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"Unkritische mediale EUPHORIE"

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Als politische Inszenierung war der Weltklimagipfel von Paris ein Erfolg. Aber gibt es tatsächlich etwas zu feiern? Der Klimaökonom Stefan Schleicher hat da Bedenken.

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Als politische Inszenierung war der Weltklimagipfel von Paris ein Erfolg. Aber gibt es tatsächlich etwas zu feiern? Der Klimaökonom Stefan Schleicher hat da Bedenken.

Als ein "Wendepunkt für die Menschheit" wurde das Ergebnis de Klimagipfels von Paris bejubelt. Vom Ziel die Erwärmung der Atmosphäre nicht über ein Plus von 1.5 Grad steigen zu lassen ist unter anderem im Abschlussdokument zu lesen. Stefan Schleicher war jahrelang an den UN-Klimaverhandlungen beteiligt. Der Ökonom der Universität Graz ist skeptisch.

DIE FURCHE: Weltweit scheint enorme Begeisterung über die Ergebnisse des Klimagipfels in Paris zu herrschen. Ban Ki-moon spricht von einem "monumentalen Triumph". Die Medien feiern mit. Der Spiegel titelt "Wunder von Paris". Sind Sie auch so zufrieden?

Stephan Schleicher: Als jahrelanger Begleiter dieser Klimakonferenzen habe ich gelernt, zwischen Verpackung und Inhalt zu unterscheiden. Sichtbar gescheitert ist 2009 die Konferenz in Kopenhagen. Inzwischen haben die Veranstalter gelernt ein mediales Megaevent zu produzieren und jedes noch so bescheidene Ergebnis lautstark bejubeln zu lassen. Die Pariser Konferenz wurde nach dieser Regie abgewickelt.

DIE FURCHE: Warum sind auch die sonst so kritischen Klimaschutzorganisationen so froh gestimmt?

Schleicher: Umweltorganisationen geht es nicht besser als Ministern, die im Windschatten der eher unkritischen medialen Euphorie mehr Aufmerksamkeit für die Agenda der Klimapolitik und mehr Zustimmung bei den Ministerkollegen erwarten.

DIE FURCHE: Sie selbst haben vor dem Gipfel ein Policy Paper erstellt, das die Ergebnisse zumindest in großen Teilen vorweggenommen hat. Von großen Fortschritten oder gar entscheidenden Trendänderungen zurück zu einer rechtlich verbindlichen Klimaarchitektur ist da nicht die Rede.

Schleicher: Die Umrisse für das Pariser Abkommen wurden schon vor einem Jahr beim Besuch des US-Präsidenten Obama in China mit seinem Amtskollegen Xi gelegt. Die nur scheinbar tragende Säule ist Freiwilligkeit ohne Verbindlichkeiten, Kontrollen oder gar Sanktionen.

DIE FURCHE: Also ein Staat, der das Abkommen unterzeichnet und dann nichts gegen den Klimawandel tut kann nicht bestraft werden.

Schleicher: Eine solche Situation kann allein aufgrund von politischen Kurswechseln in den Regierungen eintreten. Diesbezüglich ist das Paris Abkommen voll verletzbar.

DIE FURCHE: Gehen wir einmal davon aus, dass ein Staat seine Verpflichtungen ernst nimmt. Was würde das Abkommen konkret für Österreich bedeuten? Anders gefragt: Wer wird das bezahlen?

Schleicher: Für Österreich wird der als Tabubereich behandelte weiße Fleck Energie und Klima auf der politischen Landkarte zu betreten sein. Dafür müssen viele sinnlose Subventionssümpfe trocken gelegt werden, die von kontraproduktiven Pendlerpauschalen bis zu schwarzen Löchern bei der Verwendung der Gelder für die Wohnbauförderung reichen.

DIE FURCHE: Das klingt nach weitreichenden und sehr umstrittenen Reformen. Und ganz generell gefragt: Würden sich die Beteiligten an die Vereinbarung halten, müssten Energetische Emissionen von Treibhausgasen weit vor 2050 auf Null gesetzt werden. Wie realistisch ist denn das?

Schleicher: Ich gestehe, dass ich mir das noch nicht vorstellen kann. Es sind aber viele Überraschungen denkbar: Die angenehmste wäre die Einsicht, dass Energieeffizienz und Erneuerbare uns wirklich einen solchen radikalen Schritt ermöglichen; die unangenehmste könnten gravierende Vorfälle sein, die von politischen bis zu klimabedingten Katastrophen reichen und uns keine andere Wahl lassen.

