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Viel Lärm um Staub

Die tagespolitische Umweltdiskussion wird derzeit von einem Thema beherrscht: dem Feinstaub. Für den Menschen ist der feine Staub nicht ungefährlich.

Feinstaub ist derzeit ohne Zweifel das österreichische Umweltthema Nummer eins. Sieht man von politischen Schlagabtäuschen, gegenseitigen Schuldzuweisungen und so manchem Politspektakel, bei dem Landeshauptleute von Global 2000 verklagt wurden, einmal ab, bleibt unterm Strich ein weiteres ungelöstes Umweltproblem: Obwohl das Immissionsschutzgesetz Luft 2001 vorschreibt, dass der Grenzwert von 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft nicht öfter als an 30 Tagen im Jahr überschritten werden darf - das sind fünf Tage weniger, als eine eu-Richtlinie vorgibt - wurde diese Grenze seit Jahresbeginn in einigen Städten bereits mehrfach überschritten.

Schwarzer-Peter Spiel

Im Vorfeld viel Staub aufgewirbelt hatte auch das vom Umweltminister einberufene Expertentreffen, das unter dem Namen "Feinstaub-Gipfel" gehandelt wurde: Oppositionspolitiker und ngos hatten erfolglos ihre Teilnahme verlangt; Experten von Bund und Länder blieben unter sich. Karin Büchl-Krammerstätter, Leiterin der Umweltschutzabteilung der Stadt Wien, die an dem Experten-Treffen teilgenommen hat, empfindet die Einladung des Ministeriums dennoch als positiv und wertet den Gipfel als Zeichen dafür, dass der Bund nun die Notwendigkeit erkannt hat, das Thema Feinstaub gemeinsam und akkordiert anzugehen. Das Ministerium sei außerdem davon abgegangen, die Verantwortung ausschließlich bei den Ländern zu suchen: "Das Problem des Feinstaubs ist zu ernst, um Schwarzer-Peter zu spielen und die Verantwortung hin und her zu schieben."

Wenn auch die Verursacher von Feinstaub bekannt sind (siehe Kasten), bleibt umstritten, bei wem die Hauptverantwortung zu suchen ist. In einer österreichweiten Studie der Technischen Universität Wien werden derzeit gesammelte Stäube chemisch analysiert, um die Anteile nach Verursachern quantifizieren zu können. Erste Ergebnisse nach einem Jahr Studie zeigen zum Beispiel, dass an manchen Überschreitungstagen ein Schadstoff dominiere, den man selber gar nicht produziere, nämlich Staubteilchen, die sich aus dem Schwefeldioxyd bilden, berichtet Hans Puxbaum, Professor am Institut für chemische Technologien und Analytik der tu Wien. "Hier schwappt von den östlichen Nachbarländern, die ein Vielfaches unserer Emissionsstärke haben, die Feinstaubbelastung nach Österreich über." Auch ließe sich erkennen, dass Rußpartikel, die von Dieselmotoren stammen, maximal 15 Prozent der in Wien gemessenen Immissionen ausmachen.

Je kleiner desto schädlicher

Dass diese Zahl von der Automobilindustrie und den entsprechenden Lobbys als Argument herangezogen wird, um die Bedeutung des Verkehrs für den Feinstaub herunterzuspielen, will Hans-Peter Hutter vom Institut für Umwelthygiene der Medizinischen Universität Wien so nicht gelten lassen. Da üblicherweise die Staubbelastung anhand der Masse pro Kubikmeter beschrieben wird, fällt der prozentuelle Anteil der feinen und ultrafeinen Teilchen (siehe Kasten), nicht so sehr ins Gewicht, wie jener größerer Teilchen. Anzahlmäßig machen die feinen und ultrafeinen Teilchen, zu denen auch die für den Menschen besonders schädlichen Feinstäube aus Verbrennungsprozessen gehören, jedoch bis zu 90 Prozent aus.

