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Feuilleton

Ungehörter Zeuge des Mordens

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Mitten durch das 20. Jahrhundert geht ein Bruch, so abgrundtief, dass er die Idee der Biografie an sich infrage stellt. Dieser Befund erweist sich auch am Leben des Jan Karski. Eine Biografie setzt voraus, dass die Person, deren Leben sie erzählt, über alle Wendungen und Brüche ihrer Geschichte hinweg am Ende doch mit sich selbst identisch bleibt. Aber wer konnte noch derselbe sein, nachdem er erlebt hatte, was Karski erlebt hat?

In Karskis Fall hat sich der Bruch sogar seinem Namen eingeschrieben. Als er am 24. April 1914 in Łód´z zur Welt kam, taufte man ihn Jan Kozielewski. Seine Familie war polnisch, katholisch und hing Marschall Piłsudski an, der Polen nach dem Ersten Weltkrieg in die Unabhängigkeit führte. Jan eiferte seinen Brüdern nach und strebte in den Staatsdienst. Er wollte Diplomat werden und brachte dafür alle Voraussetzungen mit: Intelligenz, Fleiß, blendendes Aussehen, Protektion, so dass er die Karriereleiter schon steil nach oben geklettert war, als im September 1939 erst die deutsche Wehrmacht und dann die Rote Armee in Polen einfielen. Während die polnische Regierung ins Exil nach London gehen musste, entstand im Land selbst, dem Zugriff der Besatzer entzogen, ein Untergrundstaat, mit Behörden, Gerichten, Presse, sozialer Fürsorge, Schulen und bewaffnetem Arm, der sogenannten Heimatarmee.

Auch Kozielewski ging in den Untergrund. Seine Jugend, Gewandtheit und Sprachkenntnisse qualifizierten ihn für eine verantwortungsvolle Aufgabe: Er sollte auf geheimen Wegen nach Westeuropa reisen und der Exilregierung Nachrichten aus Polen überbringen und mit politischen Direktiven zurückkehren. Beides glückte im Frühjahr 1940. Doch auf der zweiten Reise wurde er von der Gestapo erwischt und so brutal verhört, dass er versuchte, sich das Leben zu nehmen. Als Kurier, zudem mit einem fotografischen Gedächtnis begabt, wusste er zuviel, er hatte Angst, sein Wissen in einem schwachen Moment preiszugeben. Dasselbe fürchteten offenbar seine Vorgesetzten, die ihn Ende 1940 aus dem Krankenhaus in Krakau befreien ließen, wo er streng bewacht lag.

Die Botschaft läuft ins Leere

Im Sommer 1942 sollte Kozielewski -oder Karski, wie sein Tarnname nun lautete - sich abermals nach Westeuropa aufmachen. Die Führer der verschiedenen Widerstandsgruppen trugen ihm ihre Botschaften auf, darunter der jüdische Anwalt Leon Feiner. Feiner bat eindringlich, im Westen vom Völkermord zu berichten, den die Nazis in Polen an den Juden verübten, und die Alliierten aufzurütteln. Damit Karski sich selbst ein Bild mache, führte Feiner ihn in das Warschauer Ghetto. Erschüttert von dem, was er dort sah, ließ Karski sich anschließend in ein Konzentrationslager bei Bełzec einschleusen. Er sieht dort, was wir heute alle wissen, fliegt beinahe auf, weil ihn das Gesehene so sehr aus der Fassung bringt, reist Ende 1942 wie geplant nach London und Was nun geschieht, oder vielmehr nicht geschieht, ist gespenstisch. Als Gesandter der polnischen Untergrundbewegung findet Karski Zugang zu den höchsten Kreisen. Die Liste seiner Gesprächspartner ist lang und reicht bis zum britischen Außenminister Eden, sogar bis zu Roosevelt, den er im Sommer 1943 im Weißen Haus besucht. Doch keiner dieser mächtigen Männer fühlt sich genötigt zu handeln. Etliche wollen ihm nicht einmal glauben. Wir können nichts tun, als die Nazis so schnell wie möglich zu besiegen, lautet das Credo der Alliierten.

Für diesen Sieg sind sie auf Stalin und die Sowjetunion angewiesen, nicht aber auf Polen. Karski muss erkennen, dass nicht nur die osteuropäischen Juden verloren sind, sondern auch der polnische Staat, dem er unter Einsatz seines Lebens gedient hat. An den Verhandlungstischen der Alliierten nimmt die Nachkriegsordnung Gestalt an, und in der, das stellt Stalin klar, ist für ein unabhängiges Polen kein Platz. Und in Stalins Polen ist kein Platz für einen Karski.

