnet, ansonsten aber an den Charme eines in die Jahre gekommenen Bahnhofambientes erinnert. Dies lässt eine Reihe unterschiedlicher Auf- und Abgänge zu. Auch ein mehrfach den Ort wechselnder Kasten findet Platz, ein Bügelladen, auf dem, nachdem sie von Bertarido - im Original Langobardenkönig, für Regisseur Philipp Harnoncourt eine vorerst an der vermeintlichen Untreue seiner Frau verzweifelnde, nicht näher definierte Person der Gegenwart - ungewollt verlassen wurde, Rodelinda bügelt, Kraftgeräte, an denen Bertaridos Gegenspieler Grimoaldo sich körperlich ertüchtigt.

Die Frage von Treue und Untreue, so scheint es jedenfalls Philipp Harnoncourt vermitteln zu wollen, ist keineswegs auf eine bestimmte Zeit, schon gar nicht auf Königshäuser beschränkt, sondern ein Thema quer durch alle Gesellschaftsschichten und Zeiten. Damit auch eines der Gegenwart. Deswegen treten alle Protagonisten in Alltagskleidung auf. Fehlte noch, dass sie mit Handys erscheinen. Selbst das würde nichts mehr zur Sache tun. Schließlich gehe es nicht darum, nur ernst zu bleiben, denn zwischen Ernst und Ironie bestehe "eigentlich kein Unterschied. Ironie und Ernst sind ja die beiden Seiten derselben Medaille“, formuliert der Regisseur im Programmheft.

Davon freilich hätte man gerne mehr auf der Bühne gesehen. Denn das Hantieren mit Gewehr, Gewaltanwendung, Kopulationen, Kindesmisshandlungen müssen mosaikartig zusammengefügt werden, damit sich daraus eine Moral einer Geschichte zwingend herauslesen lässt. Oder meinte der Inszenator, dass dieser Händel für heutige Ohren so uninteressant ist, dass man die mögliche Langatmigkeit der Arien dadurch kontrapunktieren muss, dass es auf der Drehbühne immer etwas zu sehen gibt?

Schließlich gibt Danielle de Niese eine untadelige, unterschiedlich ihre persönliche Gestaltungskraft einsetzende Rodelinda, ist der im weißen Anzug geradezu dandyhaft auftretende Bejun Mehta ein ganz exzellenter Bertarido, kann man sich kaum einen idealeren Gestalter als Kurt Streit für den als brutalen Egomanen gezeichneten Grimoaldo vorstellen. Konstantin Wolff gibt dem Intrige zu sehr mit Gewalt verwechselnden Garibaldo entsprechendes vokales Profil. Malena Ernman zeigt sich als im weitesten Sinn wandelbare Bertarido-Schwester Eduige, der Macht über alles, damit auch die Tugend geht. Welche Rolle Unulfo (vokal exzellent Matthias Rexroth) - im Original Berater Grimoaldos spielt - spielt, lässt sich in dieser sich witzig geben wollenden, letztlich mit einer wenig reflektierten Bilderfolge aufwartenden Inszenierung nicht erkennen.

Kluge Akzente und Tempi

Musikalisch dauerte es etwas, bis die Aufführung in Fahrt kam. Denn Nikolaus Harnoncourt an der Spitze seines auf ihn bis ins Detail eingeschworenen Concentus Musicus setzte anfangs vor allem auf die elegischen Züge der Partitur, heizte aber mit klugen Akzenten und Tempi die Spannung nach und nach an und krönte diesen Bogen schließlich damit, dass er nach dem ersten, frenetischen Applaus für die Ausführenden das Finale von der Bühne und mitsingend(!) dirigierte. Die Buhrufe für die Regie konnte das freilich nicht verhindern.

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