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Versöhnliche Musik und Mehlspeisen

Das "Ars Musica Ferialis“ jährte sich zum 40. Mal. Die Annäherung an Tschechien schreitet in kleinen, behutsamen Schritten voran - gesanglich und auch in kulinarischer Hinsicht.

Mehr Salat und mehr Mehlspeisen: Der Tenor nicht nur des Tenors des Singkreises ist einhellig. Mit der Küche im Seminarhaus der Brünner Landwirtschaftsuniversität sind die Österreicher ja zufrieden, aber sie sind von zu Hause mehr vor allem grünen Salat gewohnt und erwarten zumal in Tschechien etwas Süßes zur Nachspeise.

Zum 40. Mal hat sich "Ars Musica Ferialis“, ein Singkreis um den Pfarrer von Spillern, zur sommerlichen Singwoche versammelt, und zwar diesmal im Wallfahrtsort Krˇtiny nordöstlich von Brünn. Franz Forsthuber ist selber an der Waldviertler Grenze aufgewachsen und dort fand auch die erste Annäherung von AMF an die nördlichen Nachbarn statt. Bei einer Singwoche in Drosendorf sang ich 1981 auf einer Wiese mit Blick auf den Eisernen Vorhang den Sängerinnen und Sängern die tschechische Hymne "Kde domov mu˚j“ vor. Und jetzt haben wir diese Grenze ohne Kontrolle überquert, nur die gemeinsame Währung steht noch aus.

Mein Interesse an Tschechien hat familiäre Wurzeln, die zugleich typisch und atypisch sind. Ich verfüge tatsächlich über die legendäre Brünner Großmutter, aber sie böhmakelte nicht - ihr Vater hatte sie in eine deutsche Schule geschickt, und sie verkehrte in Wien nicht in tschechischen Kreisen. Die beiden Großväter waren Deutsch-Südmährer, nur die andere Großmutter war in Österreich geboren worden - und trug den Mädchennamen Kulhanek. Niemand aus unserer Familie ist vertrieben worden, denn alle hatten die Migration nach Wien schon zur Zeit der Monarchie vollzogen.

Mutation von deutsch zu tschechisch

Eine Cousine des Bahr-Großvaters ist in den 40er-Jahren sogar zurück nach Saitz gezogen, um dort ihre Mutter zu pflegen. Als österreichische Staatsbürgerin musste sie mit ansehen, wie die rein deutsche Ortschaft zu einer rein tschechischen mutierte. Ironie der Geschichte: Sie hieß Wessely und tat sich bis zuletzt mit der tschechischen Sprache schwer, während der deutsche Ortsname, der sich vom tschechischen Wort "zajíc“ (Hase) ableitet, durch Zajecˇí ersetzt wurde.

Wenn ich versuche, anderen einen Zugang zu den Tschechen zu ebnen, gehe ich gern von meiner Familien- und Lebensgeschichte aus. Ich erzähle davon, wie mein Vater zweimal daran gehindert wurde, eine slawische Sprache zu lernen: als Kind von einer deutschnationalen Volksschullehrerin und als Lehrer von einem christlichsozialen Schuldirektor; wie mir die CˇSSR zwar ein Stipendium für einen Sprachkurs gewährte, mich aber zum Tschechisch-Unterricht ins slowakische Pressburg schicken wollte; wie ich aber auch mein erstes Geld mit der Exzerpierung tschechischer Texte für einen Wiener Universitätsprofessor verdiente. Eine humorvolle Einführung in die tschechische Sprache findet bei meinem kleinen Grundkurs stets den größten Anklang. In Kiritein habe ich versucht, die tschechische Orthografie am Beispiel deutscher Lehnwörter wie "hajzl“ (Häusel) oder "glajchsˇaltování“ (Gleichschaltung) zu erläutern. Und statt mich auf das leidige "Rˇ“ zu kaprizieren, erscheint es mir immer wichtiger, die Aussprache des "C“ als "Z“ zu betonen, die allen slawischen Sprachen gemeinsam ist.

