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Vogelgrippe: Wenn Erreger fliegen lernen

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Das Vogelgrippe-Virus hat die Welt einmal mehr mit dem Schreckensszenario einer globalen Seuche konfrontiert. Wie bei SARS gilt China als Brutstätte der Epidemie.

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Das Vogelgrippe-Virus hat die Welt einmal mehr mit dem Schreckensszenario einer globalen Seuche konfrontiert. Wie bei SARS gilt China als Brutstätte der Epidemie.

AIDS, SARS und jetzt die Vogelgrippe: Die Angst vor Pandemien - also kontinentüberschreitenden Infektionskrankheiten - nimmt zu. Waren Erkrankungswellen früher auf bestimmte Regionen begrenzt, so verbreiten sie sich heute immer leichter über den gesamten Globus. Das vorliegende Dossier nimmt - ausgehend von der Angst vor der Vogelgrippe - dieses Phänomen in den Blick und richtet den Fokus vor allem auf die Immunschwächekrankheit AIDS, an der seit 1980 rund 20 Millionen Menschen gestorben sind.

Nun kann also nichts mehr passieren: Auch Österreich hat mittlerweile einen Pandemie-Plan im Talon. Dienstag vergangener Woche wurde vom Ministerrat eine Reihe von Maßnahmen abgesegnet, mit denen man die Bevölkerung gegen allfällige kontinentüberschreitende Influenza-Epidemien schützen will. Unter anderem hat man sich auf Gespräche mit verschiedenen Erzeugern verständig, um im Fall des Falles - wenn also das Vogelgrippevirus H5N1 tatsächlich zu einem für Menschen gefährlichen Influenza-Virus mutieren sollte - Medikamente bereitstellen zu können. Sollten indes "nur" infizierte Vögel in Österreich auftauchen - ein Ereignis, das hierzulande zuletzt 1946 registriert wurde -, trete ein Tierseuchen-Krisenplan im Kraft: Betroffene Stallanlagen und Gebiete würden gesperrt und das gesamte Geflügel unverzüglich unter amtlicher Aufsicht gekeult. Derzeit, versicherte Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (vp), würden die Flugrouten der Zugvögel genau überprüft. Insgesamt bestehe also kein Anlass zur Besorgnis.

Mit den Richtlinien zur Pandemie-Prävention war Österreich freilich Schlusslicht Europas. 13 der "alten" 15 eu-Länder hatten zu diesem Zeitpunkt etwa das Grippe-Medikament "Tamiflu" des Schweizer Pharmakonzerns Roche, das als einziges gegen alle Grippetypen inklusive Vogelgrippe wirkt, längst bestellt. "Die usa und England, die Tamiflu bereits vorrätig haben, erhöhen momentan ihre Bestände auf Grund der neuen Bedrohungslage", erklärt Martin Hangarter, Geschäftsführer von Roche Österreich, im Furche-Gespräch. Das Geschäft mit der Angst treibt die Umsätze des Pharmariesen indes in lichte Höhen: "Wir haben versucht, der Auftragslage gerecht zu werden, und haben deshalb die Fabrikskapazitäten auf 400 Prozent erhöht", schildert Hangarter die für Roche erfreuliche Situation - und lässt keine Zweifel hinsichtlich des Prozederes bei der Belieferung: "Aus Fairness-Gründen muss eine Reihung vorgenommen werden: Wer zuletzt bestellt, kommt zuletzt. Das ist ein faires und transparentes Prinzip."

Herkunft: Hongkong

Insgesamt ist die anfängliche mediale Panik einer nüchternen Risikoabschätzung gewichen - und einem Verweis auf die Fakten: Es war in Hongkong, als man 1997 den ersten menschlichen Todesfall registrierte, der mit dem Vogelgrippevirus H5N1 in Verbindung stand. 2003 gelangte das Virus schließlich nach Deutschland, Belgien und in die Niederlande: 35 Millionen Hühner mussten in Holland getötet werden, der volkswirtschaftliche Schaden betrug 400 Millionen Euro. Im selben Jahr starb auch der erste Europäer an dem Virus. Seit diesem Jahr sind rund 170 menschliche Todesfälle - vor allem in Ostasien und verursacht durch die verschiedenen Varianten des Virus - dokumentiert. "Bisher starben nur Menschen daran, die im engsten Kontakt mit Geflügel leben", stellt Michael Kunze, Vorstand des Wiener Instituts für Sozialmedizin, gegenüber der Furche klar. Man befürchtet jedoch Mutationen und Neukombinationen des H5N1-Virus, durch die es nicht nur von Tier zu Mensch, sondern auch von Mensch zu Mensch übertragen werden könnte.

Das Vogelgrippe-Virus war indes nicht das erste, das in Ostasien seinen Ursprung findet. Auch die Lungenkrankheit sars wurde erstmals 2002 von Hongkonger Ärzten beschrieben, erzählt Susanne Weigelin-Schwiedrzik vom Wiener Institut für Sinologie: "Es ist vorher schon im chinesischen Kanton aufgetreten. Einer der Infizierten ging aber dann nach Hongkong und hat dort sämtliche Leute angesteckt, die auf der Etage seines Hotelzimmers wohnten." Inzwischen war die Krankheit innerhalb Chinas bereits nach Peking vorgedrungen - doch die Regierung schwieg nach wie vor. "Seuchen brechen in China jedes Jahr aus, doch davon steht nichts in der nationalen Presse, schließlich fürchtet die Zentralregierung um ihr Prestige", weiß Weigelin-Schwiedrzik. Die Schuldigen waren bald ausgemacht: Sofort nachdem die Regierung Alarm geschlagen und who-Berater ins Land gelassen hatte, wurden die Bürgermeister aus Peking und Kanton, weiters der Gesundheitsminister entlassen. Heute - rund tausend Tote später - ist sars weitgehend Vergangenheit.

Seuchenzentrale: China

Doch inzwischen ist wieder ein neuer Erreger am Horizont aufgetaucht: Streptococcos Suis. Über 200 Menschen hatten sich im vergangenen Juni und Juli im chinesischen Szechuan mit den Bakterien infiziert, die sonst nur in Schweinen auftauchen und mit Antibiotika behandelbar sein sollten. 37 starben innerhalb kürzester Zeit. Ende Juni gelangten erste Berichte ins Ausland, doch das chinesische Gesundheitsministerium regierte auf Anfragen mit verärgerten Dementis. Erst am 28. Juli erlaubte man Berichte über den Ausbruch einer Schweinepest, die auch auf Menschen übertragbar ist. Sämtliche Schweine der vierzig betroffenen Städte kamen in Quarantäne, Transportwege wurden gesperrt.

"Seit der Öffnung Chinas wurden nach und nach Zuständigkeiten abgebaut", weiß Weigelin-Schwiedrzik. Unterhalb der Kreisebene gebe es heute keine Gesundheitsbehörden mehr. Zudem hüte sich die regionale Verwaltung davor, Alarm zu schlagen: "Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand abgesetzt wird, ist zu hoch." Zwar hat China den un-Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte ratifiziert, der das Land dazu verpflichtet, gesundheitliche Vorfälle wie Seuchenausbrüche augenblicklich zu melden. Ob dieses Versprechen auch eingehalten wird, bleibt angesichts der vergangenen Erfahrungen freilich abzuwarten.

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