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Unheilige Allianzen

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Am 10. April jährt sich der Geburtstag des 1983 verstorbenen Friedrich Heer zum 90. Mal. Die furche widmet der prägenden Gestalt ihrer frühen Jahrzehnte aus diesem Anlass einmal mehr ein Dossier. Es basiert auf Vorträgen eines Symposiums, das die Volkshochschule Hietzing am 10./11. März in Kooperation mit der furche veranstaltet hat. Zu sehen ist dort auch eine kleine Ausstellung mit faksimilierten Heer-Artikeln aus der furche (s. Seite 22) - drei davon dienen zur Illustration der folgenden Seiten. Redaktion: Rudolf Mitlöhner Eine Relecture von "Der Glaube des Adolf Hitler" (1968) vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Spannungsfeldes von Politik und Religion.

Die Frage der Aktualität Friedrich Heers ist nicht leicht, nicht eindeutig zu beantworten. In gewisser Weise ist Heer auch ein Opfer seines verschwiegenen Erfolges. Er gehört zweifelsohne zu jener raren Spezies österreichischer Intellektueller, welche die kulturelle Befindlichkeit dieser Republik nachhaltig geprägt und dauerhaft verändert haben: Ich meine den Umgang mit den dunklen Schatten der Vergangenheit, die Aufarbeitung eines tief sitzenden Antisemitismus, seinen Beitrag zu einem zeitgemäßen Christentum, Heers Einsatz für eine österreichische Identität, die nicht heimatselig, nicht nostalgisch, nicht selbstverliebt ist. Unverkennbar, dass Heers Ruvre damit auch - im besten Sinn des Wortes - historisch geworden ist.

Im Gegensatz dazu möchte ich eine aktuelle Neulektüre Heers vorschlagen, die ihn in einen neuen Kontext stellt, in einen europäischen Kontext, der die Shoah als europäisches Narrativ begreift und ihn unter einem primär kulturwissenschaftlichen Blickwinkel betrachtet. Insbesondere seine Studie über den Katholiken Adolf Hitler - "Der Glaube des Adolf Hitler" (1968) - sein wohl erfolgreichstes Buch, scheint mir hierfür ein besonders geeignetes Objekt.

Katholik Hitler

Vielleicht kommt man der Eigenart des Werkes näher, wenn man sich den Untertitel des Buches vor Augen führt: "Anatomie einer politischen Religiosität". In seinem Zentrum steht ein ganz bestimmter Aspekt, der uns heute aus den verschiedensten Gründen interessiert: der Zusammenhang von Religion und Politik. Nach innen wie nach außen ist die Bedeutung des Religiösen in der globalen Welt, gerade für die Politik unserer Tage unübersehbar. Das gilt für die Aufmerksamkeit für den Konflikt des post-christlichen Westens mit dem Islam ebenso wie für die zukünftige Politik des verfassten Katholizismus unter dem Pontifikat von Benedikt XVI.

Die politische Religiosität, die sich Heer am Beispiel Hitlers kritisch vornimmt, ist keineswegs nur auf die ideologische Gemengelage des Nationalsozialismus beschränkt. Heer vermag nämlich zu zeigen, dass Hitler, durchaus ein exemplarischer Zeitgenosse, vom katholischen Umfeld seines Landes maßgeblich beeinflusst gewesen ist und sich bis weit in die 1930er Jahre hinein als Katholik verstanden hat. Insofern ist die politische Religiosität Hitlers keineswegs ein historisch abgeschlossenes Kapitel, sondern muss in die Geschichte jenes politischen Katholizismus eingeordnet werden, dem sich Heer, der politische Wanderer vom Ständestaat zum aufgeklärten Christentum mit unverkennbar sozialer Färbung, selbst kritisch zugeordnet hat. Das bis zum heutigen Tag aktuell gebliebene Buch gipfelt in der Frage, welchen Weg die katholische Kirche einschlagen soll und inwieweit sie jener Wende folgen wird, die mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eingeleitet wurde, jener inneren Reform der Kirche, die Heer im letzten Teil des Buches gegen die offenen wie heimlichen Gegner verteidigt.