DIE FURCHE: Ich nehme jetzt nur einmal den jüngsten World Energy Outlook her. Die Internationale Energieagentur erwartet bis 2040 einen Anstieg des Energiebedarfs von 40 Prozent. Wie soll sich das denn ausgehen?

Schleicher: Der World Energy Outlook sieht die Energiezukunft gleichsam durch den Rückspiegel, weil von der Vergangenheit in die Zukunft extrapoliert wird. Die Pariser Vereinbarung propagiert aber ein völlig anderes Mindset mit dem Blick auf ein zukünftiges Ziel das Energiesystem auf einen neuen Kurs zu bringen. Wird Paris als Orientierung akzeptiert, wofür sich auch prominente Vertreter von Banken und Unternehmungen aussprechen, dann kann die Internationale Energieagentur ihre Zahlen schubladisieren.

DIE FURCHE: Es ist schön, dass sich der Anteil erneuerbarer Energieträger mehr als vervierfachen dürfte. Aber bis 2030 wird auch der bedarf an Kohle um 30 prozent steigen und der Bedarf an Gas um 80 prozent zunehmen. Welche Entwicklung müsste eintreten, damit alle positiven Szenarien eintreten?

Schleicher: In dieem Zusammenhang gilt ähnliches. Die Internationale Energieagentur argumentiert bezüglich dieser Zahlen aus einer Tunnelsperspektive. Sie übersieht, dass schon jetzt in vielen Teilen der Welt die neuen Erneuerbaren Wind und PV voll wettbewerbsfähig mit Kohle und Gas geworden sind. Prominente Banken warnen Investoren vor weiteren Investitionen in die fossile Energiewirtschaft wegen aussichtsloser Rentabilität.

DIE FURCHE: Die Zusagen für COP 21 hätten ausgereicht um die Erderwärmung auf 2,7 Grad zu beschränken. Nun sollen es 1,5 Grad werden. Das Investment für die 2,7 Grad hätte 13,5 Billionen Dollar gekostet. Wieviel kosten 1,5 Grad?

Schleicher: Solche genannten Zahlen halten einer Tiefenprüfung nicht statt. Es reicht nämlich meist, bei notwendigen Ersatzinvestitionen die alten Technologien durch neue auszutauschen. Bei Gebäuden lässt sich zeigen, dass erhöhte Investitionskosten durch verringerte Betriebskosten ausgeglichen werden können.

DIE FURCHE: Aber die einzigen Senkungen im Energiebedarf wird es vermutlich in Europa, den USA und und Japan geben. Vor allem in China und Indien wird der Bedarf drastisch ansteigen.

Schleicher: China könnte für Indien ein warnendes Beispiel sein für eine Verirrung der Energiepolitik in eine auf Kohle basierte Sackgasse. Gas hat in einem hocheffizienten Energiesystem nur dort eine Rolle, wo die hohe Qualität bezüglich Arbeitsfähigkeit und die Temperatur gebraucht wird. Dafür sind aber keine zusätzlichen Mengen notwendig.

DIE FURCHE: Eine Frage noch zu Indien. Zu Beginn des Klimagipfels war auch ein Bild aus Dehli zu sehen. Besser gesagt war Dehli wegen Smogs nicht mehr zu sehen. Nun wird Indien mit steigendem Wohlstand 600 Millionen zusätzliche Elektrizitätskonsumenten haben. Wie damit umgehen?

Schleicher: Gerade ein Land wie Indien hat die Chance, die Kohlephase bei Elektrizität zu überspringen und sofort in das Zeitalter erneuerbarer Energie einzusteigen. Ähnliches ereignete sich bereits beim Telefonsystem, das die Technologie der Festnetze mit dem Mobilfunk einfach übersprang.

DIE FURCHE: Energieeffizienz und Klimaschutz könnten Wachstum und Arbeitsplätze kosten. Stimmt diese Warnung?

Schleicher: Natürlich ist denkbar, dass durch vermehrte Klimaschäden auch vermehrte Reparaturaktiven gesetzt werden müssen und somit Wirtschaftswachstum im eingeengten Verständnis der Messlatte Brutto-Inlandsprodukt entsteht. Umgekehrt wird durch höhere Energieproduktivität weniger Energieverbrauch und damit vielleicht auch weniger Arbeit erforderlich. Beides sind eigentlich Hinweise darauf, dass bessere Maße für die Beurteilung von Wohlstand notwendig sind.

Das Gespräch führte Oliver Tanzer

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