Hineinschnuppern in andere Sprachen

Weit entfernt davon, im Tschechischen sattelfest zu sein, weiß ich aus Erfahrung, welchen Gewinn es bringt, in die Sprachen der Nachbarländer zumindest hineinzuschnuppern, und mehrere Sängerinnen und Sänger haben das Abenteuer ebenfalls gewagt. Der Einstieg beginnt mit einer Reflexion über die Schwierigkeiten des Erlernens der fremden Sprache. Gerade bei Deutsch und Tschechisch sind auf beiden Seiten psychische Faktoren im Spiel, die ein lustvolles Lernen behindern. Zu den historischen Hemmschwellen, die auf beiden Seiten unterschiedlich sind, ist dabei seit 1989 eine gemeinsame hinzugetreten: dass nämlich die englische Sprache absoluten Vorrang habe. Dass sich für die Bewohner der Alpenrepublik und ihre Antipoden an March und Moldau ein spezifisches Problem hinzugesellt, das sich von den Beziehungen zwischen Tschechen und Bundesdeutschen unterscheidet, wird den Singwöchnerinnen und Singwöchnern unerwartet beim Besuch des Mährischen Karstes klar: Vom Tonband in den Punkva-Höhlen und am Fuß des Felsenschlundes Macocha ertönt eine Stimme mit unverkennbarem Meidlinger "L“ und kontrahiertem "ei“, das dem Einfluss der tschechischen Zuwanderung nach Wien zu verdanken ist.

Dass die Beziehungen zwischen Österreichern und Tschechen ein Nachdenken über die deutsch-österreichischen Beziehungen erfordern, wird mir stets dann bewusst, wenn ich von Tschechen, die über meine österreichische Identität Bescheid wissen, in bestimmten Zusammenhängen als Deutscher angesprochen werde. Die Tschechen haben Österreich als Deutsch-Österreich erlebt, ihre Emanzipation war eine solche sowohl von Österreich als auch vom Deutschtum, und ihre Staatsräson knüpft gerade seit 1989 verstärkt am national-tschechischen Ansatz der Staatswerdung von 1918 an.

Das Gesetz von Ursache und Wirkung

Die Implikationen des spezifisch österreichisch-tschechischen Verhältnisses begegneten mir auch bei der Vorbereitung des Rundgangs der AMF-Leute durch Brünn. Die "procházka“ (tschechisch für Spaziergang) begann beim einstigen Deutschen Theater, das von Fellner und Helmer entworfen worden war, und endete beim einstigen Mährischen Landtag, dessen Wappen der Vater von Adolf Loos geschaffen hat. Kunstbeflissene Österreicher übersehen leicht den Wandel, der sich seit dem 19. Jahrhundert in den böhmischen Ländern vollzogen hat - das Deutsche Theater ist heute nach den Brüdern Mrsˇtík benannt und im Landtag residiert das tschechische Verfassungsgericht. Manche Sudetendeutsche und ihre Nachkommen wiederum sind verständlicherweise so sehr auf das Trauma von 1945 fixiert, dass sie die Vorgeschichte - die Behinderung der tschechischen nationalen Emanzipation durch Österreich - ausblenden. Die Vertreibung war Unrecht, aber auf Grund des Gesetzes von Ursache und Wirkung muss die österreichische Entschuldigung der tschechischen vorangehen.

Mehr Salat und mehr Mehlspeisen: In diesem Wunsch spiegelt sich die Gemengelage unterschiedlicher Aspekte bei der versuchten österreichisch-tschechischen Annäherung. Mehr Grünzeug und weniger Fleisch zu essen, ist in österreichischen Haushalten heute ein weithin akzeptiertes Gebot, in Tschechien hingegen hat die Bio- wie die ganze Ökologie-Bewegung erst eine kurze Geschichte. Schnell ist man da in Österreich mit rationalen Argumenten zur Hand, die mit dem Selbstbewusstsein der Tschechen als fortschrittliches Volk kollidieren. Dass der Fortschritt in ihrer Geschichte sehr unterschiedlich interpretiert wurde, macht die Sache noch komplizierter.

Und was die Mehlspeisen anbelangt, die von österreichischen Touristen in der Tschechischen Republik so vehement verlangt und in dieser ebenso rigoros verweigert werden, so handelt es sich um eine narzisstische Kränkung, denn hinter dem - nicht mit gesunder Ernährung begründbaren, vom Schreiber dieser Zeilen freilich durchaus geteilten - Wunsch steht das Klischee von der ammenhaft-braven böhmischen Köchin, das dem Selbstbild der modernen, auch als Frau emanzipierten Tschechin diametral entgegengesetzt ist. Aber Ende gut, alles gut: Beim gemeinsamen Konzert der Partnergemeinden Spillern und Kanice/Babice, das "Ars Musica Ferialis“ für die österreichische Seite in Krˇtiny bestritt, sorgten herrliche Pogatscherln von tschechischer Seite für einen versöhnlichen Ausklang …

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