Aufbrechen der Erinnerung

Wie ein Mensch einen solchen Bruch psychisch überleben und er selbst bleiben kann, bleibt auch ein Rätsel, nachdem man das von Marta Kijowska verfasste Buch über Karski gelesen hat. Es liest sich zunächst wie ein gut geschriebener Entwicklungsroman, streckenweise spannend wie ein Agententhriller -bis zu dem Punkt, wo Karski mit dem Ungeheuerlichen konfrontiert wird und im Westen mit seiner Botschaft ins Leere läuft. Da liegen noch fast sechzig Jahre seines Lebens vor ihm, in denen er als Professor für Internationale Beziehungen Karriere macht. Er wird amerikanischer Staatsbürger und Karski nun auch sein bürgerlicher Name. Und er wird ein Kalter Krieger, der seine Expertise in den Dienst des Pentagon stellt.

Es scheint, als ob Karski aus der polnischen Wirklichkeit in den amerikanischen Traum erwacht wäre und dieser Traum nun den Bruch, dessen Zeuge er geworden ist, wenn nicht geheilt, so doch verdeckt hätte. Es soll ungefähr dreißig Jahre dauern, bis er hinter der Fassade des distinguierten Professors wieder erkennbar wird -ein Aufbrechen der Erinnerung, das Kijowska mit Behutsamkeit und Respekt schildert. Eine nicht unwesentliche Rolle dabei scheint Karskis Frau zu spielen, die selbst aus Polen stammt und Jüdin ist. Ihre Familie wurde von den Nazis fast zur Gänze ermordet. Pola Nirenska und Karski lernen sich in Amerika kennen. Als sie 1965 heiraten, verlangt der strenggläubige Karski, dass sie zum Katholizismus übertritt. Im Gegenzug wird Karski später bekennen, er sei ein christlicher Jude geworden und alle ermordeten Juden seien seine Familie.

Ende der 1970er-Jahre tritt die öffentliche Erinnerung an die Schoa in eine neue Phase und Karski noch einmal in den Zeugenstand. Diesmal wird er angehört. 1982 nimmt ihn die israelische Gedenkstätte Yad Vashem in die Liste der Gerechten unter den Völkern auf. 1985 wird der Film "Shoah" von Claude Lanzmann uraufgeführt, der ein langes Interview mit Karski enthält. Nach 1989 beginnt man sich auch in Polen seiner zu erinnern. Karski wird zu einem Protagonisten der globalen Erinnerungskultur und -nach seinem Tod am 13. Juli 2000 -selbst ein unersetzlicher Teil derselben.

Mitten durch das 20. Jahrhundert geht ein Bruch, so abgrundtief, dass er die Idee der Biografie an sich infrage stellt. Dieser Befund erweist sich auch am Leben des Jan Karski. Eine Biografie setzt voraus, dass die Person, deren Leben sie erzählt, über alle Wendungen und Brüche ihrer Geschichte hinweg am Ende doch mit sich selbst identisch bleibt. Aber wer konnte noch derselbe sein, nachdem er erlebt hatte, was Karski erlebt hat?

In Karskis Fall hat sich der Bruch sogar seinem Namen eingeschrieben. Als er am 24. April 1914 in Łód´z zur Welt kam, taufte man ihn Jan Kozielewski. Seine Familie war polnisch, katholisch und hing Marschall Piłsudski an, der Polen nach dem Ersten Weltkrieg in die Unabhängigkeit führte. Jan eiferte seinen Brüdern nach und strebte in den Staatsdienst. Er wollte Diplomat werden und brachte dafür alle Voraussetzungen mit: Intelligenz, Fleiß, blendendes Aussehen, Protektion, so dass er die Karriereleiter schon steil nach oben geklettert war, als im September 1939 erst die deutsche Wehrmacht und dann die Rote Armee in Polen einfielen. Während die polnische Regierung ins Exil nach London gehen musste, entstand im Land selbst, dem Zugriff der Besatzer entzogen, ein Untergrundstaat, mit Behörden, Gerichten, Presse, sozialer Fürsorge, Schulen und bewaffnetem Arm, der sogenannten Heimatarmee.

Auch Kozielewski ging in den Untergrund. Seine Jugend, Gewandtheit und Sprachkenntnisse qualifizierten ihn für eine verantwortungsvolle Aufgabe: Er sollte auf geheimen Wegen nach Westeuropa reisen und der Exilregierung Nachrichten aus Polen überbringen und mit politischen Direktiven zurückkehren. Beides glückte im Frühjahr 1940. Doch auf der zweiten Reise wurde er von der Gestapo erwischt und so brutal verhört, dass er versuchte, sich das Leben zu nehmen. Als Kurier, zudem mit einem fotografischen Gedächtnis begabt, wusste er zuviel, er hatte Angst, sein Wissen in einem schwachen Moment preiszugeben. Dasselbe fürchteten offenbar seine Vorgesetzten, die ihn Ende 1940 aus dem Krankenhaus in Krakau befreien ließen, wo er streng bewacht lag.

