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Vom bunten Leben ausgeschlossen

Ja, es geht ganz ohne Sonderschulen. Alle Kinder haben ein Recht darauf, miteinander zu lernen. Kinder dürfen nicht aufgrund von Behinderungen oder Lernschwierigkeiten abgewertet werden, indem man sie aussondert oder abweist. Ein Heranwachsen aller Kinder ohne Ausgrenzung ist ein Menschenrecht. Ein Plädoyer eines betroffenen Vaters.

Muss ich jetzt in die Sonderschule?“ war ein Satz, den ich immer wieder von meinem Sohn mit Behinderung zu hören bekam, wenn er es als integriertes Kind den Lehrpersonen wieder einmal nicht leicht machte. Das Urteil „nicht integrierbar“ schwebte in regelmäßigen Abständen über ihm. Die Existenz der Sonderschule verhinderte konsequente Arbeit an Lösungsversuchen, ohne sie wäre es ihm besser gegangen.

Beim Sonderschulthema gilt es, zwei Argumentationsebenen zu unterscheiden. Da gibt es zuerst einmal den pädagogischen Aspekt: Welche Schulform ist in der Lage, die Kinder besser zu fördern, die Sonderschule oder der integrative Unterricht? Dazu gehört natürlich auch die persönliche Entwicklung der Kinder, was in der Schule gelernt wurde, soll nach der Schulzeit auch inmitten der Menschen ohne Behinderung, ohne den Schutzraum der Sonderschule umgesetzt werden können. Sonderschulbefürworter und -befürworterinnen behaupten interessanterweise ja auch, die Kinder besser für die gesellschaftliche Integration nach der Schulzeit vorzubereiten, als dies im Rahmen der schulischen Integration geleistet würde.

Der zweite, der gesellschaftspolitische Aspekt ist aus der Sicht der Menschen mit Behinderung und deren Angehörigen für den gesamten Lebenslauf noch viel wichtiger.

Im Jahr 1812 wurde in Hallein bei Salzburg ein besonderer Unterricht für „harthörige“ und „schwerzüngige“ Kinder angeboten. Dies war das erste Mal, dass auf heutigem österreichischen Territorium sonderpädagogische Förderung angeboten wurde und insofern bemerkenswert, als dadurch Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit auf Bildung bekamen, die zuvor davon ausgeschlossen waren. Der Begriff Heilpädagogik wurde 1861 von Georgens und Deinhard geprägt, die sich in Baden bei Wien für die Beschulung „Geistigbehinderter“(ein Begriff, gegen den sich Betroffene seit Jahren wehren, der aber leider immer noch verwendet wird) einsetzten. Auch dies war ein wesentlicher Schritt für eine große Gruppe von Menschen, denen der Zugang zu Schulbildung verwehrt war.

Starke Emotionen auf beiden Seiten

Der Ausbau des Angebotes der Sonderschulen, auch die gesetzliche Verankerung des differenzierten Systems unterschiedlicher Sonderschultypen erfolgte in den 60er Jahren. Heute werden in Österreich elf unterschiedliche Sonderschularten angeboten, wobei es zum Beispiel sogar getrennte Sonderschulen für schwerhörige und gehörlose Kinder oder auch für sehbehinderte und blinde Kinder gibt. Auch für Kinder mit körperlicher Behinderung, die dem Regelschullehrplan problemlos folgen können, wurde eine eigene Sonderschule entworfen. Nicht gehen zu können erfordert aus der Sicht der Sonderschulbefürworter offenbar eine eigene Pädagogik.

