Digital In Arbeit

Vom schwarzen Wien

"Liebt die ÖVP das Prinzip Stadt? Ja, solange die Stadt zu keiner Großstadt wird ... Es ist paradox: Die VP fühlt sich in der großen weiten Stadt weit mehr vereinsamt als im großen weiten Europa, dem sie sich verpflichtet fühlt." Christian Heintschel

Wäre die städtische christlichsoziale Vergangenheit eine Wohnung, man müsste um ihretwillen heute eine Räumungsfirma beauftragen. In dieser vielleicht knapp 100 Quadratmeter großen Wiener Vorstadtwohnung würden die Entrümpler zu allererst die Fenster öffnen, um den modrig-verstaubten Geruch zumindest ein wenig heraus zu bringen. Eine Besichtigung dieser fiktiven Wohnung würde vor allem Skurriles ans Tageslicht befördern: katholisch-biographische Überbleibsel, verquere Schriften eines Karl von Vogelsang, engagierte Reportagen eines Max Winters, ausgelatschte Bergschuhe à la Neuland-Bewegung, ausgetragene Trachtenmode inmitten städtischen Gebietes, eine Schopenhauer-, wie auch eine Goethe-Gesamtausgabe wären darin wohl ebenso zu finden, wie Relikte einer liebevoll-besorgten elterlichen Kinder- und Jugendkultur.

Viel - aus heutiger Sicht - Lebens- und Glaubenskitsch, vielleicht noch ein altes Klavier mitsamt verstaubten Gesangnoten, sorgsam geputztes Geschirr mitsamt handschriftlich nachgebessertem Kochbuch wie ebenso sorgsam mit Mottenkugeln geschützte Sonntagskleider würde eine genauere Begehung zum Vorschein bringen: eine solche Wohnung würde viel von einem städtischen Milieu erzählen, das zwar keineswegs unglücklich im urbanen Raum gelebt, aber dennoch den Anschluss an die Moderne irgendwie nicht so glatt geschafft hat. Es wäre eine Wohnung, die man alten Tanten oder Onkels, weitschichtig miteinander verwandt, zuordnen würde.

Keine Geschichtstheorie

Wie das heutige christdemokratische Geschichtsverständnis aussieht, konnte man kürzlich vor dem Burgtheater beschauen: Da war Leopold Figl plakatiert, passend zur Kanzlerrede an die Nation von Wolfgang Schüssel. Eifrige ÖVP-Funktionäre banden sich aus gegebenem Anlass eine rot-weiß-rote Krawatte um. Mit Figl nach 1945 ist die Geschichte nicht nur in Ordnung, mit dem aus dem KZ Dachau entlassenen Figl kann und will sich eine ÖVP zu Recht identifizieren. Der Mythos Figl fügt sich in den seltsamen Leidensmythos für Österreich, einer recht verqueren Grundidee der Volkspartei, nahtlos ein. Das "Leiden für Österreich" dürfte auch für die Regierungskoalition mit der FPÖ im Jänner 2000 eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.

Die Parteigeschichte der ÖVP ist aber, weit mehr als jene der SPÖ, bruchstückhaft und selektiv. Dem stolz der Öffentlichkeit gezeigten Figl stehen die "Leichen" der ersten 50 Jahre gegenüber. Wirft der politische Gegner den "Schwarzen" diese Vergangenheit um die Ohren, geht die ÖVP mehrheitlich auf Tauchstation. Mit der Geschichte lässt sich die ÖVP bis auf den heutigen Tag in ihre Schranken weisen.

