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Unmögliches Nebeneinanderauf den Feldern

Am 5. und 6. April veranstaltet die EU-Kommission in Wien eine große Konferenz zum Thema Koexistenz, dem Nebeneinander von traditioneller und Gentechnik-Landwirtschaft. Den Laborpflanzen soll auch in Europa zum Durchbruch verholfen werden.

Freedom of choice" - "Wahlfreiheit" lautet der Titel der Koexistenz-Konferenz, die unter anderem mit Umweltkommissar Stavros Dimas, Landwirtschaftskommissarin Mariann Fischer Boel sowie Landwirtschaftsminister Josef Pröll den Weg in die Agrar-Zukunft weisen will.

Doch ganz frei von unkritischen Begleittönen wird die Veranstaltung nicht ablaufen: Mehr als zwanzig Organisationen aus den Bereichen Landwirtschaft, Umweltschutz, Menschenrechte und Globalisierungskritik laden am 5. April um acht Uhr früh beim Wiener Praterstern zu einem "Marsch für gentechnikfreie Regionen" ein. Delegationen aus ganz Europa haben sich bereits angesagt. "Koexistenz funktioniert nicht auf kleinen Flächen", lautet die Kernaussage der Veranstalter. Doch bei manchen Pflanzenarten ist Koexistenz nicht einmal in einer großräumigen Landwirtschaft möglich: So gibt es beispielsweise in ganz Kanada kein gentechnikfreies Rapsfeld mehr.

Autoservice beim Zahnarzt

Die kleinräumige Struktur war auch der Grund, warum das Land Oberösterreich mit den Stimmen aller vier Landtagsparteien ein befristetes Gentechnik-Anbauverbotsgesetz beschließen wollte. Wissenschaftliche Grundlage war eine Studie des unabhängigen Risikoforschers Werner Müller aus dem Jahr 2002. Ergebnis: Bei Raps ist ein Nebeneinander von gentechnisch veränderten und traditionellen Pflanzen unmöglich, bei Mais geht unter einem Mindestabstand von 1,6 Kilometern zwischen den "feindlichen" Feldern gar nichts - anzuraten wäre aber eine Entfernung von vier Kilometern. Demzufolge sei eine Koexistenz bei Raps und Mais undenkbar, schließlich dürfen in Österreich traditionelle Pflanzen mit maximal 0,1 Prozent gentechnisch veränderten Organismen (gvo) verunreinigt sein (siehe auch Seite 3).

Die Europäische Lebensmittelbehörde efsa, die im Auftrag der eu-Kommission das wissenschaftliche Gutachten zur Studie Müllers abgab, sah das anders: Sie ging jedoch auf die Koexistenz überhaupt nicht ein, sondern sprach nur von fehlenden wissenschaftlichen Erkenntnissen bezüglich Umweltrisiken - die in der Studie aber keine Rolle spielten. Dieser Diktion schlossen sich die eu-Kommission und im Berufungsverfahren auch der Europäische Gerichtshof (eugh) an. Für Müller ist dies ein Skandal: "Das wäre vergleichbar mit dem Fall, dass ich mein Auto zum Zahnarzt zum Service bringen soll und dieser dann sagt, er kann es nicht reparieren."

Dabei sollte niemand besser wissen als die eu-Kommission, dass sich Pollen genmanipulierter Pflanzen über Wind und Insekten auf bis dato gentechnikfreie Felder verbreiten und diese somit gentechnisch verschmutzen. Bereits im Jahre 2002 ließ sie von der hauseigenen Forschungsstelle, dem "Joint Research Centre", die Auswirkungen eines Gentechnik-Anbaus auf die traditionelle Landwirtschaft unter die Lupe nehmen. Untersucht wurden Raps für die Samengewinnung, für Futtermittelzwecke angebauter Mais und Speisekartoffeln. Die Ergebnisse hätten klarer nicht ausfallen können: Selbst wenn nur auf zehn Prozent der Äcker Gentechnik-Pflanzen wachsen, ist auf den restlichen Äckern eine Ernte mit einer Gentechnik-Verschmutzung von unter 0,1 Prozent kaum mehr möglich. Je mehr genmanipulierte Pflanzen angebaut werden, desto schwieriger und teurer wird es, selbst unter einem Prozent zu bleiben. Zusätzlich hat der gentechnikfrei wirtschaftende Bauer laut Studie mit Mehrkosten von bis zu 40 Prozent zu rechnen und bleibt dennoch von der Auskreuzung durch genmanipulierte Pflanzen nicht verschont. Die Ergebnisse waren so brisant, dass sie offensichtlich geheimgehalten werden sollten: "Da es sich um eine sensible Angelegenheit handelt, schlage ich vor, den Bericht nur für den internen Gebrauch der Kommission zu nutzen", empfahl Barry McSweeney, Direktor des Joint Research Centers, der eu-Kommission in einem Begleitschreiben. Schließlich gelang es Greenpeace, eine Zusammenfassung plus Auszüge aus diesem Schreiben zu veröffentlichen.

