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Feuilleton

Vietnam im Himalaya

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Edmund Hillary hat nach seiner Erstbesteigung des höchsten Bergs der Welt am 29. Mai 1953 ins Basislager gemeldet: "Wir haben den Bastard umgelegt!" Seine Expedition war ein militärisch organisiertes Unternehmen, der Leiter ein Berufsoffizier, und es ging um die Ehre Großbritanniens. Baltasar Kormákurs Film "Everest" spielt zwar im Mai 1996, aber er bleibt der Logik der Erstbesteigung verpflichtet, inszeniert sein Bergdrama als Kriegsepos mit Helden am Berg und wartenden, hoffenden Frauen und Kindern in der Heimat. Das Everest-Basislager wird zum Truppenstützpunkt, Alkohol, Partys und Selbstzweifel inklusive; die Expeditionsteams sind aufgestellt wie Platoons, mit mehr oder wenig schrägen Helden als Kommandanten und mehr oder wenig geeigneten Bergtouristen als Kanonenfutter. Eine Mutter der Kompanie sowie Frau Doktor sorgen für Wohlfühloasen in der Eiswüste, bevor die Kämpfer wieder raus in die Bergschlacht müssen. Mit Hubschrauberunterstützung wie damals im Mekong-Delta.

Keine Ahnung, wie es wirklich war

"Everest" ist ein alpiner Actionfilm in 3-D. Während aber der Berggigant, der Khumbu-Eisbruch, die gewaltige Südwand oder die vom Everest-Bruder Lhotse heranstürmenden Schlechtwetterwalzen diese dritte Dimension nützen und in den Zuschauersaal drängen, stürzen, fegen, bleiben die Hauptrollen trotz Starbesetzung eindimensional und schon vor ihrem drehbuchmäßigen Erfrierungstod blutleer.

Bei Jake Gyllenhaal, der den versoffenen 8000er-Bergführer Scott Fischer spielt, hofft man nach einer gelungenen Einstiegsszene als Basislager-Hippie endlich einen Reibebaum und bösen Buben in dieser Schulwandertag-Gruppe entdeckt zu haben. Und wird enttäuscht. Ein Fast-Spaltensturz läutert den vermeintlichen Berg-Desperado und macht den "Brokeback Mountain"-Leidenden auch im Himalaya zum heroisch-selbstlosen Bergkameraden.

Hallo, aufwachen, möchte man die Sturmböen überschreien und in die Szenen rufen. Extrembergsteigen ist an und für sich schon ein brutales Geschäft und bei kommerziellen Achttausendertouren kommt die Konsummentalität noch dazu: Ich habe sehr viel bezahlt, ihr bringt mich da rauf und runter! Die Todeszone ist doch kein Ort zum Händchenhalten. Die in Eis gepackten Bergsteigerleichen entlang des Everest-Aufstiegs bezeugen, wie es dort oben zugeht. Aber es gibt ja auch nicht viele Vietnam-Filme, die eine Ahnung davon geben, wie es dort draußen wirklich zugegangen ist -und das liegt, so wie bei "Everest", nicht daran, dass der jeweilige Regisseur zuwenig Hubschrauberszenen eingebaut hat.

Everest

USA 2015. Regie: Baltasar Kormákur. Mit Jake Gyllenhaal, Josh Brolin, Jason Clarke. Universal. 121 Min.

Edmund Hillary hat nach seiner Erstbesteigung des höchsten Bergs der Welt am 29. Mai 1953 ins Basislager gemeldet: "Wir haben den Bastard umgelegt!" Seine Expedition war ein militärisch organisiertes Unternehmen, der Leiter ein Berufsoffizier, und es ging um die Ehre Großbritanniens. Baltasar Kormákurs Film "Everest" spielt zwar im Mai 1996, aber er bleibt der Logik der Erstbesteigung verpflichtet, inszeniert sein Bergdrama als Kriegsepos mit Helden am Berg und wartenden, hoffenden Frauen und Kindern in der Heimat. Das Everest-Basislager wird zum Truppenstützpunkt, Alkohol, Partys und Selbstzweifel inklusive; die Expeditionsteams sind aufgestellt wie Platoons, mit mehr oder wenig schrägen Helden als Kommandanten und mehr oder wenig geeigneten Bergtouristen als Kanonenfutter. Eine Mutter der Kompanie sowie Frau Doktor sorgen für Wohlfühloasen in der Eiswüste, bevor die Kämpfer wieder raus in die Bergschlacht müssen. Mit Hubschrauberunterstützung wie damals im Mekong-Delta.

Keine Ahnung, wie es wirklich war

"Everest" ist ein alpiner Actionfilm in 3-D. Während aber der Berggigant, der Khumbu-Eisbruch, die gewaltige Südwand oder die vom Everest-Bruder Lhotse heranstürmenden Schlechtwetterwalzen diese dritte Dimension nützen und in den Zuschauersaal drängen, stürzen, fegen, bleiben die Hauptrollen trotz Starbesetzung eindimensional und schon vor ihrem drehbuchmäßigen Erfrierungstod blutleer.

Bei Jake Gyllenhaal, der den versoffenen 8000er-Bergführer Scott Fischer spielt, hofft man nach einer gelungenen Einstiegsszene als Basislager-Hippie endlich einen Reibebaum und bösen Buben in dieser Schulwandertag-Gruppe entdeckt zu haben. Und wird enttäuscht. Ein Fast-Spaltensturz läutert den vermeintlichen Berg-Desperado und macht den "Brokeback Mountain"-Leidenden auch im Himalaya zum heroisch-selbstlosen Bergkameraden.

Hallo, aufwachen, möchte man die Sturmböen überschreien und in die Szenen rufen. Extrembergsteigen ist an und für sich schon ein brutales Geschäft und bei kommerziellen Achttausendertouren kommt die Konsummentalität noch dazu: Ich habe sehr viel bezahlt, ihr bringt mich da rauf und runter! Die Todeszone ist doch kein Ort zum Händchenhalten. Die in Eis gepackten Bergsteigerleichen entlang des Everest-Aufstiegs bezeugen, wie es dort oben zugeht. Aber es gibt ja auch nicht viele Vietnam-Filme, die eine Ahnung davon geben, wie es dort draußen wirklich zugegangen ist -und das liegt, so wie bei "Everest", nicht daran, dass der jeweilige Regisseur zuwenig Hubschrauberszenen eingebaut hat.

Everest

USA 2015. Regie: Baltasar Kormákur. Mit Jake Gyllenhaal, Josh Brolin, Jason Clarke. Universal. 121 Min.