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Virtuose Sprachkomponistin

Elfriede Jelinek, Literaturnobelpreisträgerin 2004: Eine Würdigung

Elfriede Jelinek beschreibt weder die Realität noch entwirft sie eine poetische Welt. Ihr Terrain ist die Sprache selbst, die Wirklichkeit produziert, unser Denken und unsere Gefühle bestimmt. Sie schreibt in immer neuen Variationen an gegen den schönen Schein des sprachlichen Schleims, der die gesellschaftlichen Verhältnisse überzieht und verschleiert, von ihrem Debütroman "wir sind lockvögel, baby" (1970) bis zu ihrem jüngsten Theaterstück "Bambiland" (2003). Ihre Literatur ist der Aufklärung verpflichtet und als politische Aussage zu verstehen, ganz im Sinne von Roland Barthes, der in den "Mythen des Alltags" schreibt: "Ich litt also darunter, sehen zu müssen, wie Natur' und Geschichte' ständig miteinander verwechselt werden."

Kriegszustand

Unbeirrt von Kritik und Denunziation, wenngleich nicht unverletzt, schraubt Elfriede Jelinek ihre Spracharbeit wie in einer Spirale konsequent weiter. Immer dichter werden die Sprachvorlagen, in die sie eindringt, aber auch die ironisch satirischen Spiele, die sie mit ihnen treibt. Waren es in den "Liebhaberinnen" (1975) noch die trivialen Heimat- und Liebesromane, können es in den jüngeren Romanen auch Werke von Friedrich Hölderlin und Martin Heidegger sein, die sie dreht, wendet und zerschneidet, bis sie sich selbst entlarven.

Bis heute gilt der Name Jelinek vielen als Synonym für Schriftsteller, die Österreich beschimpfen und negativ beschreiben, weil sie die Fortsetzung des Kriegszustands nach 1945 beklagen. Zum Skandal wird eine Autorin, die Gewaltverhältnisse aufzeigt - wie in ihrem Roman "Lust" (1989) und ihrem Stück "Raststätte oder sie machens alle" (1994) -, und nicht eine Gesellschaft, in der Sexualität zur Ware geworden ist und damit auch der menschliche Körper nur mehr in Kategorien von Kaufen und Verkaufen Wert besitzt.

Elfriede Jelinek versteht sich selbst als Feministin und sieht in der Sprache das Herrschaftsverhältnis zwischen Mann und Frau gespiegelt. Doch wer meint, dass die Frauen deshalb immer Opfer sein müssen, der irrt, denn bei Jelinek können sie Mit-Täterinnen sein, die perfekt in Herrschaftsrollen schlüpfen - wie etwa die Mutter der "Klavierspielerin" (1983) in ihrem wohl bekanntestem Roman über die Zerstörung weiblicher Kreativität.

Konsequent sucht Elfriede Jelinek mit ihrem unbestechlichen Blick die Barbarei inmitten der abendländischen Zivilisation aufzudecken. Ihr Werk ist deshalb so einzigartig, weil sie Gesellschaftskritik in Sprachmusik verwandelt. Für die ausgebildete Organistin sind neben der Anwendung von Kompositionstechniken die Musikalität der Sprache, der Rhythmus und Klang wesentliche Gestaltungselemente ihrer Kunst.

Mit ihrem Opus magnum "Die Kinder der Toten" (1995) rückt die Auseinandersetzung mit dem Tod ins Zentrum. Der Roman, eigentlich ein riesiges langes Gedicht, sucht den Tod nicht als natürliches, sondern als geschichtliches Phänomen zu begreifen. Das Buch ist eine apokalyptische Endzeitvision, ein umgekehrter Schöpfungsakt, in dem die Toten wiederauferstehen, die verdrängten Opfer wiederkehren. Am Ende wird die Bühne des Szenarios, die Pension Alpenrose, von einer Mure verschüttet.

Sport ist Mord

Die Sprachflächen und Stimmen im "Sportstück" (1998), kongenial von Einar Schleef am Burgtheater inszeniert, spannen einen Bogen von der Antike bis zu Arnold Schwarzenegger und umkreisen den Zusammenhang von Sport und Krieg. Sport ist Mord, ist Vernichtung des Anderen im Spiel, Vergötzung der Helden als Idole und nationale Ikonen. Am Ende des Stücks bleibt nur die Totenklage, das letzte Wort hat die Autorin: "Genug geredet jetzt."

Doch weil nie genug geredet ist, ist in über 30-jähriger Schreibarbeit ein ebenso umfangreiches wie singuläres und vielfältiges Werk entstanden: Romane, Dramen, Hörspiele, Hunderte Essays, Libretti, Übersetzungen. Wer keine Bücher von Elfriede Jelinek zur Hand hat, aber einen Internetanschluss, der kann Elfriedes Homepage besuchen und nicht nur in ihrem Fotoalbum blättern, sondern auch Texte von ihr lesen: ourworld.compuserve.com/homepages/elfriede/

Die Autorin leitet das Salzburger Literaturforum "Leselampe".

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