Unter 99 Prozent Muslimen

Istanbul und seine Christen am Vorabend des Papstbesuchs. Ein Lokalaugenschein von Otto Friedrich.

Riesige Masten, auf denen Halbmond und Stern wehen. Der erste Eindruck der österreichischen Journalisten auf der Fahrt vom Flughafen ins Zentrum von Istanbul täuscht nicht: Auch in der Megacity an der Schnittstelle zweier Kontinente spürt man die politische Großwetterlage: Europa und die Türkei - das ist eine Frage, die westlich des Bosporus immer mehr in Richtung Europa ohne Türkei zu driften scheint. Vice Versa zeigt das offizielle Land stolz seine Symbole. Darum eben Riesenfahnen auf - meist neuen - Riesenmasten, wohin man kommt. Die euro-türkische Polit-Krise - Stocken der Beitrittsverhandlungen, Ultimatum in der Zypernfrage - schwelt, ist an beschriebener Symbolstärke des Türkentums auf Schritt und Tritt augenfällig.

Die Journalisten sind aber nicht in Sachen EU in die 12-Millionen-Metropole gefahren, sondern um einem anderen vorherzureisen, der vom 28. November bis 1. Dezember ins Land kommt: Als dritter Papst wird Benedikt XVI. in die Türkei kommen; es sind nicht die EU-Spannungen, welche die Reise des römischen Pontifex aus Bayern so brisant machen: Es waren türkische Stimmen - insbesondere der Leiter des Amtes für religiöse Angelegenheiten, der muslimische Theologe Ali Bardakoglu - die besonders scharf gegen die Regensburger Vorlesung des Papstes Anfang September protestiert hatten.

Papst geht zu "Sektionschef"

Benedikt wird schon am ersten Tag seines Besuchs, den er in Ankara bei den Repräsentanten des Staates absolviert, Bardakoglu treffen. Beobachter vermerken es als auffällig, dass der Papst den Religionsbeamten im Rang etwa eines hiesigen Sektionschefs besucht, und sehen das als Geste Benedikts, das Seine zur Entspannung beizutragen. Bardakoglu seinerseits hat dieser Tage in einem Zeitungsinterview erklärt, er werde den Papst von sich aus nicht auf die Regensburger Rede ansprechen: "Ich will die Zeit nicht mit Reden über die Vergangenheit vergeuden, sondern wir schauen vorwärts."

Dass trotz solcher Entspannungssignale nicht alle in der Türkei auf Dialog umschwenken zeigte sich zuletzt am Sonntag, als Anhänger nationalistischer und islamistischer Gruppen gegen den Papstbesuch protestierten (vgl. Bild, Seite 1). Die österreichischen Journalisten hatten zuvor in Istanbul von solcher Stimmung nichts bemerkt: Einmal mehr schien es sich da um sehr kleine, aber laute Gruppen zu handeln, die auch dann immer wieder protestieren, wenn der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. in der Öffentlichkeit auftritt.

Benedikts Besuch gilt in erster Linie aber weder den Muslimen noch dem türkischen Staat. Nach einem Abstecher nach Ephesus kommt er am 29. November nach Istanbul, wo er mit den christlichen Kirchen zusammentreffen wird - allesamt verschwindende Minderheiten unter den mehr als 99 Prozent Muslimen. Louis Pelatre, der katholische Bischof von Istanbul, wird den Papst in seiner Kathedrale willkommen heißen. Gerade 1000 Personen haben dort Platz, wenn man die Kirche bis auf den letzten Platz vollstopft. Bischof Pelatre meinte gegenüber den Journalisten, in der Türkei könne man zwar nicht von Kirchenverfolgung reden, aber die Behinderungen seien doch erheblich: So hat die katholische Kirche keine Rechtspersönlichkeit und besitzt daher auch nichts. Selbst die Hl.-Geist-Kathedrale, in der Benedikt XVI. den Gottesdienst feiern wird, gehört niemandem. Und da die meisten der wenigen katholischen Priester in der Türkei nicht türkische Staatsbürger sind, gibt es Probleme mit Aufenthaltsgenehmigungen. Vor einigen Monaten haben zusätzlich Morde an katholischen Priestern im Land Aufsehen erregt: Hat Pelatre Angst? Der Bischof verneint: Nein, einer der Morde sei in Trabzon am Schwarzen Meer begangen worden, "dort aber gilt ein ganz besonderes Recht" deutet Pelatre die Lage an, in Istanbul fühlt er sich aber sicher.

Nicht nur einmal hören die Journalisten berichte, wie Priester - fast aller Konfessionen - nach Ablauf eines dreimonatigen Touristenvisums außer Landes fahren müssen, um dann wieder für drei Monate als "Touristen" einzureisen.

Syrische Gemeinde wächst

Größte christliche Konfession sind die Armenier, von denen in der Türkei noch etwa 100.000 Gläubige leben. Deren Patriarchen Mesrob II. wird der Papst auch besuchen. Mit 20.000 Gläubigen in Istanbul kommen an zweiter Stelle mittlerweile die syrischen Christen, die ursprünglich in Südanatolien beheimatet waren (Tur Abdin). Viele Christen der syrischen Tradition, die ihre Liturgie in Aramäisch der Muttersprache Jesu feiern, haben wegen der prekären Wirtschafts-und Sicherheitslage ihre Heimat versalssen und sind auch in Istanbul heimisch geworden.

