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"Visa für Flüchtlinge sind KEINE LÖSUNG"

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Begegnungen in Jordanien haben die syrische Tragödie zum Thema. Der Westen wird als politisch inkompetent erfahren - und wäre als politischer Player nötiger denn je.

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Begegnungen in Jordanien haben die syrische Tragödie zum Thema. Der Westen wird als politisch inkompetent erfahren - und wäre als politischer Player nötiger denn je.

Eigentlich ist die kleine Journalistengruppe nach Jordanien gekommen, um den Spuren der Bibel, die hier zahlreich wie westlich des Jordans zu finden sind, nachzuspüren. Doch wer in diesen Wochen das Haschemitische Königreich besucht, kann nicht umhin, nach der Lage im Nachbarland Syrien und den Flüchtlingen zu fragen. Auch wenn diese auf den ersten Blick wenig sichtbar sind, beginnt jeder Gesprächspartner davon zu erzählen. Und da vor allem, welch unvorstellbare Herausforderungen auf dem Wüstenland Jordanien schon seit Jahrzehnten lasten.

Die palästinensischen Flüchtlinge nach den Kriegen mit Israel (1948,1956,1967,1973) sind schon lang da, sie machen rund die Hälfte der Bevölkerung aus. Dann folgte der Bürgerkrieg im Libanon ab den 1970er Jahren, die Irakkriege schwemmten 500.000 Flüchtlinge ins Land, die aktuelle Krise in Ägypten 150.000. Und zurzeit beziffert man hier die Zahl der aus Syrien Hereinströmenden mit 1,3 Millionen. Bei einer Bevölkerungszahl von 6,5 Millionen schier unvorstellbare Zahlen.

Drei Viertel der Flüchtlinge kommen legal mit Pässen nach Jordanien - und leben in den Städten; nur die "Illegalen" müssen in Lager, auch da sind die Zahlen nicht zu fassen. Das Lager Za'atari, das eine Autostunde nördlich der Hauptstadt Amman liegt, ist mit mittlerweile 230.000 Insassen binnen Jahresfrist zur fünftgrößten "Stadt" Jordaniens geworden. Die Zustände in den Lagern, aber auch die potenziellen und tatsächlichen Spannungen, die in den Städten ob des Flüchtlingszuzugs entstehen, kann man kaum erahnen.

Bruder Andrew De Carpentier, anglikanischer Geistlicher, leitet das "Holy Land Institute for the Deaf" in der Stadt Salt nordwestlich von Amman, eine Ausbildungsstätte für Gehörlose, die im Land einzigartig ist. Der gebürtige Niederländer erzählt, dass seine Institution seit Dezember 2012 auch im Lager Za'atari tätig ist. Das erste Problem sei, ins Lager überhaupt hineinzukommen, so Bruder Andrew. Und es gab vor ihrem Kommen so gut wie keine Betreuung für Behinderte. Schon in der jordanischen Gesellschaft sei das Bewusstsein für Behinderte und deren Menschenwürde noch im Werden. In der Extremsituation eines Flüchtlingslagers schien die Arbeit mit oder für Behinderte fremd und schwierig. Aber, so erzählt Bruder Andrew, sie gehen jeden Tag hin -und erleben, wie die Menschen froh sind über das Engagement.

Bei der Begegnung der österreichischen Journalisten mit Bruder Andrew fällt eine Einschätzung über den Westen, wie sie von allen anderen Gesprächspartnern fast wortgleich geäußert wird: Der Westen und die Medien hätten so gut wie nichts von der Situation begriffen. Andrew: "Ich lebe hier seit 40 Jahren und beginne langsam zu verstehen, wie die Dinge hier laufen. Wie kann das ein Reporter tun, der gerade einmal eineinhalb Tage hier ist?", so der oft gehörte Vorwurf. Und Andrew setzt den Ausspruch über Syrien eines Gehörlosen aus seiner Schule hinzu: "Krieg ist für die Hörenden, denn die verstehen nicht." Besser kann die Einschätzung wohl kaum auf den Punkt gebracht werden.

Scharfe Kritik am Westen

Dem Westen werfen die Gesprächspartner Unwissen und Konzeptlosigkeit vor. Keiner glaubt, dass ein Sturz des Assad-Regimes die Probleme lösen würde, zumal nicht klar sei, wer die Opposition sei. Bruder Andrew erzählt auch von Schwierigkeiten im Lager, da Assad-Anhänger, die geflohen sind, sich dort ebenso aufhalten wie Anhänger einer der Oppositionsgruppen. Man benötige eine politische Lösung und das entsprechende Know-how dazu und keine Militärintervention. Das erwartet man sich vom Westen. Aber dessen Performance sei alles andere als ermutigend.

Das ist, auf den Punkt gebracht, auch die Position von Erzbischof Maroun Lahham, der als Vertreter des Lateinischen Patriarchen von Jerusalem in Amman der Bischof der etwa 65.000 römischen Katholiken Jordaniens ist. Lahham berichtet, dass viele der Pfarren sich für Flüchtlinge geöffnet haben, die meistens Muslime seien. Auch die Pfarrschulen würden am Nachmittag für einen zweiten Unterrichtsturnus geöffnet werden, damit die Flüchtlingskinder zur Schule gehen können.

Auf die Frage nach einer Lösung des Syrienkonflikts erwidert der Erzbischof: "Nicht einmal ein Prophet kann das vorhersagen." Man wisse nie, "wer gerade gewinnt und wer nicht". Niemand werde militärisch siegen. Lahhams Einschätzung: "Auch wenn Assad bleibt, wird er nie mehr so sein, wie er einmal war." Und das klingt nach einem Funken Hoffnung.

Lahham wendet sich auch gegen die Sicht, Christen wären noch mehr bedroht als andere. Ja, Christen seien in Jordanien wie in Syrien eine Minderheit. Aber es gebe kaum christliche Flüchtlinge, denn aus dem Süden Syriens kämen nur Muslime nach Jordanien. Ausdrücklich begrüßt Lahham das Engagement von Papst Franziskus: Dessen Aufruf zu Fasten und Gebet für Syrien sei auch von den Muslimen sehr begrüßt worden. "Der Papst hat die Schlacht gewonnen", meinte Lahham gar mit Blick auf den im September erwarteten Militärschlag des Westens, der dann doch ausblieb. Gleichzeitig würdigt der Erzbischof auch, dass Jordanien die Grenzen nach Syrien nicht geschlossen hat - eine Tatsache, welche die Österreicher angesichts der Diskussionen zu Hause doch erstaunt.

Auch Lahham nimmt sich kein Blatt vor den Mund, wenn er die Motive und die fehlende Strategie des Westens zu Syrien kritisiert. Und er sagt unverblümt: "Schickt uns keine Visa!" Man solle die Christen vor Ort unterstützen.

Ins gleiche Horn stößt Wael V. Suleiman, der Direktor der jordanischen Caritas: "Die verstärkte Aufnahme syrischer Flüchtlinge von Europa ist keine Lösung." Allein die Caritas betreibt sieben über ganz Jordanien verstreute Flüchtlingszentren. "5000 kommen hier jeden Tag neu dazu", erklärt Suleiman: "So viele will Deutschland insgesamt aufnehmen!" Auch angesichts solcher Dimensionen pocht der Caritas-Direktor auf westliches Engagement für eine politische Lösung. Ob aber seine Hoffnung darauf berechtigt ist?

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