Kirchlicher Antimodernismus

"Der Glaube des Adolf Hitler" ist eine mit Leidenschaft vorgetragene Anklageschrift, eine bittere Bilanz der Pontifikate insbesondere der beiden letzten Pius-Päpste. Dabei geht es nicht allein um die zeitweilige Zusammenarbeit des Vatikans mit den Diktatoren in Rom und Berlin, sondern auch darum, dass diese Kirche in ihrer Mehrheit niemals im 20. Jahrhundert angekommen war. Ihr von Heer kritisch beleuchteter Antimodernismus bildete das Einfallstor für Antisemitismus und Autoritarismus. Heers Kernthese unterscheidet sich in nichts von Thomas Bernhards Diagnose in seinem letzten, allegorischen Roman "Auslöschung", in der die nationalsozialistische Mutter ein in jeder Hinsicht intimes Verhältnis mit einem römischen Kardinal unterhält. Heers Anatomie zielt genau auf diese unfeine und skandalöse Liaison. Mit überschäumender Lust am Zitieren führt dieser durch und durch subjektive Text, der sich nicht schont, eine politische Religiosität vor, die von der Feindschaft gegen die Sexualität und die Frau, von der Vorliebe für autoritäre politische Strukturen, von der Feindseligkeit gegen die moderne Wissenschaft, von massivem Antisemitismus sowie von der Feindseligkeit gegenüber der säkularen Welt bestimmt ist. Auf den ersten Blick haben sich mittlerweile einige Probleme gelöst: Man wird sagen können, dass der marianische, sozialkonservative Johannes Paul II. ein deklarierter Freund des Judentums gewesen ist und auch die Ökumene ein - wenn auch nur winziges - Stück weitergebracht hat; man wird auch sagen können, dass die katholische Kirche bei der Demokratisierung des mittleren und östlichen Europas - nicht nur in Polen - geistig wie praktisch eine wichtige Rolle gespielt hat. Im Unterschied freilich zu den politischen Umbrüchen, die sich in den siebziger Jahren in Spanien und Portugal vollzogen haben; hier blieb die Kirche, wie Heer anno 1968 empört schreibt, lange Zeit eine verlässliche Stütze der autoritären Regime.

Liest man Heers Buch heute neu, dann sticht ins Auge, dass diese dunklen Seiten (etwa der kirchliche Antisemitismus) aus den offiziellen Gedanken-und Gedenkjahren - 1988 oder 2005 - gleichsam verschwunden, aus dem kollektiven Gedächtnis des Landes getilgt und gelöscht sind.

"Volksfront" von rechts

Verschattet ist auch der Umstand, dass die Konkordate in Deutschland und Österreich bleibende Folgen des nicht nur äußeren Zusammenspiels von Katholizismus und Nationalsozialismus gewesen sind. Gewiss, Heer pointiert in seiner historischen Anklageschrift, aber die uns durch mutige Christen lieb gewordene Sicht von der prinzipiellen Unvereinbarkeit von Nationalsozialismus und Christentum relativiert sich im historischen Kontext, in dem eine mehrheitlich antidemokratische, gegenmoderne Einrichtung auf eine Bewegung trifft, in der diese Denkstile ebenfalls eine bedeutende Rolle spielen. In Heers polemischer und zugleich nüchterner Bilanz werden die kritischen Stimmen nicht unterschlagen, sie erscheinen aber marginalisiert; es überwiegt das Bild einer Kirche, die williger Partner oder hilfloser Gegner war und die im Kommunismus einen gemeinsamen Feind gefunden und damit die Basis für eine "Volksfront" von rechts geschaffen hatte.

