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(Un)gelegene Botschaft

Kardinal Peter Turkson ist eine Art päpstlicher Minister für die katholische Soziallehre. Ein Gespräch über Ökologie, Gerechtigkeit und Frieden sowie die globale Finanzkrise.

Seit gut drei Jahren leitet der aus Ghana stammende Kurienkardinal Peter Turkson den Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden. Mitte Jänner referierte er auf der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät bei der Tagung "Gerechtigkeit in einer endlichen Welt“ über ökologische Fragen.

Die Furche: Ökologie gehört nicht zu den Hauptthemen der kirchlichen Lehre …

Kardinal Peter Turkson: Lassen Sie mich die Prämisse korrigieren: Ökologie ist ein wichtiger Teil der katholischen Soziallehre. Das, was die Kirche zu sagen hat, ist aber nicht das Programm einer grünen Partei, sondern für uns geht es um die grundlegende Lehre von der Schöpfung: Der Mensch ist Verwalter der Schöpfung, mit der das meiste Leben auf der Erde ganz eng verbunden ist. Man darf sie nicht missbrauchen oder als bloße Sache behandeln. Und Humanökologie ist nicht möglich ohne eine Ökologie der Natur. Für die Kirche sind beide Themen gleich wichtig. Über eine Reihe ökologischer Bedrohungen gibt es ja eine öffentliche Debatte, auch weltweit - etwa auf der jüngsten Rio+20-Konferenz der UNO: All dies findet statt, weil zu beobachten ist, dass in unserer Welt die Natur missbraucht und bedroht wird. Ob Erderwärmung, Klimawandel, der Anstieg des Meeresspiegels, Rückgang der Gletscher, Raubbau an den Waldflächen: Auf all das muss unsere Aufmerksamkeit gerichtet sein.

Die Furche: Aber für die ökologischen Fragen gilt dasselbe wie für die Soziallehre der Kirche: Die Kirche hat keine Macht, das nachhaltig …

Turkson: … mit Nachdruck durchzusetzen. Aber auch die Vereinten Nation haben diese Macht nicht! Aber das hält die UNO nicht davon ab, diese wesentlichen Fragen zu diskutieren. Das Gleiche tut die Kirche: Wir können das Denken beeinflussen - und das versuchen wir auch. In einigen der weltweiten Foren versuchen wir, Anwälte einer Transformation zu sein. Wir können also nicht nach New York zur UNO fahren und sagen: Das hat zu geschehen. Wir können auch keine Gesetze machen oder kontrollieren. Aber wir hoffen, bei denen, die die Gesetze machen, zu erreichen, dass sie ein größeres Bild vor Augen haben und wir versuchen, die Gesetzgebung in Richtung unserer Gesichtspunkte zu beeinflussen.

Die Furche: Beispiel Klimawandel: Da gibt es Konferenzen und Verhandlungen. Aber der Einzelne hat das starke Gefühl, dass der Klimawandel viel rascher vor sich geht als die Entscheidungen der Politiker dazu.

Turkson: Es ist noch schlimmer: Gestern sah ich im Fernsehen eine Straßenbefragung in Las Vegas. Die Leute sagten da: Klima- wandel? Der betrifft uns nicht! Und auf die Frage, ob sie etwa den Benzinverbrauch ihrer Autos reduzieren könnten, gaben sie keine Antwort. Das Beispiel zeigt: Das Problem ist für viele also immer noch weit weg. Die Politiker diskutieren die Fragen wenigstens.

Die Furche: Wie wäre da aber nachhaltig Bewusstsein zu schaffen?

Turkson: In unser Büro in Rom sind anlässlich ihres Adlimina-Besuchs auch Bischöfe aus dem pazifischen Raum gekommen. Und die haben uns vom Ackerland auf ihren Inseln erzählt, das mit Meerwasser überschwemmt ist. Diese Stimmen lassen uns verstehen, wie real die Probleme bereits sind. Und je mehr Anzeichen wir dafür haben, wie Menschen durch diese Entwicklung bedroht werden, desto eher werden wir Politiker überzeugen können, dass hier gehandelt werden muss.

Die Furche: Sie setzen also auf Menschen, die konkret davon erzählen, wie der Meeresspiegel steigt …

Turkson: … oder Menschen aus Somalia und Kenia, die berichten, wie sehr die Klimaveränderungen ihre Landwirtschaft und ihre Lebenssysteme beeinflussen, oder in Brasilien oder auch hier in Mitteleuropa. Wir müssen die Veränderungen beobachten: In meiner Heimat Ghana hat sich die Zahl der Fahrzeuge auf der Straße in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Das heißt also, der Kohlendioxid-Ausstoß in Ghana hat sich in zehn Jahren verdreifacht. Wir haben also die Umwelt und die Luft und alles mehr beeinflusst, als wir es zehn Jahre zuvor getan haben. Der Punkt ist, dass uns die Folgen der Entwicklungen nicht im Augenblick treffen. Aber der Auslöser dafür ist schon da.

Die Furche: Sie leiten den Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden: Wie werden Gerechtigkeit und Frieden durch ökologische Fragen beeinflusst?

