Verführerisch und verletzbar

1945 1960 1980 2000 2020

15 Jahre ImpulsTanz: europaweit einzigartiges Festival zeitgenössischen Tanztheaters in Wien, gegründet von Ismael Ivo und Karl Regensburger.

1945 1960 1980 2000 2020

15 Jahre ImpulsTanz: europaweit einzigartiges Festival zeitgenössischen Tanztheaters in Wien, gegründet von Ismael Ivo und Karl Regensburger.

Die Bühne ist dunkel. Lautes Schnarchen erdrückt das Liebesstöhnen einer Frau, die sich an einem am Boden liegenden Schlafenden abarbeitet. Als wenig später eine Akteurin in einer Geste ortloser Verzweiflung ein Glas zerdrückt, als die wegstiebenden Partikel kurze, brennende Spuren auf meinem Gesicht hinterlassen, weiß ich, dass ich mich in einer Performance des Flamen Wim Vandekeybus befinde.

"L`amour ou la mort", schreit ein Mann und schickt damit die zehnköpfige Truppe in eine hitzige Debatte über die schillernden Phasen menschlichen Begehrens: Ist es Hölle oder Paradies? Sanfte Glut, schmerzendes Erzittern, peinigende Sehnsucht, poetischer Reiz - oder einfach nur Chemie? Raserei kommt auf. Krachend fliegen weibliche Körper durch die Luft, agieren wie wild gewordene Göttinnen der Lust. Männer fliehen. Doch dieser Liebeskrieg lässt auch Platz für Sanftheit: Auf einer riesigen Videowand beruhigen Delphine und sich schlängelnde Sylphiden das Auge.

Wim Vandekeybus, der Zeremonienmeister des dionysischen Geschehens, zuletzt mit dem Männerritual "In Spite of Wishing and Warning" bei ImPulsTanz 1999, huldigt der hochenergetischen, emotionstrunkenen, rastlosen Körperkunst. Er steht damit im heutigen Tanzgeschehen eher allein da. Vielfalt ist angesagt. Man agiert verführerisch und verletzlich, wirft die Frage auf, wie sich nun ein "starker Körper" in einer hybriden Welt zu positionieren vermag, setzt politische Zeichen oder funktioniert die Bewegungskunst zu einem selbstreferentiellen System um.

Da ist die österreichische Performerin Milli Bitterli, die auf einen konzeptuellen Zugang vertraut und damit ganz im Trend liegt: hoch formalistisch ihr von bombastischer Musik untermaltes Wasserballet "Silence Sucks". Im kalten Sog eisblauen Lichts, das zu meergrün changiert und sich schließlich ins Graue neigt, "schwimmt" die siebenköpfige Riege. Da wird gewippt, gekreucht, gezappelt und hochgehoben, entfigurierte Tanzsolisten flechten sich in ein fragmentiertes Corps de Ballet.

Mehr auf der metaphorischen Ebene agiert die Tschechin Kristyna Lhotáková in "Questions for Next Year", wo sie im Wechselspiel von knappen Gesten und zärtlich düsteren Bildern die Geschichte ihrer Heimat auf die Bühne bringt. Eine Talentprobe der jungen Performerin, lautstark akklamiert vom wie immer zahlreich erschienenen Publikum.

Die Bühne ist dunkel. Lautes Schnarchen erdrückt das Liebesstöhnen einer Frau, die sich an einem am Boden liegenden Schlafenden abarbeitet. Als wenig später eine Akteurin in einer Geste ortloser Verzweiflung ein Glas zerdrückt, als die wegstiebenden Partikel kurze, brennende Spuren auf meinem Gesicht hinterlassen, weiß ich, dass ich mich in einer Performance des Flamen Wim Vandekeybus befinde.