Das hat auch etwas mit dem tradierten Geschichtsverständnis zu tun. Oder anders gesagt: Die christdemokratische Moderne der letzten 100 Jahre hat noch keine ausreichende Geschichtstheorie. Der Grund ist durchwegs hausgemacht: Was soll man denn herzeigen, wofür man sich nicht genieren muss? Dollfuß im VP-Parlamentsklub? Figl bei den ostmärkischen Sturmscharen? Ignaz Seipl und seinen Hass auf die "Roten"? Kardinal Innitzer und seine Wankelmütigkeit? Fürst Starhemberg und seine Begeisterung für einen Loden-Faschismus, der nur durch seine Wut über alles "Rote" übertroffen wurde? Wiens Bürgermeister Karl Lueger und seinen offenkundiger Antisemitismus? Hantelt man sich an den christlichsozialen Spitzen durchs vergangene Jahrhundert, dann holt man sich blutige Hände und ein schlechtes Gewissen. Jedenfalls bis 1938.

Etwas Unangenehmes

Was im öffentlichen Resümee von den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts übrigbleibt, treibt einem die Schamesröte hervor. Die Geschichte der österreichischen Christdemokratie hat in der oben skizzierten Art und Weise etwas hochkonzentriert Unangenehmes an sich. Oder anders gesagt: Die Milieu- und Parteigeschichte der ÖVP belegt nachdrücklich, dass politische Geschichte, real besehen, widersprüchlich und kompliziert ist. (Oder kann man Engelbert Dollfuß' Wirken mit ein, zwei Sätzen erklären?) Zuerst, unter Lueger, war die Partei erstaunlich modern, wiewohl auch grantelnd-antisemitisch konnotiert, in weiterer Folge verabschiedete sie sich immer mehr von der Moderne, die zu allererst in der Sozialdemokratie ihre glühendsten und verlässlichsten Verfechter fand, in weiterer Folge auch kurzfristig im österreichisch/deutschen Nationalsozialismus, der nachdrücklich die Perversionspotentiale des Projektes der Moderne aufzeigte.

Die vergessene Stadt

Während sich Sozialdemokratie und Nationalsozialisten in den Städten die Schädel einschlugen, zog sich die Christdemokratie aufs weite Land zurück, verfestigte dort ihren "natürlichen" Machtanspruch und vergaß über die Jahrzehnte hinweg die Stadt. Der Befund, dass die Schwarzen in den Städten Österreichs nahezu flächendeckend "kein Leiberl" haben, erinnert in gewisser Weise an die seinerzeitige Fehleinschätzung Julius Raabs bezüglich des Fernsehens: So wie man hier die zukünftige Macht dieses Mediums vollkommen unterschätzte, so unterschätzte die VP die wichtige Rolle der Städte für zukünftige Machtverhältnisse. Die Nazis sind zwar Geschichte, die Städte Österreichs "gehören" aber heute maßgeblich der SPÖ, während die ÖVP "draußen vor der Tür" steht.

Kleinbürger-Geschichte fehlt

Liebt die ÖVP die Stadt? Um ehrlich zu sein, so gewiss fällt die Antwort hier nicht aus. Die Grätzl-Theorie der achtziger Jahre hatte in Wien etwas für sich, rückblickend folgte dem kaum mehr etwas nach. Liebt die ÖVP das Prinzip Stadt? Man könnte so sagen: Ja, solange die Stadt zu keiner Großstadt wird. Ab einer gewissen Größe greifen die ländlich-kleinstädtisch gespeisten VP-Vorstellungen nicht mehr, spätestens ab der Größe, wo die Stadt zum eigenständigen Faktor wird, fällt der ÖVP wenig mehr ein bzw. zieht sie sich ins übersichtliche Grätzl zurück. Zum großen bis großzügigen Denken gegenüber der Stadt reicht es hingegen meist nicht dauerhaft aus. Es ist paradox: Die VP fühlt sich in der großen weiten Stadt weit mehr vereinsamt als im großen weiten Europa, dem sie sich verpflichtet fühlt.

Zurück zur Geschichte, die weniger Zukunftspotentiale enthält, als ein mühsam erst zu erarbeitendes Fundament für urbanere Zeiten sein könnte. Um für Wien, als maßgebliche Großstadt Österreichs, zu sprechen: Was dieser Stadt abgeht, ist die Geschichte ihres Kleinbürgertums und Mittelstandes. Hier klafft eine große Lücke. Sieht man sich die urbanen Geschichts-Erzählungen an, dann haben zwei Gruppen eine eigene und weithin akzeptierte wie auch anerkannte Geschichtsrolle: Das jüdisch geprägte Großbürgertum und die Arbeiterbewegung.