Autoritäre Sozialisation

Unter Einbezug der eigenen autoritären Sozialisation spricht Heer von einem "österreichischen katholischen Nationalsozialismus". Ein solcher österreichischer katholischer Nationalsozialist ist zunächst auch Adolf Hitler, ein Bewunderer der institutionellen Dauerhaftigkeit der römischen Kirche, ein Gewohnheitskatholik, vor allem aber ein Mensch, dessen persönliche Durchformung durch und durch österreichisch-katholisch geprägt ist. Gleich zu Beginn seines locker gefügten Buches stellt Heer diesen jungen Adolf als einen kulturellen Durchschnittsmenschen dar. Er leuchtet Hitlers im bäuerlichen Milieu des Waldviertels verankerte paternalistische Familie aus, beschreibt die Aufsteigermentalität des übermächtigen, sexuell hyperaktiven Vaters, die autoritär-katholisch und/oder deutschnational gestimmte Lehrerschaft an den Schulen, die Hitler durchlaufen hat. Nicht wenige Gesinnungstäter im Umfeld von Nationalismus, Faschismus und Kommunismus entstammen dem unteren Mittelstand, der offenkundig für das Ressentiment besonders anfällig ist.

Weltgeschichtlich sind Hitlers Untergang und das Scheitern seines "Projekts" eine frohe Botschaft, ein Evangelium - aber es ist nicht automatisch eines für das Christentum, das Hitler überlebt hat. Nur wenn es seine innere Lähmung, jene Mischung aus innerer Aushöhlung und trotziger Abwehrhaltung, überwindet, könnte das Christentum, so Heer, imstande sein, wieder eine führende Rolle in der modernen Kultur zu übernehmen. Wie der Fundamentalismus unserer Tage in all seinen kulturellen Ausprägungen sinnfällig macht, war und ist auch der Antimodernismus im Christentum überwiegend eine moderne Reaktionsbildung, die auf den Erhalt bestimmter soziokultureller Muster, Habitus, Dogmen, Lebensstile und-formen gerichtet ist.

Religiosität ohne Kirchen

Die Hauptgefahr für die Kirchen, auch das lässt sich bei Heer studieren, ist schon längst nicht mehr der materialistische Atheismus, sondern eine Religiosität, die sich in der Kirche nicht mehr zu Hause fühlt, schon allein deshalb, weil ihr deren Machtförmigkeit zutiefst suspekt ist.

Der große Essay über den Katholiken Adolf Hitler hat ebenso wie Heers Spurensuche des Antisemistismus im christlichen Europa ("Gottes erste Liebe") die ihm ganz eigene Frische bewahrt. Hitlers Code, im Traditionsraum des österreichischen Katholizismus gründend, wurde - so lautet die provokante These - gerade von jenen verstanden, die sich innerhalb der Kirche und außerhalb der nationalsozialistischen Bewegung befanden. Nebenbei bemerkt, relativiert das Buch des christdemokratischen Intellektuellen Heer nachhaltig und schmerzlich ein Narrativ, das für das bürgerliche Lager in diesem Land so bedeutsam gewesen ist: jene Erzählung von der prinzipiellen Gegnerschaft zwischen österreichischem Konservatismus und deutschem Nationalsozialismus.

Lektüre für heute

Im Kontext der heutigen kulturellen Wende gelesen, ist Heers essayistisch vorgetragene Studie, die mit Hitlers Jugend beginnt und mit dem Zustand der Papstkirche in den sechziger Jahren endet, ein außerordentlich gegenwärtiges Buch. Insofern es den Zusammenhang zwischen männlicher Geschlechterrolle und politischer "Verfassung" thematisiert, müsste es eigentlich auch die heutige intellektuelle Generation beschäftigen, die sich mit dem kollektiven Gedächtnis, mit Fragen der Geschlechter-Analyse, mit Globalisierung und sozialen Fragen, nicht zuletzt aber mit Sinn und Wert beschäftigt.

Der Autor ist Literatur-und Kulturwissenschafter und lehrt an der Universität Wien sowie an der Diplomatischen Akademie.

