Vom kulturalistischen Kurzschluss

1945 1960 1980 2000 2020

Vorurteile kommen heute subtiler daher als früher. Dennoch ist die Welt anno 2015 voll von falschen Erwartungen und unpassenden Schubladen. Alles, was Mitglieder einer kulturellen Minderheit sagen, tun, sind, wird auf ihre Kultur zurückgeführt - ja, worauf sonst?

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Vorurteile kommen heute subtiler daher als früher. Dennoch ist die Welt anno 2015 voll von falschen Erwartungen und unpassenden Schubladen. Alles, was Mitglieder einer kulturellen Minderheit sagen, tun, sind, wird auf ihre Kultur zurückgeführt - ja, worauf sonst?

Dass alle Leute außerhalb Mitteleuropas für ihre Handlungen keine Gründe, sondern Kultur haben sollen ", sinniert der Privatdetektiv, als er mit der Erklärung seines Auftraggebers konfrontiert wird, es würde wohl an der Kultur von Sri Dao, einer Frau thailändischer Herkunft, liegen, dass sie auf seinen Heiratsantrag hin wütend wurde. Krimiautor Jakob Arjouni lässt seine Figur spitz sagen, was Kulturalisierungen bewirken können: Du bist Kultur, alles, was du sagst, ist Kultur, alles, was dich ausmacht, ist Kultur, alles, was du tust, erklärt Kultur. Sonst hast du keine Gründe. "Ich bin nicht hauptberuflich Migrantin", sagt dazu die Journalistin Münire Inam. Da hat sich eine Art Ausländerfetischismus entwickelt, ein Verständnis von Integration als ewigem Migrantismus.

Katholiken und Bildungsquoten

Menschen ohne Bekenntnis haben höhere Bildungsabschlüsse als Katholiken in Österreich. Kulturalistischer Kurzschluss: Um ökonomisch fit für die Zukunft zu sein, müssten wir die Katholiken zurückdrängen, um die Bildungsquote zu erhöhen. Die letzten Terroranschläge in Österreich wurden von einem Katholiken aus der Südsteiermark, Herrn Franz Fuchs, verübt und mit der Verteidigung des christlichen Abendlandes in den Bekennerbriefen begründet. Kulturalistischer Kurzschluss: Achtung vor der Gefahr christlichen Terrors in Österreich. Patriarch ermordet Frau. Der Macho hat einen türkischen Namen. Kulturalistischer Kurzschluss: Das ist kein Mord, sondern ein Kulturdelikt. Macho hält Frau im Keller gefangen. Sein Name ist Fritzl oder Priklopil. Kulturalistischer Kurzschluss bleibt aus: ein verrückter Einzeltäter. Wir nehmen uns die Kultur wie wir sie brauchen.

Der Nobelpreisträger und Wirtschaftswissenschafter Amartya Sen hat diesen Zwang zur Alles oder Nichts-Identität als "pluralen Monokulturalismus" bezeichnet. Das meint, dass ganze Bevölkerungsgruppen von einer einzigen Kultur und einer einzigen Identität ausgehen, derer sich alle einzufügen haben. Sie kann durch Blut, Herkunft oder Religion bestimmt sein.

Menschen erwerben Rechte aber durch ihr Menschsein, nicht durch die Zugehörigkeit zu einer Religion, Kultur oder Herkunft. Wird das umgedreht, schnappt die Kulturalismus-Falle zu. Als was du geboren wurdest, das bist du. Einmal Ausländer immer Ausländer. Sie fasst deshalb auch den Integrationsbegriff kulturalistisch. Der Zugang zu Wohnungen, die nicht feuchten Substandard darstellen, wird so als kulturelles Recht definiert -und nicht als soziales Grundrecht. Dasselbe bei Familienzusammenführung, Sozialhilfe, sozialen Aufstiegschancen, Mitbestimmung. So werden "Armländer" immer zu "Rausländern".

Der religiöse Kulturalismus funktioniert so wie der völkische: Als was du geboren wurdest, das glaubst du. Menschen müssen aber die Freiheit haben, sich gegen (religiöse) Herkunft oder traditionsbedingte Vorgabe entscheiden zu können. Das ist Grundlage für die demokratische Verfasstheit einer Gesellschaft. Glaubende, ob sie zu Gott, Jahwe oder Allah beten, sind immer auch Frauen und Männer, Arme und Reiche, Privilegierte und Benachteiligte, Mächtige und Ohnmächtige. Das ist wichtig, weil es zeigt, dass wir als Menschen mehrere Identitäten mit unserer je eigenen Geschichte, unseres Geschlechts, unserer Schichtzugehörigkeit, unseres Berufes aufweisen. Und Menschen entscheiden können, dass ihre ethnische oder kulturelle Zugehörigkeit weniger wichtig ist als ihre politische Überzeugung oder ihre beruflichen Zusammenhänge oder ihre Rolle als Frau oder ihre gewählten Freundschaften.

