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Feuilleton

Vom Blitz-zum Bilderkrieg

1945 1960 1980 2000 2020

"Ma Folie": Der erste Langspielfilm der Haneke-Schülerin Andrina Mracnikar thematisiert die Geschichte einer Amour fou.

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"Ma Folie": Der erste Langspielfilm der Haneke-Schülerin Andrina Mracnikar thematisiert die Geschichte einer Amour fou.

Verfolgung, Überwachung, Paranoia, Flucht, Wahnvorstellungen. - Wem, wenn nicht dem Kino gebührt das verbriefte Vorrecht der Illusion und wo sonst ließe sich all das besser zu einem Höllentrip verdichten als in einem Film, der sich ohnehin immer auch die eigenen Ängste und Erfahrungen des Zusehers zunutze machen kann? Gar wie in Alfred Hitchcocks "Vertigo" etwa, muss die Wirklichkeit nicht stets dem Phantasma untergeordnet sein, aber sie kann. Erst recht, wenn Liebe mit im Spiel ist.

Von derlei vielschichtigen Motiven inspiriert ist "Ma Folie", der erste Langspielfilm der 34-jährigen Österreicherin Andrina Mracnikar, die mit ihrer Dokumentation "Der Kärntner spricht Deutsch" auf der Diagonale 2006 schon einmal von sich reden machte. Fürs Treatment zu "Ma Folie" hatte die Haneke-Schülerin ebenfalls beim Filmfestival in Graz 2005 den Drehbuchpreis erhalten; im Laufe von zehn Jahren haben sich darin zeitgemäße Phänomene noch stärker niedergeschlagen: Die Geschichte einer Amour fou, die sich durch moderne technologische Möglichkeiten vom Blitz-zum Bilderkrieg ausweitet.

Hanna trifft Yann

Gegen Ende eines Paris-Aufenthalts erlebt die junge Hanna (Alice Dwyer) eine Schicksalsbegegnung. In einer Bar genügen wenige Blicke zwischen ihr und einem großen, hageren jungen Mann (Sabin Tambrea), und es ist um beide geschehen. Er läuft ihr auf dem Heimweg nach -die Vorwegnahme einer wiederkehrenden Bedrohung, die dramatische Ausmaße annehmen wird, aber auch das erste Anzeichen für die grundlegende emotionale Überhastung des Films.

Yann heißt der Jüngling, und als Hanna wieder zurück in Wien ist, versucht er "ohne sie zu sein", wie er es in einer der ersten filmischen Nachrichten formuliert, die er ihr von nun an häufig schicken wird. Kurze, impressionistische Videobotschaften sind das, aus gemeinsamen (oder einsamen) Aufnahmen gestaltet. Hanna aber will ihn ja auch, und so kommt Yann nach Wien. Um zu bleiben, wie sich herausstellt, als er ihr nach ein paar Wochen Besuchs-Zeit gesteht, er habe in Paris bereits seinen Job gekündigt. Hanna ist Kinder-Psychotherapeutin und jetzt schrillen in ihr Alarmglocken, doch noch ist ihre Freude am Verliebtsein lauter.

Eine Beziehung in Verwandlung

Die anstehende Verwandlung der Beziehung zwischen den beiden entwickelt Mracnikar ab diesem Zeitpunkt in einer Steigerung des Bedrohlichen aus Hannas Perspektive: Yann wird oft unkontrolliert wütend, attackiert Hanna verbal und körperlich. Auf die Handgemenge folgt Zärtlichkeit -ein Zuckerbrot-Peitsche-Prinzip, das Hanna mitmacht, auch wenn sie zwischendurch versucht, sich freizuboxen. Nach einem Streit trennen sich Yann und Hanna scheinbar für immer. Er schickt ihr den Schlüssel per Post, aber er verschwindet offenbar nicht. Wie sonst könnte er ihr weiterhin Videobotschaften schicken, in denen sie beinahe zeitgleich zu sehen ist?

In Mra cnikars sichtbarem Konzept über den ewigen Widerstreit zwischen Illusion und Realität sollen Einbildung und Wirklichkeit in Hannas Wahrnehmung ineinander fallen. Zweifel am Gesehenen und Gehörten sollen sich daraus auch auf den Zuseher übertragen. Dwyer gibt Hanna sehr fein nuanciert und immer glaubwürdig. Aber weil die emotionale Ebene zwischen den Figuren nicht effizient herausgearbeitet ist, ergibt sich der Eindruck fehlender Handlungs-Motivation; vor allem ein Nebenstrang, der Hanna in einer problematischen Therapiesituation mit einem angstgestörten Mädchen verfolgt, lässt die Akutheit ihrer eigenen Situation unnötigerweise verblassen.

Ma Folie

A 2015. Regie: Andrina Mracnikar. Mit Alice Dwyer, Sabin Tambrea, Gerti Drassl. Filmladen. 99 Min.