Der "jungen" alten Kirche in Istanbul steht ein Erzbischof vor: Mar Fülöksenos, der die wachsende Zusammenarbeit unter den Kirchen lobt. Seine Gemeinde feiert in vier katholischen und vier orthodoxen Kirchen, die von den eigenen Gläubigen nicht mehr genutzt werden; wenn aber in den Kirchen keine Gottesdienste mehr stattfinden, konfisziert der Staat die Gebäude: So zwingen schon die äußeren Umstände die Kirchen zur Kooperation.

Der Papst besucht Istanbul aber zuallererst, um den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. zu besuchen. Zum Fest des hl. Andreas (30. November), als dessen Nachfolger sich der Ökumenische Patriarch versteht, kommt der Nachfolger des hl. Petrus in den Phanar, den Sitz des Patriarchen.

Die türkische Gemeinde des Patriarchen, der sich ja als Sprecher der Welt-Orthodoxie versteht (vgl. Seite 3) ist sehr klein geworden, die Rede ist von 2000 Orthodoxen. Der türkische Staat will die Aktivitäten des Ökumenischen Patriarchen auf diese Mini-Gemeinde beschränken und stößt sich auch an dessen Attribut "ökumenisch": Der Patriarch muss türkischer Staatsbürger und auch im Land ausgebildet worden sein. Allerdings verwehrt der Staat dem Patriarchat weiter die Eröffnung seiner Theologischen Hochschule auf der Insel Chalki (vgl. Seite 4).

Die Kleinheit erfahren die österreichischen Journalisten auch, als sie zum Gottesdienst am Fest des hl. Chrysostomus in die St-Georgs-Kathedrale im Phanar kommen: Neben Priester und Diakon, sechs Sängern und dem Patriarchen sind eigentlich keine Gläubigen da, obwohl der Chrysostomus einer der Großen der Ostkirche ist: An diesem Tag überlässt der Patriarch seinen Stuhl einer Ikone von Johannes Chrysostomus, der von 398 bis 404 Patriarch von Konstantinopel, also ein Vorgänger von Bartholomaios, war. Vor dem Stuhl sind die Gebeine des Heiligen aufgestellt, die Papst Johannes Paul II. vor genau zwei Jahren in einer großen ökumenischen Geste an Patriarch Bartholomaios zurückgegeben hat.

Beim Gespräch mit Journalisten beklagt auch Bartholomaios I. die Lage der Christen: "Wir sind Bürger zweiter Klasse. Wir kommen unseren Pflichten als Bürger der Türkei nach, aber wir haben nicht all deren Rechte." Und er erzählt ebenfalls von unklaren Eigentumsverhältnissen: So müsse die Kirche etwa Erben des Johannes Chrysostomus benennen; und wenn sie das nicht könne (und wer fände schon Nachkommen des Kirchenvaters?), konfisziere der Staat kirchliches Eigentum. Vor kurzem ist jedoch ein neues Gesetz über (religiöse) Stiftungen verabschiedet worden: Von ihm erhofft sich der Patriarch endlich mehr Möglichkeiten, die Kirche gegenüber dem Staat juristisch absichern zu können.

Patriarch für EU-Beitritt

Einmal mehr spricht sich Bartholomaios für den EU-Beitritt der Türkei aus, er erhofft sich dadurch auch eine Lösung für die Probleme der Minderheiten. Er warnt aber vor einem Circulus vitiosus: Die EU stelle fest, dass die Reformen in der Türkei nicht schnell genug vorangingen und frage sich, ob die Türkei überhaupt Vollmitglied werden könne, worauf einige im Land dächten: Warum soll die Türkei Reformen angehen, wenn die EU dann den Beitritt ablehnt?

Auf den Besuch des Papstes freut sich Bartholomaios besonders, er will den - wie er feststellt, durch seine Initiative neu in Gang gekommenen - orthodox-katholischen Dialog weiterführen. Dabei gibt es auch kritische Punkte anzusprechen: Der Patriarch war etwa gar nicht amused, als der Papst vor kurzem den Titel "Patriarch des Abendlandes" ablegte: "Das war der einzige Titel, den wir akzeptiert haben", so Bartholomaios und wollte nicht verstehen, wie dieses Ablegen des Titels, der auf die fünf Patriarchate der alten Kirche hinwies, ein "ökumenisches Zeichen" sein könnte, wie Rom betont hatte.

Neben den anderen, politischen und kirchenpolitischen Fragestellungen, dürfte diese Auseinandersetzung aber nicht das Hauptthema der Gespräche zwischen Benedikt XVI. und Bartholomaios I. sein. Am gemeinsamen Kommuniqué über das Gespräch werde schon kräftig gefeilt. Was darin genau stehen werde, wollte Bartholomaios den österreichischen Journalisten aber doch noch nicht verraten.

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