Kulturen statt Menschenrechte

"Kultur", schrieb der Ethnologe Maurice Godelier, "erklärt nichts. Sie ist das zu Erklärende." Es drängt sich der Verdacht auf, dass über Kulturen gesprochen wird, weil nicht über Menschenrechte gesprochen werden soll. Zwangsverheiratung sollte genauso diskutiert werden wie die Menschenrechtssituation in der Schubhaft, sogenannte Ehrenmorde genauso wie Männergewalt in der Familie, mangelnde Bildungschancen genauso wie die fremdenpolizeiliche Trennung von binationalen Ehepaaren.

Das identitäre Entweder-oder trägt auch in seiner harmlosesten Ausprägung den Keim des Krieges in sich. Man könne wissen, wann der Krieg beginnt, lässt Christa Wolf die trojanische Königstochter und Seherin Kassandra in ihrer gleichnamigen Erzählung sagen: "Aber wann beginnt der Vorkrieg?" Der "plurale Monokulturalismus" unterscheidet sich nicht grundlegend vom Kampfprogramm religiöser Fundamentalisten. Denn beide sind miteinander verfreundete Feinde.

"Kultur" kann aber auch dazu dienen, politische Versäumnisse oder systemische Defizite wegzuerklären. Eine Mitarbeiterin des Gesundheitsamts erzählt von vielen kranken Familien, die zu ihr kommen, fast ausschließlich aus der Türkei. Die Gründe seien "schlechte Wohnungen, feuchte Wände, krankmachende Arbeit" zählt die Frau vom Gesundheitsamt auf. Als Unterstützung wünscht sie sich mehr über Religion und Kultur zu erfahren, um besser mit ihren Klienten umgehen zu können. Ihr Rückgriff auf Kultur löst aber nicht das Problem der Familien, scheint aber machbarer, nahe liegender zu sein statt das ferne "Politische", Strukturelle anzugehen; nämlich die schlechten Wohnverhältnisse zu verändern. An diesem Beispiel wird deutlich, dass Kultur fast als Natur der Menschen gedacht wird. Kultur ist mittlerweile die Frage und die Antwort zugleich. Auf der Strecke bleiben die Lebensbedingungen, die Verhältnisse, die konkreten systemischen Zusammenhänge. Wir reden über Kultur, um über die Verhältnisse zu schweigen. In der Debatte wurde in den letzten Jahren aus Ungleichheit Differenz und aus Gesellschaft Kultur gemacht.

Klischeehafte Vorstellungen

Eine Lehrerin bittet ihre Schüler, das in ihren Herkunftsländern typische Frühstück mitzunehmen. Am nächsten Tag kommen auch alle und decken den Frühstückstisch nach ihrer kulturellen Herkunft. Das Problem aber ist, dass viele Kinder die Herkunftsländer gar nicht kennen, als deren Vertreter sie für die Lehrerin und die Mitschüler gelten. Zwei Kinder erzählen, dass sie gar nicht frühstücken. Schüler haben zwar als Vertreter von Nationalitätengruppen gesprochen, aber nicht als einzelne Kinder. Eine angemessene Formulierung für die Idee der Lehrerin könnte lauten: Was frühstückt ihr zu Hause? Bringt morgen etwas davon in die Schule mit. Durch einen solchen Auftrag würde das angesprochen, was die Kinder tatsächlich tun, und nicht das, was sie als Vertreter einer Nation erwartungsgemäß tun sollen. So kann über die eigenen Frühstücksgewohnheiten, aber auch über die anderer Menschen gesprochen werden, aus anderen Ländern, aber auch zum Beispiel von Eltern mit Nachtdiensten oder von Geschwister-Babys etc.

Schwarze haben zu trommeln

Der Sozialwissenschafter Mark Terkessidis erzählt, dass er in der Schule immer für das Wetter in Griechenland zuständig war und vom Lehrer als Spezialist für die griechische Antike aufgerufen wurde. Ähnliches berichten Kinder mit schwarzer Hautfarbe: Sie werden stets zum Vorzeigen beim Trommeln eingeteilt.

Kulturalisierung ist eine Form des Verstehenwollens. Sich auf diese Weise aber Sicherheiten und Klarheiten zu verschaffen, geht auf Kosten der konkreten Menschen, und auf Kosten der Chance, deren Handlungsgründe differenziert wahrzunehmen. Es ist aber unerlässlich -gerade für Kindergärtner, Lehrende, Pfleger -, statt von der vermeintlichen Kultur vom Tun der Menschen unter bestimmten Lebensbedingungen auszugehen. So werden Menschen lebendig, als Handelnde, als Subjekte und nicht als permanentes Opfer, oder als Kulturmarionette, oder als Objekt der Fürsorge - und lebendig werden gleichzeitig ihre realen sozialen Lebensbedingungen.

Der Autor ist Sozialexperte und stv. Direktor der Diakonie Österreich sowie Lehrbeauftragter der FH Campus Wien

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