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Unplugged

Ars Electronica 2002: Kunst als Schauplatz globaler Konflikte. Flecken und Schatten der Globalisierung.

Unplugged" heißt wörtlich übersetzt "ausgesteckt". Im Musik-Business bedeutet dieser Begriff, dass auf elektronische Hilfsmittel verzichtet wird. Die Ars Electronica 2002 wurde unter das Motto "Unplugged - Kunst als Schauplatz globaler Konflikte" gestellt. "Unplugged" im figurativen Sinn. Zentrale Themen sind die global vernetzte Welt versus die blinden Flecken der Globalisierung und die Konfliktpotentiale, die sich daraus ergeben. Kunst als Teil des globalen Systems, Kunst und Medien als politisches Moment. Wer oder was entscheidet über Ausgrenzung und Einschließung? Who is unplugged? Die Furche im Gespräch mit Mag. Gerfried Stocker, künstlerischer Leiter der Ars Electronica.

Die Furche: Warum wurde das Thema "Kunst als Schauplatz globaler Konflikte" gewählt? Hängt das mit dem 11. September zusammen?

Gerfried Stocker: Ganz klar hat der 11. September diese Entscheidung geprägt. Mit einem Schlag ist der Vorhang gerissen und das labile Gleichgewicht unserer Welt ist jedem klar geworden. Während dies in den USA vor allem eine Konzentration auf die eigene Nation hervorgerufen hat, ist uns in Europa gerade die globale Dimension der aktuellen Entwicklung sehr stark zu Bewusstsein gekommen. Für viele Künstler ist in der Zeit danach besonders die Frage nach dem politischen Engagement und der eigenen Position in diesen Konflikten sehr wichtig geworden. Denken sie etwa an die sehr unterschiedlichen Stellungnahmen zum Krieg in Afghanistan von amerikanischen und europäischen Intellektuellen.

Die Furche: Kunst hat sich schon immer mit Themen wie Konflikten, Gewalt und Krieg beschäftigt, man denke nur an Picassos "Guernica" oder an Goyas "Los desastres della guerra - die Schrecken des Kriegs". Wie werden Konflikte in der Medienkunst dargestellt?

Stocker: Viele Künstler beschäftigen sich mit der Form der medialen Vermittlung, der Berichterstattung über die Konflikte und wie sehr die mediale Präsenz ja fast als Inszenierung selbst zu einem Kampfmittel geworden ist. Sie bearbeiten Nachrichtenmaterial und machen so auf bestimmte Muster der Interpretation aufmerksam und auch darauf, wie sehr eine bestimmte Präsentation unsere Aufmerksamkeit erregen kann, uns das Gefühl gibt, uns ein eigenes Urteil zu bilden, obwohl wir nur vorbereitete Schlüsse nachvollziehen.

Ein anderer wichtiger Bereich gilt dem Aufspüren und Sichtbarmachen der für unsere moderne Informationsgesellschaft typischen Konfliktpotenziale.

Da uns gerade die digitalen Kommunikationstechniken Möglichkeiten geben, selbst aktiv zu werden, gibt es aber auch viele Kunstprojekte mit positiven, fast utopischen Ansätzen. Künstler, die Gegenmodelle zur Praxis der ökonomischen Globalisierung entwerfen. Austausch der Kulturen und Beziehungen zwischen Menschen spielen dabei eine große Rolle.

Die Furche: Wie definieren Sie "unplugged"? Und sind wir, die wir uns zur Informationsgesellschaft zählen, demnach "plugged"?

Stocker: "Unplugged" ist das Gegenteil von angeschlossen und bezeichnet auf den ersten Blick die Situation eines Großteils der Menschen auf unserem Planeten. Sie sind den Auswirkungen der Globalisierung ausgesetzt, aber nicht an ihr beteiligt. Diese Form von Angeschlossen-Sein ohne Möglichkeit zur Teilnahme ist wohl das zentrale Konfliktszenario unseres Informationszeitalters. Ein zweiter Blick auf die aktuelle Situation lässt uns aber auch hinterfragen, wie weit denn nicht gerade wir, die westliche, so genannte industrialisierte Welt eigentlich "ausgesteckt" sind, weil wir uns immer mehr hinter die Wälle der Festung Europa zurückziehen oder weil wir uns in unserer total auf Technologie aufgebauten Welt auch immer abhängiger und verwundbarer machen.

Die Furche: Blinde Flecken sind gestörte Bereiche im Sehvermögen, die dazu führen, dass man bestimmte Dinge nicht wahrnimmt. Wo orten Sie diese "blinden Flecken der Globalisierung"?