Am 10. April jährt sich der Geburtstag des 1983 verstorbenen Friedrich Heer zum 90. Mal. Die furche widmet der prägenden Gestalt ihrer frühen Jahrzehnte aus diesem Anlass einmal mehr ein Dossier. Es basiert auf Vorträgen eines Symposiums, das die Volkshochschule Hietzing am 10./11. März in Kooperation mit der furche veranstaltet hat. Zu sehen ist dort auch eine kleine Ausstellung mit faksimilierten Heer-Artikeln aus der furche (s. Seite 22) - drei davon dienen zur Illustration der folgenden Seiten. Redaktion: Rudolf Mitlöhner Eine Relecture von "Der Glaube des Adolf Hitler" (1968) vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Spannungsfeldes von Politik und Religion.

Die Frage der Aktualität Friedrich Heers ist nicht leicht, nicht eindeutig zu beantworten. In gewisser Weise ist Heer auch ein Opfer seines verschwiegenen Erfolges. Er gehört zweifelsohne zu jener raren Spezies österreichischer Intellektueller, welche die kulturelle Befindlichkeit dieser Republik nachhaltig geprägt und dauerhaft verändert haben: Ich meine den Umgang mit den dunklen Schatten der Vergangenheit, die Aufarbeitung eines tief sitzenden Antisemitismus, seinen Beitrag zu einem zeitgemäßen Christentum, Heers Einsatz für eine österreichische Identität, die nicht heimatselig, nicht nostalgisch, nicht selbstverliebt ist. Unverkennbar, dass Heers Ruvre damit auch - im besten Sinn des Wortes - historisch geworden ist.

Im Gegensatz dazu möchte ich eine aktuelle Neulektüre Heers vorschlagen, die ihn in einen neuen Kontext stellt, in einen europäischen Kontext, der die Shoah als europäisches Narrativ begreift und ihn unter einem primär kulturwissenschaftlichen Blickwinkel betrachtet. Insbesondere seine Studie über den Katholiken Adolf Hitler - "Der Glaube des Adolf Hitler" (1968) - sein wohl erfolgreichstes Buch, scheint mir hierfür ein besonders geeignetes Objekt.

Katholik Hitler

Vielleicht kommt man der Eigenart des Werkes näher, wenn man sich den Untertitel des Buches vor Augen führt: "Anatomie einer politischen Religiosität". In seinem Zentrum steht ein ganz bestimmter Aspekt, der uns heute aus den verschiedensten Gründen interessiert: der Zusammenhang von Religion und Politik. Nach innen wie nach außen ist die Bedeutung des Religiösen in der globalen Welt, gerade für die Politik unserer Tage unübersehbar. Das gilt für die Aufmerksamkeit für den Konflikt des post-christlichen Westens mit dem Islam ebenso wie für die zukünftige Politik des verfassten Katholizismus unter dem Pontifikat von Benedikt XVI.

Die politische Religiosität, die sich Heer am Beispiel Hitlers kritisch vornimmt, ist keineswegs nur auf die ideologische Gemengelage des Nationalsozialismus beschränkt. Heer vermag nämlich zu zeigen, dass Hitler, durchaus ein exemplarischer Zeitgenosse, vom katholischen Umfeld seines Landes maßgeblich beeinflusst gewesen ist und sich bis weit in die 1930er Jahre hinein als Katholik verstanden hat. Insofern ist die politische Religiosität Hitlers keineswegs ein historisch abgeschlossenes Kapitel, sondern muss in die Geschichte jenes politischen Katholizismus eingeordnet werden, dem sich Heer, der politische Wanderer vom Ständestaat zum aufgeklärten Christentum mit unverkennbar sozialer Färbung, selbst kritisch zugeordnet hat. Das bis zum heutigen Tag aktuell gebliebene Buch gipfelt in der Frage, welchen Weg die katholische Kirche einschlagen soll und inwieweit sie jener Wende folgen wird, die mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eingeleitet wurde, jener inneren Reform der Kirche, die Heer im letzten Teil des Buches gegen die offenen wie heimlichen Gegner verteidigt.