Die Frage „Brauchen wir noch Sonderschulen?“ löst sowohl auf Seiten der Befürworter als auch der Gegner starke Emotionen aus, die die Diskussion seit dem Beginn der Integrationsbewegung (die erste Integrationsklasse Österreichs wurde 1984 in Oberwart eröffnet) bestimmen. Dies legt den Schluss nahe, dass es dabei nicht nur um pädagogische Angelegenheiten geht, sondern um eine gesellschaftspolitische Weichenstellung. Folgen nach der Schule Beschäftigungstherapie und Wohnheim, oder ist der Integrationsgedanke inzwischen so stark verwurzelt, dass man auch gegen Widerstände berufliche Integration und ein selbstbestimmtes Leben anstrebt? Der ursprüngliche Impuls, Kindern, die keinen Zugang zu Schulbildung hatten, neue Chancen zu eröffnen, begann sich aus der Sicht der Eltern der Kinder mit Behinderung umzukehren.

Sie erleben, dass die Sonderschulen ihre Kinder nicht nur schulisch, sondern auch sozial von den Kindern in den Regelschulen fernhalten. Wer nicht die Gelegenheit hat, mit seinen Klassenkollegen im Rahmen der wohnortnahen Regelschule Freundschaften zu entwickeln, wird auch abseits der Schulstunden kaum Sozialkontakte haben. Der Einfluss der Institution Sonderschule auf die Meinung der Gesellschaft, selbst auf die Eltern von Kindern mit Behinderung, erschwert den Menschen mit Behinderung die uneingeschränkte Teilhabe an allen gesellschaftlichen Vorgängen. Allein die Existenz der Sondereinrichtung suggeriert die Notwendigkeit oder zumindest die Berechtigung der Aussonderung. Auf Seiten der Sonderschulbefürworter wird mit gezielterer Förderung der Schüler argumentiert, die durch sonderpädagogische Ausbildung, kleinere Klassen und besondere Methoden und Materialien erzielt werden kann. Es ist unumstritten, dass schulische Integration im Rahmen eines pädagogisch längst überholten Frontalunterrichtes nicht funktioniert. Qualitätsvolle Umsetzung von Integration lässt sich jedoch durch zeitgemäße Didaktik, Projektunterricht, offene Lernformen, gemeinsames Lernen am gemeinsamen Gegenstand, innere Differenzierung mittels Individualisierung, also Berücksichtigung der Individualanlage der Kinder, umsetzen.

In einer Reihe von Evaluationen wurde nachgewiesen, dass schulische Integration zu gleich guten pädagogischen Ergebnissen führt wie der Besuch der Sonderschule, andererseits ließ sich zeigen, dass der Schulbesuch in der Integration mehr Freude bereitet. Leider muss ich zugeben, dass diese Freude von Regelschulen, die Integration nur widerwillig oder halbherzig umsetzen, stark getrübt wird. Die gesellschaftspolitische Forderung nach einem gemeinsamen Unterricht behinderter und nicht-behinderter Kinder wird seitens der Inklusionsbewegung am deutlichsten gestellt. Man geht dabei einen Schritt über die schulische Integration hinaus, indem man Vielfalt als Wert an sich sieht (value diversity). Heterogenität wird begrüßt, wobei Zugehörige aller Minderheiten mitgedacht werden, sei es wegen der Hautfarbe, der Religion, der sozialen Herkunft oder dem Geschlecht.

Integrativer Unterricht macht mehr Freude

Der Grundansatz der Inklusion besteht darin, nicht die Kinder dem System anzupassen, sondern das System so zu verändern, dass es den Kindern gerecht wird. Mit dem Index für Inklusion, einer Materialiensammlung zur Qualitätsentwicklung, Qualitätssicherung und Selbstevaluation für „Schulen für alle“ steht seit dem Jahr 2000 das Werkzeug zur Umsetzung zur Verfügung – man müsste es nur verwenden.

Versuchen Sie nachzuempfinden, was in Müttern und Vätern behinderter Kinder vorgeht, wenn sie von einer Schulleitung mitgeteilt bekommen, dass ihr Kind nicht aufgenommen wird oder dass es nicht mehr länger möglich ist, das Kind in der Schule zu behalten, weil es wegen der Behinderung nicht mehr tragbar sei. Oder – ein scheinbar kleineres Problem –, dass es beim Schulausflug oder der Landschulwoche nicht mitkommen darf.

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