Turkson: Vielleicht kann man das anhand dreier Wörter griechischen Ursprungs darstellen: Ökologie, Ökonomie, Ökumene. Alle drei beginnen mit "oikos“ - was übersetzt so viel wie "Haushalt“ bedeutet. Die Ökologie sollte uns zur Verantwortung inspirieren, dass der einzige Haushalt, den wir als Menschen haben, die Erde ist. Wir müssen uns um diesen Haushalt kümmern und darauf achten, dass er als Haushalt erhalten bleibt. Nicht nur für uns, sondern auch für alle, die nach uns kommen. Gerechtigkeit in diesem Zusammenhang heißt demnach erstens, Respekt vor unserer natürlichen Umwelt zu haben. Zum Zweiten geht es auch um generationsübergreifende Gerechtigkeit: Wir sollten eine Erde hinterlassen, auf der auch diejenigen, die nach uns kommen, leben können. Und dann gibt es noch eine dritte Ebene der Gerechtigkeit, und zwar für die, die von unserem Gebrauch der Erde abhängen. Die Erde besteht ja nicht nur aus Eisenbahnschienen und Straßen, sondern auch aus Ackerland usw. Es muss da einen Ausgleich geben zwischen den Bedürfnissen der Bauern und denen, die Straßen bauen. Es muss Gerechtigkeit unter den Nutzern des Landes geben. Das ist in Europa kein so großes Problem wie etwa in Amazonien, wo die indigene Bevölkerung, die im Regenwald lebt, auf ihre Weise lebt, während andere das Land dort erschließen wollen. Da muss es einen gerechten Ausgleich zwischen den Bedürfnissen geben.

Die Furche: Wenn wir bei den Wörtern, die mit "oikos“ begonnen bleiben - Ökonomie, Ökumene …

Turkson: Ökonomie ruft uns zu Gerechtigkeit auf. Ökonomie bedeutet ja das Gesetz, wie wir den Haushalt so verwalten, dass alle seine Mitglieder davon profitieren können. Wir sprechen da vom Gemeinwohl, das Ziel alles Handeln sein sollte. Und die Ökumene ruft uns auf, das im Geist der Einheit und der Solidarität aller auf dieser Erde zu tun.

Die Furche: Der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden hat vor gut einem Jahr auch Vorschläge zur Lösung der globalen Finanzkrise gemacht, darunter eine Finanztransaktionssteuer. Sie wurden dafür auch sehr kritisiert. Ist es die Aufgabe eine Päpstlichen Rates, hier Vorschläge zu machen?

Turkson: Es ist die Aufgabe der Kirche, das Evangelium zu verkünden, sei es nun gelegen oder ungelegen. Ich sage jetzt natürlich nicht, dass unser kleines Dokument aus 2011 das Evangelium wäre. Aber als Kirche, die vom Evangelium inspiriert ist, haben wir die Pflicht, das Licht des Evangeliums für jede Situation des Menschen zu teilen. Im Fall der Finanzkrise versuchten wir zu entdecken, welche Erleuchtung wir aus dem Evangelium dafür ableiten können. Und wir begannen da, über die Gier zu reden: Die Gier ist ein Teil der Entwicklungen und das ist eine moralische Frage. Wir riefen also zur Umkehr auf und dazu, dass die Menschen ihr Verhalten ändern. Und wir stellten die Frage, ob der Profit das einzige Ziel sein sollte, Traditionellerweise diente die Finanzwirtschaft der Realwirtschaft. Wenn sich die Finanzwirtschaft immer mehr von der Realwirtschaft entkoppelt und zum Selbstzweck wird, geht es nur mehr darum, den Gewinn zu maximieren. Bloßer Profit kann aber nicht das Ziel einer finanziellen oder wirtschaftlichen Aktivität sein. Das haben wir gesagt.

Die Furche: Aber die Analyse ist das eine, konkrete politische Vorschläge das andere.

Turkson: Im Licht dieser Überlegungen haben wir uns auch mit den Finanzfragen auseinandergesetzt. Als eine Institution innerhalb der Kirche wollen wir die Menschen in dieser Lage unterstützen. Denn die Krise trifft die Menschheit etwa auch in Form von Arbeitslosigkeit, Verzweiflung und Desillusionierung. Das alles trägt nicht zum Wohl der Menschheitsfamilie bei. Wir haben also einige moderate Vorschläge gemacht. Wobei wir für die Finanztransaktionssteuer gar nicht so sehr kritisiert wurden wie für den Vorschlag einer politischen Regulierungsbehörde mit einer globalen Kompetenz. Man warf uns vor, wir würden eine Weltregierung propagieren, und einige meinten sogar, die katholische Kirche selber wolle zu dieser Weltregierung werden. Davon kann natürlich keine Rede sein. Wir wollten sagen: Die globale Finanzsituation bedarf einer Art Regulierung. Kein einzelner Staat kann diese Fragen allein lösen. Wir brauchen daher eine Autorität, die diese Regulierung durchführen kann und ein Auge auf bestimmte Fehlentwicklungen hat. Wir wollten eine globale Regulierungsbehörde und nicht mehr.

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