Christlichsoziale Kultur

Beiden, in der damaligen Zeit durchaus in eigenen Universen lebenden Milieus, wird zurecht eine emanzipatorisch-tragende Rolle zugesprochen. Der Haken an dieser Geschichtserzählung ist nur jener: Diese interessanten wie zuletzt durch Wolfgang Maderthaner und Siegfrid Mattl noch verfeinerten historischen Stadt-Theorien schließen einen wesentlichen Teil der damaligen Wiener Bevölkerung nicht mit ein. Es ist dies das Wiener Kleinbürgertum, also die vermeintlichen Wasserträger des städtischen Nationalsozialismus wie auch das Gros der Kirchgänger.

Welche Geschichte könnte über sie geschrieben werden? Vorweg: Es wird sicherlich die widersprüchlichste Stadt-Geschichte sein, steht doch heutigen Vorstellungen gemäß das konservative (Klein)-Bürgertum, der christlichsoziale Mittelstand für beides: für positiv gemünzte christlichsoziale Lebenskultur, wie auch für Angstbereitschaft und, oftmals antisemitische Wut-Kultur. Letzteres freilich ohne die mörderische Konsequenz der Nazis.

Wie auch immer so eine Geschichte schlussendlich ausfallen wird, die Notwendigkeit sie zu verfassen, sie zu schreiben, sie an die Oberfläche und in die intellektuelle Öffentlichkeit zu bringen, wäre ein erster wichtiger Schritt, um zur Stadt eine grundlegende Beziehung aufzubauen. Als Ergebnis-Hypothese dürfte vielleicht folgendes gelten: Wien war auch zur Zeit des Fin de siècle weitaus widersprüchlicher als es heute scheinen mag. Die urbane Moderne ab 1890 erfuhr in Wien unterschiedlichste Interpretationen. Und: In dieser Stadt gab es weitreichende Schichten, die, obwohl Stadtbürger, dem zukunftsprägenden Prinzip Stadt standesgemäß wenig abgewinnen konnten, die aber dennoch nicht in den Zeiten der braunen Diktatur zu Stadt-Barbaren wurden. Denn das christlichsoziale Kleinbürgertum, das Wien der Greißler, Meister, Unternehmer, kleinen bis mittleren Angestellten und Beamten einte nebst der Stadt-Angst auch noch mindestens zwei weitere Dinge: Das eine ist auf eine christliche Lebensausrichtung zurückzuführen, die sich nicht durch modern-rassistische Lebensauffassungen beirren, geschweige denn korrum-pieren ließ, und es gab, vielleicht noch prägender, eine verbindliche bürgerliche Lebensweise, die geprägt war durch Respekt vor dem Anderen, durch bildungsbürgerliche Ambitionen, wie auch durch einen menschenfreundlichen Traum einer bürgerlichen Welt-Auffassung.

Eine Geschichte über die Wiener bürgerliche Mitte würde somit nicht in den Salons und auch nicht in den Sektionen und Arbeiterheimen spielen. Eine andere, erweiterte Stadt-Topographie wäre hierfür vonnöten: eine Topographie, die einerseits die Stadt-Pfarren, die kleinen und mittleren Straßen-Geschäfte, wie auch die öffentlichen und katholisch-christlichen Bildungsinstitutionen mit herein nähme, andererseits an die beengten kleinbürgerlichen Interieurs, wie auch an das weitläufige Vereins- und Kulturleben erinnern müsste: von der Pfadfinder-Gruppe im Kellergeschoß einer Pfarre bis zur teuren Klavierstunde für den eigenen Nachwuchs. Ebenso wie sie auch auf die diversen katholischen Feier-Riten, von der Männer-Wallfahrt nach Klosterneuburg bis zu den Fronleichnam-Prozessionen, nein nicht in der Inneren Stadt, sondern etwa in Hernals, bedacht nehmen müsste.