Kirchlicher Antimodernismus

"Der Glaube des Adolf Hitler" ist eine mit Leidenschaft vorgetragene Anklageschrift, eine bittere Bilanz der Pontifikate insbesondere der beiden letzten Pius-Päpste. Dabei geht es nicht allein um die zeitweilige Zusammenarbeit des Vatikans mit den Diktatoren in Rom und Berlin, sondern auch darum, dass diese Kirche in ihrer Mehrheit niemals im 20. Jahrhundert angekommen war. Ihr von Heer kritisch beleuchteter Antimodernismus bildete das Einfallstor für Antisemitismus und Autoritarismus. Heers Kernthese unterscheidet sich in nichts von Thomas Bernhards Diagnose in seinem letzten, allegorischen Roman "Auslöschung", in der die nationalsozialistische Mutter ein in jeder Hinsicht intimes Verhältnis mit einem römischen Kardinal unterhält. Heers Anatomie zielt genau auf diese unfeine und skandalöse Liaison. Mit überschäumender Lust am Zitieren führt dieser durch und durch subjektive Text, der sich nicht schont, eine politische Religiosität vor, die von der Feindschaft gegen die Sexualität und die Frau, von der Vorliebe für autoritäre politische Strukturen, von der Feindseligkeit gegen die moderne Wissenschaft, von massivem Antisemitismus sowie von der Feindseligkeit gegenüber der säkularen Welt bestimmt ist. Auf den ersten Blick haben sich mittlerweile einige Probleme gelöst: Man wird sagen können, dass der marianische, sozialkonservative Johannes Paul II. ein deklarierter Freund des Judentums gewesen ist und auch die Ökumene ein - wenn auch nur winziges - Stück weitergebracht hat; man wird auch sagen können, dass die katholische Kirche bei der Demokratisierung des mittleren und östlichen Europas - nicht nur in Polen - geistig wie praktisch eine wichtige Rolle gespielt hat. Im Unterschied freilich zu den politischen Umbrüchen, die sich in den siebziger Jahren in Spanien und Portugal vollzogen haben; hier blieb die Kirche, wie Heer anno 1968 empört schreibt, lange Zeit eine verlässliche Stütze der autoritären Regime.

Liest man Heers Buch heute neu, dann sticht ins Auge, dass diese dunklen Seiten (etwa der kirchliche Antisemitismus) aus den offiziellen Gedanken-und Gedenkjahren - 1988 oder 2005 - gleichsam verschwunden, aus dem kollektiven Gedächtnis des Landes getilgt und gelöscht sind.

"Volksfront" von rechts

Verschattet ist auch der Umstand, dass die Konkordate in Deutschland und Österreich bleibende Folgen des nicht nur äußeren Zusammenspiels von Katholizismus und Nationalsozialismus gewesen sind. Gewiss, Heer pointiert in seiner historischen Anklageschrift, aber die uns durch mutige Christen lieb gewordene Sicht von der prinzipiellen Unvereinbarkeit von Nationalsozialismus und Christentum relativiert sich im historischen Kontext, in dem eine mehrheitlich antidemokratische, gegenmoderne Einrichtung auf eine Bewegung trifft, in der diese Denkstile ebenfalls eine bedeutende Rolle spielen. In Heers polemischer und zugleich nüchterner Bilanz werden die kritischen Stimmen nicht unterschlagen, sie erscheinen aber marginalisiert; es überwiegt das Bild einer Kirche, die williger Partner oder hilfloser Gegner war und die im Kommunismus einen gemeinsamen Feind gefunden und damit die Basis für eine "Volksfront" von rechts geschaffen hatte.

