Unterschiedlich bewältigte Raritäten

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Das Theater an der Wien zeigte Gioacchino Rossinis "Elisabetta, Regina d'Ingilterra", an der Volksoper hatte Alfredo Catalanis "La Wally" Premiere. Bei aller Unterschiedlichkeit der Inszenierungen fällt eine Gemeinsamkeit auf: Es gibt kein Happy End.

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Das Theater an der Wien zeigte Gioacchino Rossinis "Elisabetta, Regina d'Ingilterra", an der Volksoper hatte Alfredo Catalanis "La Wally" Premiere. Bei aller Unterschiedlichkeit der Inszenierungen fällt eine Gemeinsamkeit auf: Es gibt kein Happy End.

Drei Personen stehen im Zentrum von Gioacchino Rossinis zweiaktiger Oper "Elisabetta, regina d'Ingilterra". Ein Mann, Leicester, steht zwischen zwei Frauen: der mächtigen englischen Königin Elisabetta, die ihn liebt, und der Tochter ihrer Rivalin Maria Stuart, Matilde, mit der er verheiratet ist. Dass von einer Tochter Maria Stuarts nichts bekannt ist, es daher nie zu einer derartigen Situation kommen konnte, tut nichts zur Sache. Auch aus Fiktionen lässt sich Spannendes entwickeln. Nur sollte es auch zur Geltung kommen.

Monumentale Roben

Von der Zahl der Hauptprotagonisten hat sich Alexander Müller-Elmau als Bühnenbild zu drei, sich den jeweiligen Geschehnissen anpassenden Wänden inspirieren lassen, die meist in dunkles Licht (Gerrit Jurda) getaucht sind. Schließlich endet die Story ohne Happy End. Elisabetta begnadigt zwar ihren zuvor wegen Hochverrats -in Wirklichkeit wegen seiner sie bedrückenden Heirat -in den Kerker geworfenen Leicester, wendet sich aber von ihm ab und ihren Staatsgeschäften zu. Als Königin bleibt sie stets präsent, wie es die zahlreichen monumentalen fahrbaren Staatsroben andeuten, welche von Beginn weg die Bühne dominieren. Die prägnanteste Idee der Regie von Amélie Niermeyer, der ansonsten nur eine konventionelle Zeichnung der Figuren eingefallen ist. Dass sie die Darsteller in Kostümen der Zeit wie in Kleidern der Gegenwart auftreten lässt, um so auf die Allgemeingültigkeit der Thematik hinzuweisen, erweist sich als mehr abgenützte denn originelle Metapher.

Vermutlich wäre der Abend weniger eintönig verlaufen, hätte es musikalisch besser geklappt. Alexandra Deshorties' Elisabetta fehlte es an Koloratursicherheit, Norman Reinhardts Leicester an profunder Tiefenschärfe, Barry Banks' intrigantem Norfolc an souveräner Höhe. Blieb von den Hauptdarstellern Ilse Eerens als zwar nicht strahlende aber insgesamt rollendeckende Matilde. Dass der Arnold Schoenberg Chor bestens vorbereitet war, erwartet man im Theater an der Wien. Nur auf Originalklanginstrumenten zu spielen, ist zu wenig. Man muss sie auch entsprechend zum Klingen bringen. Beim von Jean-Christophe Spinosi geleiteten Ensemble Matheus reichte es diesmal mehrheitlich nur zum Versuch.

Bühnenbild zeigt Seelenzustände

Auch in einem Meisterwerk des Verismo, Alfredo Catalanis von Toscanini hoch geschätzter lyrischer Oper "La Wally", fehlt es an einem Happy End, im Gegensatz zur literarischen Vorlage. Denn in Wilhelmine von Hillerns Roman "Die Geier-Wally" werden Wally und ihr Geliebter Hagenbach ein Paar. In Luigi Illicas Libretto wird er von einer Lawine getötet. Sie springt ihm hinterher in den Tod. Entsprechend Frank Philipp Schlößmanns für die Drehbühne der Wiener Volksoper maßgeschneidertes Bühnenbild: von einer Schneelandschaft inspirierte, in weiß-schwarz Tönen gehaltene, praktikabel verschiebbare Wände, mit welchen sich die einzelnen Schauplätze der Handlung ebenso klug suggerieren wie die jeweiligen Seelenzustände der Protagonisten erahnen lassen.

In diesem Ambiente erzählt Aron Stiehl konventionell die Geschichte in teils von der Folklore angeregten Kostümen, teils in Alltagskleidung (Franziska Jacobsen). Nicht nur in der ersten Begegnung zwischen Wally und Hagenbach hätte sich die Dramatik des Sujets deutlicher herausarbeiten lassen. Auch dass man das Werk nicht im italienischen Original aufführt, sondern in deutscher Übersetzung (Claus H. Henneberg), erweist sich als problematisch. Das unterläuft nicht nur die italienische Sprachmelodie, sondern lenkt die Konzentration oft zu sehr auf den Text als auf die trotz mancher modernistischer Akzente bis zum Belcanto Bellinis zurückführende Musik.

Vor allem den Zwischenaktmusiken widmete sich Marc Piollet an der Spitze des seine anspruchsvolle Aufgabe formidabel lösenden Volksopernorchesters mit besonderem Animo. Kurt Rydl gab Wallys Vater, den unsympathisch-herrschsüchtigen Gutsherrn Stromminger, polternd und mit rauhem Tonfall. Mehr auf Lautstärke denn differenzierter Gestaltung setzte auch Vincent Schirrmacher als Hagenbach. Solide Bernd Valentin als Strommingers Gutsverwalter Gellner, der gegenüber Wally schließlich das Nachsehen hat. Für die Titelpartie hätte man sich eine emphatischer agierende und vokal brillantere Darstellerin gewünscht als die damit ihr Debüt im Haus am Währinger Gürtel feiernde Kari Postma.

Untadelig Annely Peebo als Wallys Konkurrentin um die Gunst Hagenbachs, Afra, sympathisch Elisabeth Schwarz als Wallys Freund Walter. Daniel Ohlenschläger gab einen böswilligen Infanteristen. Gut studiert präsentierte sich am Premierenabend der Chor.

La Wally Volksoper Wien 2., 5., 12., 20. April

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