Trotzdem gab die eu-Kommission im Juli 2003 "Leitlinien zur Koexistenz" heraus. Der damalige Agrarkommissar Franz Fischler stand dabei nicht an, zu betonen, dass "eine verantwortungsvolle Anwendung der Biotechnologie große Chancen für den europäischen Agrarsektor" biete. Als eine Möglichkeit, eine Vermischung von genmanipulierten und gentechnikfreien Pflanzen zu verhindern, nannte er "Pollenbarrieren, wie zum Beispiel Hecken". Die Frage, wie Bienen oder Wind von Hecken an der Verbreitung von Pollen gehindert werden sollen, blieb er jedoch schuldig.

EU-Taschenspielertrick

Des Rätsels Lösung, warum die EU-Kommission ausgerechnet mit dem Zauberwort "Koexistenz" den Laborpflanzen zum Durchbruch verhelfen will, scheint in einem bislang kaum bekanntenTaschenspielertrick begründet zu sein: "Gentechnikfrei" heißt in der eu-Diktion nicht gentechnikfrei im Sinne absolut sauberer Äcker und Lebensmittel, sondern bis zu einem Gentechnik-Anteil von 0,9 Prozent.

Knackpunkt Saatgut

Dementsprechend wurde bei der im April 2004 schlagend gewordenen eu-Gentechnik-Kennzeichnungsrichtlinie für Nahrungs-und Futtermittel der Grenzwert mit 0,9 Prozent festgelegt. Bis zu diesem Wert wird das jeweilige Produkt nicht als "gentechnisch verändert" gekennzeichnet. In diesem Sinne sollte im Saatgut eine Gentechnik-Kontamination von bis zu 0,5 erlaubt werden - damit bei weiteren Verschmutzungen in der Verarbeitung der Wert von 0,9 Prozent Gentechnik-Anteil im Endprodukt gerade noch unterschritten werden kann. Nur massive Proteste von rund 300 Nichtregierungsorganisationen bewirkten, dass es diesbezüglich noch immer keine Regelung gibt. Die Ablehnung war auch deshalb so groß, weil Saatgut am Anfang der Nahrungskette steht und bei dessen erlaubter Kontaminierung die gentechnikfreie Landwirtschaft mit einem Schlag vernichtet wäre.

Doch auch bei der konkreten Umsetzung der Koexistenz-Maßnahmen klemmt es: Für diese wollte sich die eu-Kommission nicht verantwortlich zeichnen und schob den Ball an die Mitgliedsländer weiter, die wiederum vor einer schier unlösbaren Aufgabe stehen: Auf der einen Seite dürfen sie Gentechnik nicht verbieten, auf der anderen Seite sollen sie die gentechnikfreien Felder beziehungsweise Pflanzen - im Rahmen der Grenzwerte - schützen. Zulässig sind allerdings ausschließlich wirtschaftliche Kriterien, während Umwelt-und Gesundheitsaspekte hierbei nicht einfließen dürfen, wie die eu-Kommission erst vor wenigen Wochen in einer Mitteilung klargestellt hat. Dabei wird jedoch übersehen, dass mit Beginn der Freisetzung von Gentechnik-Pflanzen den Bauern massive Verteuerungen entstehen: Neben Pollenflug kann sich der Gentechnik-Anteil durch neue Verunreinigungen bei der Ernte, beim Transport, im Futtermittelwerk, bei der Lagerung oder bei der Verarbeitung weiter erhöhen. Alle Gegenmaßnahmen kosten aber Geld, das ungerechterweise meist von jenen aufgebracht werden muss, die gentechnikfrei bleiben wollen. Außerdem würden die Bauern jegliche Freiheit im Anbau verlieren: Sie müssten frühzeitig bekannt geben, welche Pflanzen sie wo freisetzen, alles müsste in einer Datenbank erfasst und in Übereinstimmung gebracht werden, um ein Nebeneinander im Sinne der eu-Grenzwerte zu ermöglichen.

Noch sind alle Äcker in Österreich und fast alle in Europa gentechnikfrei. Für Richard Leopold Tomasch von der Antigentechnik-Plattform "Pro Leben" gilt es nun, den Anfängen zu wehren: "Bei Atomunfällen gibt es eine Halbwertszeit, aber die Gentechnik breitet sich immer weiter aus. Das Ganze ist irreversibel. Deshalb muss der Grenzwert bei 0,0 Prozent liegen."

Der Autor ist freier Journalist

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