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Vom Glück des Tüchtigen

Rolf Kutschera machte alles, was am Theater möglich war. Er war Pianist, Textautor, Komponist für Kabarett und Chansons, Schauspieler und Regisseur. In den fast 18 Jahren seiner Direktion des Theaters an der Wien begründete er den Ruf Wiens als Musicalstadt.

Rolf Kutschera wurde 1916 in Wien-Ottakring geboren. Der Vater war Fleischhauer, die Mutter ein Dienstmädchen. Die Lebensumstände im #Kuchl-Kabinett# waren bescheiden, die Familie jedoch intakt. Der Vater spielte manchmal am Akkordeon, dem sogenannten #Maurerklavier#, und Rolf sollte auch ein Instrument lernen. Erste Versuche auf der Geige führten fast dazu, dass die Familie gekündigt wurde, also wurde mit enormer finanzieller Anstrengung ein Klavier gemietet. Der kleine Rolf lernte leicht, übte viel und entwickelte schnell ein Gefühl für gute Melodien. In der Schule hatte er Glück mit sehr guten Lehrern. Schon in der Hauptschule las er die Ilias und Thomas Manns Buddenbrooks. Trotz der schulischen Erfolge war an ein weiteres Studium nicht zu denken, also verdingte er sich als Gehilfe im Schlachthof. Bei einer Außentemperatur von 20 Grad minus musste Kutschera mit klammen Fingern die Rindermägen reinigen. #Als Arbeiter der untersten Klasse zu leben war eine Art Abhärtung, die mir im späteren Leben in vielen Situationen geholfen hat.#

Bleibende Leidenschaft für das Theater

Immer mehr entwickelte er seine Hobbys, das Klavierspielen, Schreiben und Komponieren. Sie sollten ihm mehrere Male über die plötzliche Arbeitslosigkeit hinweghelfen. Seine erste Beschäftigung im Theater war die eines Claqueurs. Rolf Kutschera war fasziniert von der Welt des Theaters, auch wenn seine Aufgabe nicht gerade kreativ war. Der Chef de Claque gab jeweils das Zeichen: #Auftrittsapplaus, Abgangsapplaus. Bravorufe. Da capi. Schlussapplaus.# Nach und nach wechselte Rolf Kutschera ins Schauspielfach. Es waren kleinste Rollen, doch man entdeckte schnell sein komödiantisches Talent.

Der Autor Rolf Kutschera beschreibt seine Anfänge als Charakterdarsteller mit einem detailgetreuen Blick auf Zufälle, Missgeschicke, kleine Triumphe und große Enttäuschungen. 1937 wurde er als Eleve an das Theater an der Wien engagiert, von da an stand er mit den ganz Großen seiner Zeit gemeinsam auf einer Bühne. Es wäre jedoch nicht die Lebensgeschichte von Rolf Kutschera, wären die beginnenden Erfolge nicht jäh unterbrochen worden. 1938 wurde sein Mentor und Lehrer, #der große Doktor Beer im Josefstadt-Theater, von Uniformierten aus der Loge geholt, schwer misshandelt und in Neustift am Walde, um einen Verkehrsunfall vorzutäuschen, auf der Straße liegen gelassen. Als er kurz darauf auf der Kärntnerstraße von einem ehemaligen Schüler angespuckt und als Jude beschimpft wurde, nahm er zu Hause Schlafpulver, drehte den Gashahn auf und starb.# Für Kutschera folgten die Jahre als Soldat in der deutschen Wehrmacht. Unmenschlicher Drill, sinnlose Befehle, Verwundungen und latente Lebensgefahr ersetzten den Glanz des Theaters. Seine kommunikative Art und sein Selbstvertrauen waren wohl dafür verantwortlich, dass Rolf Kutschera sogar während des Krieges immer wieder an verschiedenen Bühnen sein Talent beweisen konnte.

Nach dem Krieg kam er an die Wiener Scala, später nach Berlin. Für viele war es eine Überraschung, als er 1965 das herabgewirtschaftete Theater an der Wien übernahm. Ein Traum ging für ihn in Erfüllung, und es war wieder das Glück des Tüchtigen, das es ihm ermöglichte, in den knapp 18 Jahren seiner Direktion eine international renommierte Spielstätte zu formen.

Er holte junge, aufstrebende Talente an sein Theater und erarbeitete gemeinsam mit ihnen bahnbrechende Erfolge. Michael Heltau, Udo Jürgens, Harald Juhnke, Dagmar Koller, Yossi Yadin, Fritz Muliar, Marika Rökk, Josef Meinrad # sie waren die Stars einer unvergessenen Ära und die Träger eines neuen Wiener Musical-Stils.

Rolf Kutschera holt in seinen Erinnerungen oft weit aus # gerade das macht dieses Buch so faszinierend. Es ist ein lebendiges Stück Zeit- und Theatergeschichte des 20. Jahrhunderts.

Glück gehabt

Von Prof. Rolf Kutschera.

Styria Verlag 2010,

288 Seiten,

* 24,95

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