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Unter den Katholiken der USA brodelt es

Während die katholische Welt auf Wahl und Pontifikatsbeginn von Papst Franziskus blickt, holt die Kirche der USA die Vergangenheit ein.

Während am 12. März die Kardinäle in Rom zum Konklave in die Sixtina einzogen, blickten natürlich auch die 63 Millionen Katholiken in den Vereinigten Staaten gebannt auf die Würdenträger, die ihr Land bei dieser Wahl vertraten. Einer davon stand ganz im Blickpunkt - aber nicht etwa der redefreudige und charismatische New Yorker Kardinal Timothy Dolan, der auch als papabile gehandelt worden war, oder der ebenfalls immer wieder genannte Kardinal von Boston, Sean O’Malley, der sich für die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals durch Geistliche einsetzte.

Vielmehr war es Kardinal Roger Mahony aus Los Angeles, der, bereits 2011 als Erzbischof emeritiert, trotz des akuten Verdachts der Vertuschung sexuellen Missbrauchs in seiner Amtszeit an der Wahl eines neuen Papstes teilnahm.

Kritik an Kardinal Mahony

Ihm wird vorgeworfen, mehrere Priester, welche inzwischen zu zwischen sieben und zehn Jahren Haft verurteilt worden sind, gedeckt und ihre Taten unter den Teppich des Schweigens gekehrt zu haben. Als sein Rücktrittsgesuch 2011 von Benedikt XVI. angenommen wurde, folgte ihm Erzbischof José H. Gomez, Opus-Dei-Mitglied, als Leiter der größten katholischen Diözese der USA nach.

Dieser wandte sich am 31. Jänner 2013 mit einem offenen Brief an die Gläubigen. Er nannte die Dokumente, die ihm während des Aufarbeitungsprozesses vorgelegt worden waren "brutal und schmerzhaft zu lesen“. Diese Untersuchungen brachten jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch durch Kleriker ans Licht. Er bekräftigte: "Auch wenn viele dieser Taten jahrzehntelang zurücklägen, seien sie nicht weniger ernst zu nehmen.“ Noch am selben Tag hatte er Mahony informiert, dass er von allen administrativen Tätigkeiten entbunden wird und keine öffentlichen Ämter mehr ausüben darf. "Diese Dokumente“, so Gomez, "sind das traurigste Erlebnis, das mir seit meinem Beginn in Los Angeles begegnet ist.“ Trotz lautstarker Proteste vieler US-Katholiken und Nicht-Katholiken trat Mahony die Reise nach Rom an. Er selbst fühlte sich durch diese Welle der Empörung sogar "tief gekränkt“.

Entwicklungen und Skandale wie diese sind auch in der krisengeschüttelten Welt der katholischen Kirchen der USA nichts Neues: Während die Amtskirche gerade in Fragen der Homosexualität oder Abtreibung eine klare und konservative Linie führt, möchten viele Katholiken einen Wandel in der Haltung ihrer Kirchenleitung. So wurde das strengste Abtreibungsgesetz der USA in Arkansas, das eine Abtreibung nach der 12. Woche verbietet, von Bischöfen begrüßt, während die Dachorganisation der amerikanischen Nonnen LCWR 2012 vom Vatikan getadelt wurde, in diesen Fragen zu liberal zu sein.

War doch gerade der innere Zusammenhalt für viele US-Katholiken jahrhundertelang eine wichtige Stütze für ihre Identität. Von Protestanten in der neuen Welt wurden Katholiken als "Feind der Demokratie“ gesehen, weil sie eben nicht den Prinzipien der Freiheit folgten, sondern dem Pontifex in Rom. Deshalb wurden katholische Einwanderer und Bürger in den USA lange Zeit von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen und in der Gesellschaft mit Karikaturen, Vorurteilen und Verboten diffamiert. Wie der Religionssoziologe Andrew Greeley beschreibt, schufen US-Katholiken deshalb ihre eigene Welt der katholischen Milieus: Schulen, Krankenhäuser, Universitäten etc. welche nur den Katholiken offen standen.

Missbrauch und "heiße Eisen“

Die starke Tradition war für viele wichtig, um ihr Leben in der Neuen Welt und der dortigen Gesellschaft organisieren zu können. Bis in die Mitte der 1950er Jahre war dies mitunter auch der Grund, warum katholische Christen in den USA eine geschlossene, öffentliche Gruppe darstellten.

Doch dies scheint heute der Vergangenheit anzugehören. Und gerade die Entwicklungen der letzten Jahre haben ihr Übriges dazu getan. Missbrauchsskandale, die Unmöglichkeit eines öffentliches Dialogs zu den "heißen“ Themen und nicht zuletzt die Tatsache, dass die Katholiken nur aufgrund der hohen mexikanischen Einwanderungszahlen ihre Anteile halten können, versetzten die Katholiken in eine tiefe Unsicherheit.

Glaubenstreue verlangt

Während viele Amtsträger weiterhin die enge Bindung an Rom suchen, wollen das viele Gläubige nicht mehr so wahrhaben. Um diesem Trend entgegenzuwirken, greift so mancher auch zu dras-tischen Maßnahmen: So verlangt Bischof Robert Vasa von Santa Rosa in Kalifornien von Lehrern (auch nichtkatholischer) kirchlicher Schulen ein schriftliches Versprechen, dass sie die Glaubensprinzipien der Kirche unverfälscht weitergeben und lehren.

Während Kardinal Mahony vergangene Woche in der Sixtinischen Kapelle in die Entscheidung über den neuen Papst, Oberhaupt der 1,2 Milliarden Katholiken weltweit, eingebunden war, kam es in Los Angeles zu einer außergerichtlichen Einigung: In einem Fall, bei dem es um die Vergewaltigung von vier Kindern ging, entschied sich die Diözese, zehn Millionen US-Dollar als Entschädigung zu zahlen, damit die Vorwürfe nicht mehr weiter verfolgt würden. In diese Zahlung sollen offenbar auch Mahony und ein ehemaliger Priester eingebunden sein. Die Anwälte der Opfer meinten, dass dies "einem Schuldgeständnis sehr nahe komme“.

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