Venezianischer Odysseus

"Messer Milione" (Herr Million) wurde Marco Polo in Venedig genannt. Die Zahl taucht in Polos Erzählungen immer wieder auf: Millionen Reiter, Millionen Dschunken, ... - lange galten diese Schilderungen als Übertreibung. Bis Reisende auf Marco Polos Spuren den Venezianer bestätigten. Auf Marco Polos Spuren begibt sich auch dieses Dossier. Ausgehend von Venedig im Jahr 1271 geht es per Wohnmobil die Seidenstraße entlang bis ins heute vom Abriss bedrohte historische Peking. Redaktion: Brigitte Schwens-Harrant, Wolfgang Machreich Marco Polos Reise auf dem Landweg nach China ist legendär. Seine Schilderungen des Reiches von Kublai Khan sind einzigartig. Trotzdem bleibt bis heute ungewiss, ob der Venezianer jemals im Reich der Mitte war.

Vorerst muss man wissen, dass die Straßen von Quinsai alle mit Kieseln und Backsteinen gepflastert sind, und so sind es auch alle die Hochwege, die von da durch die Provinz Manji gehen, vermöge deren die Reisenden nach jeder Gegend hinziehen können, ohne ihre Füße zu beschmutzen."

Staunend steht ein junger Europäer vor "der glanzvollsten Stadt der Welt". Marco Polos Beschreibung von Quinsai (Hangzhou) löst bei jenen, die die Stadt heute bereisen, Wiedererkennungseffekte aus. Die Größe des Landes, die Anzahl der Menschen auf dem Markt von Quinsai, die Schiffe auf dem Jangtsekiang, die Kurtisanen, die die Fremden so verzücken, dass sie sich - heimgekehrt nach Europa - nach der Zeit sehnen, " wo sie in das Paradies wieder zurückkehren können". Doch soviel musste Polo wohl nicht übertreiben, war doch Quinsai eine Stadt mit einer Million Einwohner, während zur selben Zeit Paris erst 100.000 erreichte. Von der hochentwickelten Infrastruktur ganz zu schweigen. Marco Polos "Beschreibung der Welt", auch "Buch der Wunder" genannt, ist ein einzigartiges Dokument einer einzigartigen Reise.

Man schreibt das Jahr 1271. Mit Onkel und Vater, beide venezianische Händler, bricht der 14-jährige Marco von Venedig aus in den Osten auf. Ziel: der Herrscher über das Mongolenreich, Kublai Khan. Schon Jahre zuvor hatte dieser die Polo-Brüder, die an seinen Hof gelangt waren, gebeten, Öl vom Heiligen Grab in Jerusalem und Abgesandte des Papstes mitzubringen, die ihm über den christlichen Glauben Auskunft geben sollen.

Seit Dschingis Khan expandiert das Mongolenreich, das am Ende des 13. Jahrhunderts von Korea bis an die Donau und an den persischen Golf und bis zum Baikalsee im Norden reichen wird. Sicher sind manche Landstriche jedoch nicht, die beiden vom Papst mitgegebenen Mönche fürchten denn auch bald um ihr Leben und sind nicht lange mit von der Partie. Unerschrocken, so heißt es in Marco Polos Aufzeichnungen, gehen die drei Polos den Gefahren und Hindernissen entgegen.

1275 stoßen die drei Handelsreisenden in Shangdu, der Sommerresidenz, auf den Großkhan. Beeindruckt von Aussehen und Weisheit ebenso wie von seinen Palastanlagen und der perfekten Organisation des Reiches sowie der Auswahl an Frauen muten die literarischen Khan-Beschreibungen wie Elogen an. Bei diesen Formulierungen hatte der mutmaßliche Verfasser Rustichello, ein Ritterromanzenautor, offensichtlich seine Finger im Spiel.

Insgesamt 17 Jahre verbringt Marco Polo am Hof des Khans als Gesandter, der Berichte aus allen Ecken des Reiches überbringt. Die Zeit ist interessant genug: Kublai Khan verlegt 1267 die mongolische Hauptstadt nach Peking, damals Khanbalik.

1295 erreichen die Polos ihre Heimatstadt wieder. Zurück nehmen sie den Seeweg über Sumatra, Sri Lanka und Indien. 1324 soll Marco Polo als honoriger venezianischer Bürger gestorben sein.

Die literarischen Überlieferungen sind Legion, spannend sind die Vergleiche: Der Dominikaner Fra Pipino, beauftragt das Werk ins Lateinische zu übersetzen, ließ Polos freundliche Beschreibung des Buddhismus lieber weg. Giovanni Battista Ramusio wiederum glich in seiner Fassung 300 Jahre später Marco Polos Rückkehr erzählerisch der Heimkehr des Odysseus an; Fakten und Legenden in bunter Mischung. Angeblich hat Marco Polo seine Erlebnisse in genuesischer Gefangenschaft dem Romanautor Rustichello da Pisa berichtet, der sie in literarische Form goss. 150 verschiedene zeitgenössische Manuskripte existieren, schwierig bleibt bis heute einen Urtext auszumachen. Ja mehr noch: Selbst die Frage, ob Marco Polo wirklich in China war, bleibt letztlich unbeantwortbar. Zuletzt versuchte die britische Sinologin Frances Wood in ihrem 1995 veröffentlichten Buch "Did Marco Polo go to China?" eine Antwort, die der deutsche Titel wiedergibt: "Marco Polo kam nicht bis China". Gründe, die sie dafür geltend macht: weder die chinesische Schrift noch Tee, geschnürte Füße der Frauen oder Essstäbchen werden erwähnt. Auch über die chinesische Mauer schweigt sich Marco Polo aus. Andere Forscher wiederum sehen in den dataillierten Berichten genug Beweise, dass Marco Polo das meiste mit eigenen Augen gesehen hat. Marco Polo nennt Steinkohle, die Herstellung der Seide, Papiergeld und als erster Asbest als einen Stoff, der nicht brennt. Der Fotograf Michael Yamashita suchte die von Marco Polo geschilderten Regionen auf und stieß auf frappierende Übereinstimmungen, die heue noch zu finden sind (siehe Buchtipps auf Seite 23). Aber nicht nur Fakten überliefert uns Polo, sondern auch Legenden wie jene vom "Alten vom Berge".

In China gewesen oder nicht - Marco Polo überbrachte eine noch nicht dagewesene Fülle an Informationen aus diesem gänzlich fernen Land: über Religion und Geografie, Handel und Wirtschaft, Reisetechniken und Militärisches, Kultur und Brauchtum und prägte so oder so über Jahrhunderte das europäische Wissen von China. Aber auch heute noch regt der venezianische Odysseus Abenteurer an, im Zeitalter der ausgebauten Luftverkehrswege am beschwerlichen Landweg entlang der Seidenstraße seinen Spuren zu folgen.

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