Vergessen ist unmöglich

1945 1960 1980 2000 2020

Die Geschichte sorgt für ein Minimum an Gerechtigkeit. Wir sollten uns damit nicht begnügen.

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Die Geschichte sorgt für ein Minimum an Gerechtigkeit. Wir sollten uns damit nicht begnügen.

Warum erst jetzt?" wird allenthalben gefragt. Gemeint ist dabei zweierlei: "Warum erst jetzt?" fragen die einen; "warum jetzt noch?" klagen die anderen. Immer wenn das Thema Vergangenheit auf den Tisch kommt, werden solche Fragen gestellt: von denen, die es nicht begreifen können, daß auch nach 40, 50, 60 ... Jahren "noch nicht Schluß damit" sein kann; und von denen, die es unbegreiflich finden, daß über Ungeheures so lange geschwiegen wurde. "Wann, wenn nicht - endlich - jetzt!" rufen diese empört; "jetzt erst recht (nicht)!" stemmen sich jene gegen jeden Druck, gegen jedwede Forderung von außen.

Nazi-Gold, Zwangsarbeit, Entschädigung, Arisierung, Raubgut in den Museen lauten die einschlägigen Schlagworte der letzten Wochen und Monate. Aus dem Ausland kam noch der unsägliche Streit um die Auschwitz-Kreuze hinzu, die Neuauflage der Diskussion um Rainer Werner Fassbinders als antisemitisch mißverstehbares Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" und vor allem ein weiteres Kapitel in der endlosen Geschichte des Holocaust-Mahnmals in Berlin. Für die Biertische trug hierzulande Jörg Haider das seine dazu bei, indem er Entschädigungsansprüche der Holocaust-Überlebenden bzw. ihrer Nachfahren mit Forderungen der Sudetendeutschen in Verbindung brachte und forderte, einen EU-Beitritt Tschechiens mit der Vertriebenenfrage zu junktimieren. Für die Intelligenz des Landes spielte Andreas Mölzer in einer seiner "Presse"-Kolumnen so zum Spaß die Möglichkeit durch, daß Opfer der Alliierten-Bombenangriffe Entschädigungen von der US Air Force fordern könnten.

Allgegenwärtige Vergangenheit! Aber ist es nicht immer nur eine ganz bestimmte Vergangenheit, um die es geht? Ist es nicht immer nur die NS-Zeit, samt ihrer unmittelbaren Vor- und Nachgeschichte, mit all ihren unheimlich schillernden Facetten und abgründigen Dimensionen, die uns in irgendeiner Form stets aufs neue einholt, die, so scheint es, nicht und nicht zur Ruhe kommen will? Jeder Verweis auf Verbrechen und Unmenschlichkeiten anderer Epochen, auf Barbareien, die nicht auf das Konto der nationalsozialistischen Tyrannei gehen, gerät - oft zurecht - in den Verdacht der Aufrechnung. Alles was da unter "Aufrechnung" subsumiert wird, läßt sich aber auf die simple Frage zurückführen: "Haben nicht auch andere ...?" Die Frage ist durchaus legitim, ja notwendig; aus ihrer Beantwortung freilich werden von manchen durchaus illegitime Schlüsse gezogen.

Doch es ist schon klar, daß nun wieder auch anderes thematisiert wird, im Interesse eines vollständigeren Bildes: Nicht nur um Sudetendeutsche und andere Heimatvertriebene geht es; der frühere CA-Generaldirektor Heinrich Treichl etwa brachte in einem "Kurier"-Interview zu den Anschuldigungen gegen seine ehemalige Bank die amerikanischen "Negersklaven" ins Spiel; mit ebensolcher Berechtigung wird etwa an den Genozid an den Indianern erinnert. In einem "Presse"-Gastkommentar erinnerte Philipp Schoeller an die "Mitverantwortung der Sieger von 1918": daran, daß Hitler lange Zeit von England und Frankreich hofiert worden war, daß die europäischen Großmächte lange geschwiegen und zugesehen hatten: "1935 traten die Nürnberger Rassengesetze in Kraft. Von einem internationalen Protest dagegen ist nichts bekannt. Dafür aber wohl von dem Jubel, der Hitler im Sommer 1936 anläßlich der Berliner Olympischen Spiele aus der ganzen Welt entgegenschlug", schreibt Schoeller. Zu diesem vollständigeren Bild gehört etwa auch, was der des Revanchismus gewiß nicht verdächtige "profil"-Chefredakteur Herbert Lackner in der dieswöchigen Ausgabe seines Magazins darlegt: "Die von Deutschen besiedelten Ränder des 1919 geschaffenen tschecho-slowakischen Staates wurden einfach diesem zugeschlagen - ohne jenes âSelbstbestimmungsrecht der Völker' zu beachten, das US-Präsident Wilson eben proklamiert hatte."

Über manches von dem, was eben kurz gestreift wurde, kann erst seit relativ kurzer Zeit überhaupt geredet werden. Über all dies und noch vieles andere wird noch weiter geredet werden (müssen). Doch unverkennbar ist auch, daß eine Entkrampfung im Umgang mit der Vergangenheit bereits eingetreten ist.

Barbara Coudenhove-Kalergi hat in ihrer jüngsten "Presse"-Kolumne von ihrer Erinnerung an die Vertreibung nach dem Krieg erzählt: Die 13jährige und ihre Geschwister und Eltern mußten Böhmen Hals über Kopf verlassen. "Warum müssen wir gehen?" fragte Barbara ihren Vater. "Das ist der Lauf der Geschichte", sagte dieser, "mit der Geschichte sind wir in dieses Land gekommen, und mit der Geschichte müssen wir auch wieder hinaus". Die Antwort ist ungemein berührend; in ihr drückt sich aber auch eine gleichermaßen schlichte wie radikale Wahrheit aus. Der Lauf der Geschichte kann fürchterlich sein, Verheerendes mit sich bringen - das wissen wir, und Abermillionen haben es selbst erfahren, in diesem Jahrhundert und in früheren Epochen. Der Lauf der Geschichte gestattet aber auch kein Vergessen. Denn: es kann lange, sehr lange, für viele auch zu lange dauern - doch irgendwann einmal kommen all die Ungeheuerlichkeiten, die er mit sich führt, an die Oberfläche. Das zu wissen, läßt einen nicht ruhen. Es hat aber auch, und das ist nicht zynisch gemeint, etwas zutiefst Beruhigendes. Es ist dies - wenigstens! - ein Minimum an Gerechtigkeit, für das die Geschichte selbst sorgt. Daß wir uns damit nicht zufriedengeben sollten, steht auf einem anderen Blatt.

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