Expedition ins Unbekannte

Eine Geschichte über dieses bislang meist "vergessene", weil, von heute aus besehen nicht so schicke Bürgertum käme einer Expedition in ein unbekanntes, enges Wien gleich, welches seinerzeit, so eine weitere Hypothese, den städtischen Modernisierungsprozess bei weitem nicht nur eingeschnappt beobachtete, sondern reale, milieuspezifische und vorerst keineswegs menschenverachtende, sondern gefestigte, lebensfreundliche Antworten und Umgangspraktiken schuf. Die vielleicht grundlegendste Erkenntnis einer solchen Geschichte wäre aber wohl die nachdrückliche Erinnerung an die lebensnahen Schwierigkeiten und intelligenten Lösungen jener Schichten, die mit der Modernisierung die längste Zeit knausrig umgehen mussten.

Ein schlussendlich zukunftsweisender Gewinn wäre eine damit verbundene historische Neuausrichtung eines gegenwärtigen Bürgertums, das sich von der Geschichtsschreibung der großen Politiker lösen und sein Augenmerk auf andere historische Zeitgenossen lenken würde.

Wem ist noch das engagierte Schaffen eines Max Karl Winters in Erinnerung? Wem in Wien ist noch ein Otto Maurer geläufig? Oder die luziden Mentalitätsstudien eines Friedrich Heer? Würde sich ein solcherart angesprochenes Bürgertum ernst nehmen, wäre es ihm ein Leichtes, selbstbewusst seine eigene Geschichte zu finden, eine Form von bürgerlich-katholischer Wiener Stadtgeschichte, die von Frauen und Männern als aktive Stadtbürger, als aufgeklärte Citoyens handelte und die sich eben nicht mehr ins "hoffnungslos reaktionäre Vereinsmeier-Eck" drängen ließe. Mit oder ohne Kreuzzeichen.

Aus der eingangs beschriebenen Wohnung herausgetreten, stellt man sich im Tageslicht der Gegenwart die Frage: Wer will schon heute an das Kleinbürgertum und dessen verstaubten Wohnrat erinnert werden? Wer will die Geschichte über ein beengtes Stadt-Leben denn überhaupt hören und lesen? Wohl die wenigsten.

Rettung des Kleinbürgerlichen

Eine intensive, in die Öffentlichkeit kommunizierte Auseinandersetzung mit dem Phänomen des gewitzten, leistungsorientierten wie leicht angerührten Wiener Kleinbürgertums würde so gesehen auch an einem Tabu rütteln, erweckt doch alleine schon der Begriff "Kleinbürgertum" bei den meisten Zeitgenossen Ablehnung und Zurückweisung, weil diese Schlagworte konsequent negativ besetzt sind. "Kleinbürgerliches" Verhalten gilt heute als "provinziell" und "spießig" und wer will dies, wie gesagt, heute schon sein?

Das ist aber vorweg nicht die eigentliche Frage. Ein historischer Rückgriff auf dieses zur Seite gedrängte städtische Bürgertum würde so gesehen auch nicht der Beantwortung aktueller Positionen dienen, sondern Aufschluss über die reale Entwicklung dieses meist nicht allzu begüterten, dennoch durchwegs stolzen und lebensfrohen Bürgertums liefern, kurz: unseren furchtsamen Klischees eine widersprüchliche, wie neue historische Realität entgegensetzen, die auf Grund des abgesicherten Wissens erst überhaupt eine reale Einschätzung dieses vergessenen Bürgertums erlauben würde. In weiterer Folge könnte dann dies zum Ausgangspunkt einer überarbeiteten Bewertung nicht nur der Wiener Stadtgeschichte der letzten 100 Jahre führen.

Und das wäre, mit Verlaub, nicht wenig. Speziell für eine ÖVP, die derzeit zumindest zu akzeptieren scheint, dass sie vor lauter eingespieltem Landleben im städtischen Bereich einiges versäumt hat.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau