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Vertreter und Wegbereiter der musikalischen Zukunft

Für seinen Komponistenkollegen Wolfgang Rihm war er "der letzte der Heiligen Drei Könige der musikalischen Nachkriegsmoderne". Der Komponist und Klarinettist Jörg Widmann charakterisierte ihn als "eine Jahrhundert-Figur", als Typus, der in einer solchen Form nicht mehr existiert: "der uneitle, stets der Sache der Partitur verpflichtete Künstler, der sich über Kenntnis und Kompetenz definiert, nicht über Schaumschlagen und Äußerlichkeiten."

Enge Freunde, wie der Dirigent und Pianist Daniel Barenboim, berichteten immer wieder, dass man mit Pierre Boulez auch herzlich lachen könnte. Der breiten Öffentlichkeit blieb diese Facette des 1925 in Montbrison geborenen Komponisten, der in den letzten Jahrzehnten auch als Dirigent Weltgeltung erlangte, verborgen. Ihnen vermittelte er das Bild eines sachlichen, vorrangig auf das Sichtbarmachen von Strukturen konzentrierten Musikers, der es der Bequemlichkeit der Interpreten zuschrieb, dass nach wie vor so wenig Modernes auf den Programmen steht. Das Publikum, war Boulez zeitlebens überzeugt, ist stets neugierig und für Zeitgenössisches ungleich aufgeschlossener, als Veranstalter meinen. Boulez war 26 Jahre, als er mit seinem Satz "Schönberg ist tot" nicht nur auf sich aufmerksam machte, sondern die Musikwelt aufrüttelte. Er orientierte sich in seinem frühen Schaffen an Webern und Strawinsky sowie Debussy, Komponisten, denen später auch als Interpret sein besonderes Engagement galt. Spätestens als Boulez, der ursprünglich Mathematik und technische Wissenschaften studierte, ehe er Kompositionsschüler von Olivier Messiaen und René Leibowitz wurde, 1971 die Nachfolge von Bernstein als Chef der New Yorker Philharmoniker antrat, zeigte er, wie weitgespannt sein Interesse war: von der Klassik bis zur Moderne. Dass er einst die Opernhäuser sprengen wollte, um Platz für Neues zu schaffen, später mit seinem auf unbedingte Klarheit und flüssige Tempi setzenden Interpretationsstil epochemachende Aufführungen des "Ring" und von "Parsifal" auf Bayreuths Grünem Hügel dirigierte, passt durchaus zum Profil dieses großen Musikers und Denkers. Mit seinen aus der tiefen Kenntnis der Vergangenheit geschaffenen, oft mehrfach überarbeiteten Werken, seinem Einsatz für die elektronische Musik und der Gründung des Pariser Institut de Recherche et de Coordination Acoustique-Musique wurde er zum Vertreter und Wegbereiter der musikalischen Zukunft. Am 5. Jänner ist Pierre Boulez in Baden-Baden gestorben.

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