"L`amour ou la mort", schreit ein Mann und schickt damit die zehnköpfige Truppe in eine hitzige Debatte über die schillernden Phasen menschlichen Begehrens: Ist es Hölle oder Paradies? Sanfte Glut, schmerzendes Erzittern, peinigende Sehnsucht, poetischer Reiz - oder einfach nur Chemie? Raserei kommt auf. Krachend fliegen weibliche Körper durch die Luft, agieren wie wild gewordene Göttinnen der Lust. Männer fliehen. Doch dieser Liebeskrieg lässt auch Platz für Sanftheit: Auf einer riesigen Videowand beruhigen Delphine und sich schlängelnde Sylphiden das Auge.

Wim Vandekeybus, der Zeremonienmeister des dionysischen Geschehens, zuletzt mit dem Männerritual "In Spite of Wishing and Warning" bei ImPulsTanz 1999, huldigt der hochenergetischen, emotionstrunkenen, rastlosen Körperkunst. Er steht damit im heutigen Tanzgeschehen eher allein da. Vielfalt ist angesagt. Man agiert verführerisch und verletzlich, wirft die Frage auf, wie sich nun ein "starker Körper" in einer hybriden Welt zu positionieren vermag, setzt politische Zeichen oder funktioniert die Bewegungskunst zu einem selbstreferentiellen System um.

Da ist die österreichische Performerin Milli Bitterli, die auf einen konzeptuellen Zugang vertraut und damit ganz im Trend liegt: hoch formalistisch ihr von bombastischer Musik untermaltes Wasserballet "Silence Sucks". Im kalten Sog eisblauen Lichts, das zu meergrün changiert und sich schließlich ins Graue neigt, "schwimmt" die siebenköpfige Riege. Da wird gewippt, gekreucht, gezappelt und hochgehoben, entfigurierte Tanzsolisten flechten sich in ein fragmentiertes Corps de Ballet.

Mehr auf der metaphorischen Ebene agiert die Tschechin Kristyna Lhotáková in "Questions for Next Year", wo sie im Wechselspiel von knappen Gesten und zärtlich düsteren Bildern die Geschichte ihrer Heimat auf die Bühne bringt. Eine Talentprobe der jungen Performerin, lautstark akklamiert vom wie immer zahlreich erschienenen Publikum.

Als ich in den dunstigen Abend hinaustrete, will es mir nicht gelingen, dieses Bild erregender Schönheit abzuschütteln.

Womit wir bei der Erfolgsgeschichte von "ImPulsTanz" wären, das vor 15 Jahren im "Kreis", heute Schauspielhaus, ermuntert vom damaligen Leiter George Tabori, startete. Der studierte Betriebswirt Karl Regensburger hatte fünf Jahre zuvor gemeinsam mit dem charismatischen Körperathleten Ismael Ivo die Workshops der "Internationalen Tanzwochen" initiiert. Seit damals fanden sich im sommerlichen Wien hochkarätige Exponenten der Bewegungskunst ein, um Modern Dance, African Dance, Hip Hop, Yoga, Feldenkrais, Beginners Movement und vieles mehr zu lehren. Was lag näher, als sie auch gleich zu einer Aufführung zu bitten.

Die Idee entwickelte sich rasant. Heuer waren es 64 Aufführungen, davon 24 österreichische Erstaufführungen, und 26.000 Besucher, was eine Auslastung von 98 Prozent bedeutet. Intendant Regensburger bespielt die großen Häuser Wiens wie Burg- und Volkstheater. Nach längerer Abstinenz kehrte das Festival heuer auch wieder ins Odeon und Schauspielhaus zurück. Womit sich ein Kreis zu schließen scheint, der vor 15 Jahren seinen ungewissen Anfang nahm.

Eine der letzten Vorstellungen war eine Hommage Ismael Ivos an den Photographen Robert Mapplethorpe. Ivo, von den "Römerquelle"-Plakaten mittlerweile in ganz Wien bekannt, hockt auf einer schwarzen Stele, faltet seinen wunderbaren Körper zusammen, weiß Bescheid über die leere Unermesslichkeit der Dinge, das große Vergessen im Himmel und auf Erden. Als ich in den dunstigen Abend hinaustrete, will es mir nicht gelingen, dieses Bild erregender Schönheit abzuschütteln.

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