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Vom richtigen Leben im falschen

Das Wiener Volkstheater spielt Woody Allens Film „The Purple Rose of Cairo“. Leider ist die Übersetzung dieser reizvollen, philosophischen Filmidee über weite Strecken enttäuschend.

Der Soziologe Siegfried Kracauer beschrieb 1927 im Kontext einer Studie über die „Angestellten“ in der Frankfurter Zeitung irreale Filmphantasien als die Tagträume der Gesellschaft, in denen ihre eigentliche Realität zum Vorschein komme und wo ihre sonst unterdrückten Wünsche sich gestalteten. Dieser Befund – so könnte man fast meinen – war für Woody Allen 1985 Ausgangspunkt für sein Filmmärchen „The Purple Rose of Cairo“, das das Volkstheater in Wien, nach vielen Mühen um den Erwerb der Aufführungsrechte, in der Bearbeitung, Übersetzung und Regie von Gil Mehmert nun als Uraufführung auf die Theaterbühne gebracht hat.

Flucht in den Zauber der Kinowelt

Erzählt wird darin die Geschichte von Cecilia (Heike Kretschmer), einer kleinen Serviererin aus New Jersey zur Zeit der großen wirtschaftlichen Depression Anfang der dreißiger Jahre. Von ihrem arbeitslosen, trinkenden und prügelnden Ehemann Monk (Erwin Ebenbauer) flüchtet sie allabendlich in den sanften Zauber der Kinowelt. Eines Abends geschieht dann das Unmögliche: Sie sitzt gerade zum fünften Mal im melodramatischen Schmachtfetzen „The Purple Rose of Cairo“, als der strahlende Filmheld, Forscher, Abenteurer und selbsternannte Poet Tom Baxter (Till Firit) sich von der Leinwand aus an sie richtet, schließlich heruntersteigt und – Verwirrung sowohl bei den Kinozuschauern wie bei seinen Leinwandkollegen hinterlassend – mit ihr in die Nacht entwischt.

Die Geschichte lebt von dieser unmöglichen wie überraschenden Wendung und bezieht ihre Komik aus dem Kontrast der zwei nebeneinander existierenden Ebenen: Die Welt des Films, wo sich ein Teil des zurückgebliebenen Personals über die Dreistigkeit von Baxter ereifert, wogegen andere durchaus mit ihm sympathisieren und es ihrerseits satthaben, Abend für Abend die gleiche Geschichte spielen zu müssen. Andererseits ist da die Wirklichkeit jenseits der Leinwand, in der es Baxter schwerfällt sich zurechtzufinden. Obwohl er beteuert lernen zu wollen, real zu sein, stolpert er von einer Schwierigkeit in die nächste: Er zahlt mit Spielgeld, weiß mit leichten Mädchen nicht wirklich was anzufangen, und Gott ist für ihn bloß der Verfasser des Filmscripts. Als schließlich Gil Shepard, der narzisstische Hollywoodschauspieler, auftaucht um seine Figur zur Raison zu bringen und sich seinerseits in Cecilia verliebt, muss Tom erkennen, dass er bloß fiktional ist.

Die Übersetzung dieser zauberhaften philosophischen Filmidee auf die Bühne des Volkstheaters ist leider über weite Strecken enttäuschend. Sicher, es ist schwierig, jemanden im Theater von der Leinwand heruntersteigen zu lassen, aber hätte man sich nicht gerade da theatralische Erfindungsgabe auf der Höhe des Stoffes erwarten dürfen? Allein Till Firit in der Doppelrolle von Baxter/Shepard gelingen gute Momente, besonders die Begegnung des Schauspielers mit sich selbst als Rolle ist gut gemacht.

Es wäre viel zu holen gewesen …

Aber sonst? Die eher schwerfällig und zu naheliegend gestaltete Bühne von Heike Meixner ist wenig dafür geeignet, die vielen Schauplatzwechsel in Szene zu setzen. Vor allem aber gelingt es Regisseur Mehmert weder, den Wechsel von der (Bühnen-)Leinwand in die (Bühnen-)Wirklichkeit zu gestalten, noch vermag er es die Parallelwelten ästhetisch voneinander zu trennen. Während Woody Allen der Exotik der Leinwand einen äußerst präzisen Realismus entgegengesetzt hat, bleibt im Theater alles schlechtes Theater. Vor allem der Film-im-Theater wirkt lieblos gemacht, ja armselig. Dass dies der Ersatz für Cecilias triste kleine Welt, ihr Sehnsuchtsort sein soll, ist nicht weniger als eine starke Behauptung. Dass aus einem solchen Film der Mann kommt, von dem sie sagt, er sei so wunderbar, zwar nur fiktional, aber man könne schließlich nicht alles haben, wirkt unglaubhaft. Dass sie am Ende, anders als im Film, nicht einfach ins Kino zurückkehrt und stattdessen das Weite sucht, ist daher weniger als erkenntnisbedingte Emanzipation denn unfreiwillig als Kommentar zu diesem Kino zu lesen. Es wäre viel zu holen gewesen, gälte am Ende der Satz einer anderen Kinogeherin: „Ich will, dass sich im Film das Gleiche ereignet wie letzte Woche, was hat das Leben sonst für einen Sinn!“

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