Heftig umstritten ist nicht nur der Anteil der jeweiligen Verursacher, sondern auch die zu ergreifenden Maßnahmen. Auch das von Umweltminister Josef Pröll angekündigte Maßnahmenpaket, das für die nächsten eineinhalb Jahre 7,5 Millionen Euro für ein Förderungssystem für die Investition von Filtern bei Industrieanlagen vorsieht, wurde heftig kritisiert, da der Verkehr dabei nahezu ausgeklammert wird. Puxbaum gibt allerdings zu bedenken, dass auch "die Nachrüstung von Dieselfahrzeugen mit Partikelfiltern nicht ausreichen wird, um zukünftig die vorgeschriebenen Grenzwerte einhalten zu könnten". Nötig seien vor allem auch eine effizientere Straßenreinigung und die Sanierung der östlichen Industrie.

Gesamter Organismus

Feinstaub ist kein neues und schon gar kein unbekanntes Phänomen. Die Medizin, so Hutter, wisse schon seit den 80er Jahren über das Problem Bescheid. Dieselruß wurde bereits 1987 als krebserregend eingestuft. Die gesundheitliche Wirkung des Feinstaubs hängt von verschiedenen Faktoren ab. Abgesehen von der Konzentration der Partikel in der Luft spielen auch die Größe - die feinen und ultrafeinen Partikel werden bis tief in die Lungenbläschen eingeatmet - und die Beladung der Oberfläche der Teilchen mit gewissen chemischen Substanzen eine wichtige Rolle. Laut einer who-Studie, die auf Daten aus dem Jahr 1996 basiert, sterben in Österreich jährlich 2.400 Menschen an den Folgen der Feinstaubbelastung. Als kurzfristige Effekte von Feinstaub führt Hutter außerdem Husten, Bronchitis und Asthmaanfälle an. Langfristige Effekte sind die Beeinträchtigung des Lungenwachstums bei Kindern, eine erhöhte Sterblichkeit, vor allem bei älteren Menschen und vorgeschädigten Personen, und Lungenkrebs.

Für besonders alarmierend hält Hutter jedoch, dass Feinstaub den gesamten Organismus in Mitleidenschaft zieht. Feinstaub konnte nicht nur in der Lunge, sondern auch schon in der Leber nachgewiesen werden. Tierversuche zeigen außerdem, dass die Partikel über den Riechnerv direkt ins Gehirn gelangen, wo sie abgelagert werden. Welche Schäden sie dort anrichten können, steht noch nicht fest. Da man allerdings weiß, dass einige der Teilchen in der Lage sind, Entzündungen hervorzurufen, scheint es naheliegend, dass dies nicht nur in der Lunge der Fall ist, sondern auch in anderem Gewebe.

Feinstaub

Staub ist ein heterogenes Gemisch aus festen oder flüssigen Teilchen, die sich hinsichtlich ihrer Größe, Form, chemischen Zusammensetzung, physikalischen Eigenschaften und Herkunft unterscheiden. Als Feinstaub bezeichnet man Partikel mit einem Durchmesser kleiner als 10 µm (Mikrometer). Üblich ist auch die Bezeichnung pm10 (Particulate Matter). Man unterscheidet weiters zwischen feinen und ultrafeinen Teilchen (von weniger als 2,5 µm respektive 0,1 µm Durchmesser). Feinstäube stammen aus natürlichen und anthropogenen Quellen. Zu den anthropogenen Hauptverursachern zählen Industrie, Straßenverkehr (Dieselmotoren, Aufwirbelung, Straßen- und Reifenabrieb), Hausbrand und die Bauwirtschaft. Eine wichtige Rolle spielt auch der Ferntransport, da die feinen Staubpartikel sich bis zu zehn Tagen in der Luft halten und über hunderte Kilometer verfrachtete werden können. Seit 1990 sind die pm10-Emissionen in Österreich um fünf Prozentpunkte auf etwa 47.000 Tonnen im Jahr angestiegen. VerT

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