Stocker: Überall dort, wo der Zugang zu den Werkzeugen der globalen Gesellschaft, nämlich den digitalen Informationstechnologien und Netzwerken, nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich ist. Überall dort, wo unsere "globalen Augen", die Medien, gerade keine quotenträchtige Meldung vermuten. Überall dort, wo die Dominanz von technischen wie auch kulturellen Standards die Entfaltung einer kulturellen, gesellschaftlichen Pluralität einschränkt. So sind zum Beispiel zwei Drittel aller Internet-Seiten in Englisch, ganze vier Prozent in Chinesisch, so gut wie keine in lokalen afrikanischen Sprachen.

Die Furche: Apropos Afrika: Warum wurde der "Urban Africa Club" als künstlerischer Schwerpunkt gewählt?

Stocker: Es ist ein interessantes Phänomen für eine neue Form der kulturellen Identität in einer weltweit vernetzten Situation. Rap und Hip Hop sind - als Resultat unserer globalen Medien - eine universelle Musiksprache, gewissermaßen ein Kommunikationsnetzwerk, das auf der ganzen Welt verstanden wird. Während es in unseren Breiten weitgehend seine politische, subversive Kraft eingebüßt hat, ist es vor allem in Westafrika ein machtvolles Trägermedium politischer Botschaften. Die globale Musikform gewinnt kulturelle Identität, indem sie mit lokalen Botschaften aufgeladen wird. Außerdem ist es ein starkes künstlerisches Symbol für den Weg Afrikas in die Informationsgesellschaft, ebenso wie z.B. die boomende und auch kommerziell sehr erfolgreiche Videoproduktion in Nigeria. Oder die junge Designer-Szene in Südafrika.

Die Furche: Im Vorjahr soll Oliviero Toscani eine "Ars Electronica unplugged" angeregt haben. Gibt es bereits Ideen für die Ars Electronica 2003? Könnten - angesichts der Hochwasser-Katastrophe - ökologische Fragen eine Rolle spielen?

Stocker: Ideen gibt es natürlich schon wieder eine ganze Menge. Die Entwicklungen im Spannungsfeld von Kunst, Technologie und Gesellschaft sind nach wie vor äußerst rasant und bestimmen immer stärker auch die kulturellen Aspekte unserer Zeit. Da wir mit dem AEC ein äußerst effizientes Team für die Festivalproduktion haben und durch unsere Kooperationspartner in Linz eine ausgezeichnete Arbeitssituation gegeben ist, können wir es uns leisten, die tatsächliche Festlegung des jeweiligen Jahresthemas sehr spät zu treffen, um damit auf aktuelle Entwicklungen unmittelbar einzugehen. Die Beschäftigung mit ökologischen Fragen könnte dabei durchaus zu einem Thema der nächsten Jahre werden.

Information

Die Ars Electronica 2002, Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft, findet heuer bereits zum 24. Mal von 7. - 12. September unter dem Motto "Unplugged - Kunst als Schauplatz globaler Konflikte" statt. Wie immer gliedert sich das Festival in drei Hauptbereiche, den Prix Ars Electronica, die Konferenzen mit internationalen Vortragenden und eine Vielzahl an Ausstellungen, Performances, Konzerten und anderen Events - das kulturelle Programm.

Rund 280 Künstler und Wissenschafter aus 20 Nationen werden in Linz zu Gast sein. Einige Höhepunkte:

" die visualisierte Klangwolke "Harmonices Mundi", eine Weltmusik mit Orchester, Solisten, Schiffen, Projektionen und Feuerwerk am 7.9. ab 21 Uhr im Donaupark.

" "Body Movies", eine mit dem Prix Ars Electronica in der Kategorie "Interaktive Kunst" ausgezeichnete Installation von Rafael Lozano- Hemmer. Mehr als 1.000 Quadratmeter interaktiver Projektionen werden von Passanten als gigantische Schattenspiele auf dem Linzer Hauptplatz aktiviert, ab 7.9., 21 Uhr.

" OMV-Klangpark 2002 im Donaupark ab 8.9., 19.30 Uhr. Vom Klangpark aus breiten sich die "World Wide Waves" mit 160.000 W in den Stadtraum von Linz aus.

" Prix Ars Electronica Gala, Verleihung der Goldenen Nicas und Aus- zeichnungen, am 9.9. im ORF Landesstudio Oberösterreich ab 21 Uhr. Einladung erforderlich.

" Weitere Informationen und das detaillierte Programm im Internet unter www.aec.at

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