Die Botschaft läuft ins Leere

Im Sommer 1942 sollte Kozielewski -oder Karski, wie sein Tarnname nun lautete - sich abermals nach Westeuropa aufmachen. Die Führer der verschiedenen Widerstandsgruppen trugen ihm ihre Botschaften auf, darunter der jüdische Anwalt Leon Feiner. Feiner bat eindringlich, im Westen vom Völkermord zu berichten, den die Nazis in Polen an den Juden verübten, und die Alliierten aufzurütteln. Damit Karski sich selbst ein Bild mache, führte Feiner ihn in das Warschauer Ghetto. Erschüttert von dem, was er dort sah, ließ Karski sich anschließend in ein Konzentrationslager bei Bełzec einschleusen. Er sieht dort, was wir heute alle wissen, fliegt beinahe auf, weil ihn das Gesehene so sehr aus der Fassung bringt, reist Ende 1942 wie geplant nach London und Was nun geschieht, oder vielmehr nicht geschieht, ist gespenstisch. Als Gesandter der polnischen Untergrundbewegung findet Karski Zugang zu den höchsten Kreisen. Die Liste seiner Gesprächspartner ist lang und reicht bis zum britischen Außenminister Eden, sogar bis zu Roosevelt, den er im Sommer 1943 im Weißen Haus besucht. Doch keiner dieser mächtigen Männer fühlt sich genötigt zu handeln. Etliche wollen ihm nicht einmal glauben. Wir können nichts tun, als die Nazis so schnell wie möglich zu besiegen, lautet das Credo der Alliierten.

Für diesen Sieg sind sie auf Stalin und die Sowjetunion angewiesen, nicht aber auf Polen. Karski muss erkennen, dass nicht nur die osteuropäischen Juden verloren sind, sondern auch der polnische Staat, dem er unter Einsatz seines Lebens gedient hat. An den Verhandlungstischen der Alliierten nimmt die Nachkriegsordnung Gestalt an, und in der, das stellt Stalin klar, ist für ein unabhängiges Polen kein Platz. Und in Stalins Polen ist kein Platz für einen Karski.

Aufbrechen der Erinnerung

Wie ein Mensch einen solchen Bruch psychisch überleben und er selbst bleiben kann, bleibt auch ein Rätsel, nachdem man das von Marta Kijowska verfasste Buch über Karski gelesen hat. Es liest sich zunächst wie ein gut geschriebener Entwicklungsroman, streckenweise spannend wie ein Agententhriller -bis zu dem Punkt, wo Karski mit dem Ungeheuerlichen konfrontiert wird und im Westen mit seiner Botschaft ins Leere läuft. Da liegen noch fast sechzig Jahre seines Lebens vor ihm, in denen er als Professor für Internationale Beziehungen Karriere macht. Er wird amerikanischer Staatsbürger und Karski nun auch sein bürgerlicher Name. Und er wird ein Kalter Krieger, der seine Expertise in den Dienst des Pentagon stellt.

Es scheint, als ob Karski aus der polnischen Wirklichkeit in den amerikanischen Traum erwacht wäre und dieser Traum nun den Bruch, dessen Zeuge er geworden ist, wenn nicht geheilt, so doch verdeckt hätte. Es soll ungefähr dreißig Jahre dauern, bis er hinter der Fassade des distinguierten Professors wieder erkennbar wird -ein Aufbrechen der Erinnerung, das Kijowska mit Behutsamkeit und Respekt schildert. Eine nicht unwesentliche Rolle dabei scheint Karskis Frau zu spielen, die selbst aus Polen stammt und Jüdin ist. Ihre Familie wurde von den Nazis fast zur Gänze ermordet. Pola Nirenska und Karski lernen sich in Amerika kennen. Als sie 1965 heiraten, verlangt der strenggläubige Karski, dass sie zum Katholizismus übertritt. Im Gegenzug wird Karski später bekennen, er sei ein christlicher Jude geworden und alle ermordeten Juden seien seine Familie.

Ende der 1970er-Jahre tritt die öffentliche Erinnerung an die Schoa in eine neue Phase und Karski noch einmal in den Zeugenstand. Diesmal wird er angehört. 1982 nimmt ihn die israelische Gedenkstätte Yad Vashem in die Liste der Gerechten unter den Völkern auf. 1985 wird der Film "Shoah" von Claude Lanzmann uraufgeführt, der ein langes Interview mit Karski enthält. Nach 1989 beginnt man sich auch in Polen seiner zu erinnern. Karski wird zu einem Protagonisten der globalen Erinnerungskultur und -nach seinem Tod am 13. Juli 2000 -selbst ein unersetzlicher Teil derselben.