Autoritäre Sozialisation

Unter Einbezug der eigenen autoritären Sozialisation spricht Heer von einem "österreichischen katholischen Nationalsozialismus". Ein solcher österreichischer katholischer Nationalsozialist ist zunächst auch Adolf Hitler, ein Bewunderer der institutionellen Dauerhaftigkeit der römischen Kirche, ein Gewohnheitskatholik, vor allem aber ein Mensch, dessen persönliche Durchformung durch und durch österreichisch-katholisch geprägt ist. Gleich zu Beginn seines locker gefügten Buches stellt Heer diesen jungen Adolf als einen kulturellen Durchschnittsmenschen dar. Er leuchtet Hitlers im bäuerlichen Milieu des Waldviertels verankerte paternalistische Familie aus, beschreibt die Aufsteigermentalität des übermächtigen, sexuell hyperaktiven Vaters, die autoritär-katholisch und/oder deutschnational gestimmte Lehrerschaft an den Schulen, die Hitler durchlaufen hat. Nicht wenige Gesinnungstäter im Umfeld von Nationalismus, Faschismus und Kommunismus entstammen dem unteren Mittelstand, der offenkundig für das Ressentiment besonders anfällig ist.

Weltgeschichtlich sind Hitlers Untergang und das Scheitern seines "Projekts" eine frohe Botschaft, ein Evangelium - aber es ist nicht automatisch eines für das Christentum, das Hitler überlebt hat. Nur wenn es seine innere Lähmung, jene Mischung aus innerer Aushöhlung und trotziger Abwehrhaltung, überwindet, könnte das Christentum, so Heer, imstande sein, wieder eine führende Rolle in der modernen Kultur zu übernehmen. Wie der Fundamentalismus unserer Tage in all seinen kulturellen Ausprägungen sinnfällig macht, war und ist auch der Antimodernismus im Christentum überwiegend eine moderne Reaktionsbildung, die auf den Erhalt bestimmter soziokultureller Muster, Habitus, Dogmen, Lebensstile und-formen gerichtet ist.

Religiosität ohne Kirchen

Die Hauptgefahr für die Kirchen, auch das lässt sich bei Heer studieren, ist schon längst nicht mehr der materialistische Atheismus, sondern eine Religiosität, die sich in der Kirche nicht mehr zu Hause fühlt, schon allein deshalb, weil ihr deren Machtförmigkeit zutiefst suspekt ist.

Der große Essay über den Katholiken Adolf Hitler hat ebenso wie Heers Spurensuche des Antisemistismus im christlichen Europa ("Gottes erste Liebe") die ihm ganz eigene Frische bewahrt. Hitlers Code, im Traditionsraum des österreichischen Katholizismus gründend, wurde - so lautet die provokante These - gerade von jenen verstanden, die sich innerhalb der Kirche und außerhalb der nationalsozialistischen Bewegung befanden. Nebenbei bemerkt, relativiert das Buch des christdemokratischen Intellektuellen Heer nachhaltig und schmerzlich ein Narrativ, das für das bürgerliche Lager in diesem Land so bedeutsam gewesen ist: jene Erzählung von der prinzipiellen Gegnerschaft zwischen österreichischem Konservatismus und deutschem Nationalsozialismus.

Lektüre für heute

Im Kontext der heutigen kulturellen Wende gelesen, ist Heers essayistisch vorgetragene Studie, die mit Hitlers Jugend beginnt und mit dem Zustand der Papstkirche in den sechziger Jahren endet, ein außerordentlich gegenwärtiges Buch. Insofern es den Zusammenhang zwischen männlicher Geschlechterrolle und politischer "Verfassung" thematisiert, müsste es eigentlich auch die heutige intellektuelle Generation beschäftigen, die sich mit dem kollektiven Gedächtnis, mit Fragen der Geschlechter-Analyse, mit Globalisierung und sozialen Fragen, nicht zuletzt aber mit Sinn und Wert beschäftigt.

Der Autor ist Literatur-und Kulturwissenschafter und lehrt an der Universität Wien sowie an der Diplomatischen Akademie.