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Unter dem Schutz einer zweiten Haut

Jeder Faden hat eine Seele." Wenn Renate Anna Menzel dieses tunesische Sprichwort zitiert, denkt sie an "eine einzige Franse", die ihr Leben veränderte. Vor zirka drei Jahrzehnten öffnete ein auf einem tunesischen Bazar gefundenes Tuch ihren Blick für die bleibende Schönheit einer vergangenen Kultur. Heute hütet die Wiener Galeristin die Sammlung an Bekleidungsweben von Frauen aus dem bäuerlich-nomadischen Tunesien und dem angrenzenden Libyen -aus der einen Franse wurde ein Meer von gewebten Tüchern. In ihrer Menzel Galerie Nordafrika und dem ebenso schönen Ort des Depots sammelt und bewahrt die gebürtige Oberösterreicherin "Aussteuerweben", die im Leben tunesischer Frauen einen zentralen Stellenwert einnahmen. "Da hinein hat eine junge Frau alle ihre Wünsche formuliert. Ein von ihr gewebtes Tuch begleitete sie ein Leben lang - vielleicht wurden Frauen sogar darin begraben, in dieser zweiten Haut."

Aus-sich-Atmen

Haut -kaum eine andere Hülle lässt den Verlauf eines Menschenlebens offenkundiger werden als das größte Organ unseres Körpers. Berber-Frauen und -Männer stellen ihr Leben seit jeher unter den Schutz von Zeichen, die neben tätowierter menschlicher Haut auch ländliche Häuser, Töpferware oder Textilien wie die in der Menzel Galerie Nordafrika ausgestellten Artefakte zieren. "In einem einfach anmutenden Stück spielen sich Welten ab", erklärt Renate Menzel gerne, wenn sie die Tücher zeigt. In jeder noch so simpel erscheinenden Webe werden Bilder offenkundig, die einem autarken und existenziellen Leben entstammen. Technisch einzigartig ist, dass im Weben selbst keine Farbdifferenzierung besteht und auf einfachsten vertikalen Griffwebstühlen praktisch weiß auf weiß gearbeitet wurde. Erst beim nachträglichen Färben nimmt der Wollfaden Farbe an, die eingewebten Baumwollfäden hingegen reagieren nicht. Nicht weniger beeindruckend als die filigran gezeichneten Mustergewebe eines technisch höchst komplexen Verfahrens erweisen sich die auf den ersten Blick musterlosen Weben, die bei näherem Hinsehen nichts anderes zutage treten lassen als die pulsierende Rhythmik von Web-und Färbeprozess. Renate Menzel spricht dabei vom "Aussich-Herausscheinen" des Objekts. "Moderne Malerei à la Mark Rothko kam erst viel später." Was der 1970 verstorbene Wegbereiter der Farbfeldmalerei als "Breathingness" und damit als das "Aus-sich-Atmen", bezeichnete, brachten anonyme tunesische Frauen vor ihm auf den Webstuhl.

Marginalisierte weibliche Kunst

Ähnlich, wie die Moderne Kunst auf ihrer Suche nach bislang unbekannten Formen im afrikanischen und nordafrikanischen Raum fündig wurde, erfuhr auch Renate Menzel die Berberkultur als erfrischenden Gegensatz -etwa zur Rezeption schwerer Orientteppiche. "Weben aus Afrika galten damals als die 'wilden Dinge', hatten in bürgerlichen Haushalten nichts verloren und waren kaum rezipiert", erinnert sich die Sammlerin an ihre ersten Maghreb-Reisen in den 1970er-Jahren und kritisiert, dass textile Objekte vielerorts noch immer als weibliche Kunst marginalisiert würden. "Einige sprechen dabei nicht von Kunst, sondern von Kunsthandwerk." Dabei gehören Textilien für sie zum sensibelsten Kulturgut überhaupt. "Das, was im Arbeitsprozess in sie hineinfloss, ist auch noch bei uns, fernab jeden tunesischen Dorfes, spürbar." Darüber hinaus würden die von Berber-Frauen gewebten Tücher das Ritual zutage treten lassen -und damit den Ursprung aller Kunst. Schon lange wünscht sich die Galeristin deshalb eine Ausstellung im sakralen Raum, wo sie einen Kreuzgang mit Weben aus Tunesien "fluten" würde -um die Kunst nordafrikanischer Frauen in Zeiten aufkeimender Islamophobie sichtbar zu machen.

Hoher Nährwert! Weben und Töpferei der Berber-Frauen aus dem Atlasgebiet. 7. März bis 4. April 2015, Menzel Galerie Nordafrika, Wien. www.menzelgalerie.com Vernissage am 7. März, 11-18 Uhr

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