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Verheißung und Realität Europas

1945 1960 1980 2000 2020

Ende April machen Europas Autorenfilmer(innen) wieder in Linz Station: Beim Filmfestival "Crossing Europe" steht auch heuer exzeptionell lokales und internationales Kino auf dem Programm.

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Ende April machen Europas Autorenfilmer(innen) wieder in Linz Station: Beim Filmfestival "Crossing Europe" steht auch heuer exzeptionell lokales und internationales Kino auf dem Programm.

"Das Leben ist sehr schnell vergangen" - und so anders verlaufen als es sich die Dame, die allein auf der Couch sitzt, ausgemalt hatte. Frisch verheiratet wollte man aus der Türkei nach Europa gehen, arbeiten, sich etwas zusammensparen und als gemachte Leute heimkehren. "Evdeki Ses -22 m 2 Österreich" nennt Ufuk Serbest seine Dokumentation, deren Uraufführung das Linzer Filmfestival Crossing Europe miteröffnet. Die Protagonistinnen, die bei ihm zu Wort kommen, sind hier sesshaft geworden. Aus den einst winzigen, schlecht beheizten Quartieren ohne fließend Wasser schafften sie es bis in eigene Häuser. "Jetzt habe ich so viele Zimmer, aber alle sind leer" - noch ein Traum, der zwischen Kulturen und Generationen geplatzt ist.

Europäisches Filmschaffen anders lesen

Mit der Kluft zwischen Verheißung und Realität Europas spiegelt sich im Film des Oberösterreichers Serbest eines der zentralen Themen der Schau, die heuer von 23. bis 28. April stattfindet. Programmatisch wie infrastrukturell setzt sie auf gewachsene Strukturen, wobei Festivalleiterin Christine Dollhofer ihre Aufgabe auch darin definiert, Vorschläge zu machen, das aus 1400 Produktionen pro Jahr bestehende europäische Filmschaffen einmal anders zu lesen.

Problematiken ziehen sich in Linz deshalb gern quer durch Sektionen -z. B. das Thema Wohnen, das neben seiner Bedeutung in "Evdeki Ses" von der Schiene "Architektur und Gesellschaft" als Grundrechtsfrage behandelt wird. Herzstück bildet darin der Schweizer Dokumentarfilm "The Shelter", für den Regisseur Fernand Melgar einen Winter lang den Alltag in einem Obdachlosenasyl in Lausanne begleitete. Um den Verlust des Zuhauses geht es bei Irene Bude, Olaf Sobczak und Steffen Jörg: Ihr "Buy Buy St. Pauli" konzentriert sich auf Hamburg als Kampfzone der Gentrifizierung ganzer Stadtviertel. Gastarbeit, jedoch in ihrer aktuellsten Form, hat wiederum in den "Arbeitswelten" einen weiteren Auftritt: Dort führt "In a Foreign Land" zu drei gut ausgebildeten Exil- Spanierinnen nach Edinburgh.

Die nächste von vielen Klammern bei Crossing Europe soll einen anderen Blick auf den Filmkontinent Russland eröffnen: Die Personale gilt dem aus der Ukraine stammenden Sergej Losniza, der u. a. letztes Jahr die Maidan-Bewegung dokumentierte, lange vorher jedoch schon durch seine archäologischen Montagearbeiten etwa über die Belagerung von Leningrad nachhaltig beeindruckte. Gerahmt wird das Tribute von "The Postman's White Nights", Altmeister Andrej Kontschalowskis Werk, das 2014 in Venedig mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet wurde, und Alexej Fedortschenkos Kulturimperialismus-Komödie "Angels of Revolution". Wie viele Filmschaffende gehört Losniza zu den Wiederkehrern bzw. Langzeitfreundschaften, die sich durchs Festivalprogramm ziehen. Nicht nur filmisch findet dieses Netzwerk Europa, das sich von Linz aus entspinnt, seinen Niederschlag, sondern auch im einzigen neuen Programmpunkt: "Cinema Next Europe" heißt die Schiene, die eine heimische zur internationalen Nachwuchs-Förderinitiative erweitert. Im Austausch mit zahlreichen Kuratoren und Institutionen entstanden, soll sich dieser auf Diskussionsebene fortsetzen.

Meisterin der Netzwerke

Noch wichtiger ist der Stellenwert des Austauschs bei den Local Artists, wo Crossing Europe als zentrale Bühne fungiert -auch hier als Meisterin der Netzwerke, das durch Kooperationen bisher stark den crossmedialen Bereich mit einschloss. Gerade dieser Punkt präsentiert sich in der heurigen Ausgabe immens zusammengeschrumpft. Einen der diesbezüglich verbliebenen Brückenschläge liefert das Tanz-Roadmovie "Auf der Suche nach Isolde", in dem Barbara Windtner den Lebensweg der Linzer Zwischenkriegs-Choreographin Isolde Klietmann nachzeichnet. Es ist eine von insgesamt 42 Weltpremieren eines Festivals, das bei seinen Filmen gerne von Positionen spricht -des Kinos, zur Unterhaltung, zum Ist-Zustand Europas. Crossing Europe selbst bezieht dabei die Vermittlerposition eines Ineinandergreifens von Lokalem und Internationalem -ein Plan, der nun wieder seiner Umsetzung harrt.

Crossing Euope 2015 -Filmfestival Linz 23. bis 28. April www.crossingeurope.at

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