Thomas Schütte - © Markus Tretter Courtesy of the artist © Thomas Schütte | Bildrecht, Wien, 2019, Kunsthaus Bregenz
Feuilleton

Von Anti-Helden und Fabelwesen

1945 1960 1980 2000 2020

Thomas Schütte zeigt im Kunsthaus Bregenz seine Bronzeskulpturen – im Schlamm feststeckende Männer und liegende Frauen mit amputierten ­Körpern – ebenso wie ­Architekturmodelle und Aquarelle.

1945 1960 1980 2000 2020

Thomas Schütte zeigt im Kunsthaus Bregenz seine Bronzeskulpturen – im Schlamm feststeckende Männer und liegende Frauen mit amputierten ­Körpern – ebenso wie ­Architekturmodelle und Aquarelle.

Das pittoresk dampfschnaubende „Dritte Tier“, das ­Thomas Schütte vor das Kunsthaus Bregenz gesetzt hat, wiegt rund drei Tonnen, ist mehr als vier Meter lang und als Verschnitt aus Pferd, Tapir und Robbe uneindeutig, genauso wie die ihr Gesicht in der rechten Hand tragende Männerfigur aus Bronze, die der deutsche Künstler in der Bregenzer Fußgängerzone positioniert hat. Seine Kunst soll Fragen stellen, sagt Schütte, der weltweit gefragte Superstar ohne Allüren. Und er bastle gern, meint er kokett untertreibend, um im gleichen Atemzug die großartigen Gießer zu loben, die seine Skulpturen aus ganz kleinen Bozzetti oder Modellen ins Monumentale übertragen, bevor sie – natürlich vom Künstler – ihren finalen Schliff bekommen. Dass sich aber gerade darin Schüttes Meisterschaft beweist, dass die handtellerkleinen Entwürfe ­formal ­ihre zig-fache Vergrößerung aushalten, das überlässt der Meister der Beurteilung anderer.

Der primär bildhauernde 65-jährige Schüler des Malers Gerhard Richter an der Düsseldorfer Kunstakademie, der bereits drei Mal bei der Kasseler documenta dabei war und dem 2021 das New Yorker MoMA eine große Retrospektive widmen wird, bespielt das Bregenzer Kunsthaus Geschoß für Geschoß mit Arbeiten aus ganz unterschiedlichen Werkphasen. Wobei es sich lohnt, der ganz oben einsetzenden Choreo­grafie der Schau zu folgen, nicht zuletzt deshalb, um beim Hinabsteigen der langen schmalen Stiegenschluchten in das jeweils untere Geschoß das Vergnügen zu haben, sich Schritt für Schritt den auf hohen Sockeln liegenden, schlafend entrückt wirkenden Köpfen aus Glas annähern zu können.

Existenzialistische Monumente

Thomas Schütte hat Zwei- und Dreidimensionales aus den vergangenen drei Jahrzehnten nach Bregenz mitgebracht. Seine jüngsten Arbeiten, drei tonnenschwere „Männer im Wind“ aus malerisch patinierter Bronze, sind erst im vergangenen Jahr auf der Basis winziger Bozzetti entstanden. Es sind alles andere als strahlende Helden, die Schütte in das dritte Geschoß des Kunsthauses gestellt hat. Sie sind Suchende, existenziell Erschütterte, mit ihren schwankenden Körpern ankämpfend gegen den Wind, der ihnen in die verzerrten Gesichter bläst. Sich fortzubewegen ist schwer bis unmöglich, stecken ihre nackten Beine doch im Schlamm fest. Es sind keine speziellen Figuren, die der Künstler da meint, es ist der Mensch von heute – der Mann – schlechthin.

Der immerhin steht, während Schüttes Frauen eine Etage tiefer auf wuchtigen (Sezier-)Tischen liegen. Ihre aus Bronze, Aluminium oder poliertem Stahl gegossenen Körper sind glattpoliert, lackiert mit teilweise schrill changierendem Lack. Ob sich ihre teilweise amputierten Körper in quälenden Schmerzen oder lustvoll räkeln, bleibt offen. Formale Anleihen bei der neueren Kunstgeschichte, bei Picasso, Maillol oder Moore, sind dagegen unübersehbar. Während Schütte seine Serie „Mann im Wind“ mit einer Galerie von Drei-Minuten-Aquarellen von Bluessängern umhängt hat, sind es bei den Frauen Fahnen. Reale, wie die deutsche, und gefakte, zusammengesetzt aus Keramiktafeln, deren farbige Glasuren vieldeutig verschmutzt sind.

Seine Kunst soll Fragen stellen, sagt Schütte, der weltweit gefragte Superstar ohne Allüren. Und er bastle gern, meint er kokett untertreibend.

Ebene eins des Kunsthauses ist für die Architekturentwürfe Thomas Schüttes reserviert. Diese sind letztlich nichts anderes als Skulpturen, von denen nur sehr wenige real gebaut wurden, in Tirol etwa für einen befreundeten Galeristen eines seiner „Ferienhäuser für Terroristen“ oder die als eindrucksvoller Zentralbau angelegte, 2016 eröffnete Skulpturenhalle in Neuss. Schütte hat sich aber auch bereits als 27-Jähriger Gedanken über sein Grab gemacht, das er sich damals jedenfalls als rotes Häuschen mit Giebeldach vorgestellt hat.

Als ironische Persiflage auf die fragwürdigen Mechanismen des Kunstbetriebs ist die schräge Hütte zu lesen, die Schütte in das Foyer des Kunsthauses gestellt hat. Ursprünglich gedacht als Bücherstand für die Basler Kunstmesse, um in Bregenz nun als ambivalent berührende, entleerte und Hülle gewordene Skulptur herumzustehen – umhängt von riesigen farbigen Holzschnitten. Angelegt als plakativ mit klaren räumlichen Versatzstücken und der malerischen Faserung des Holzes spielendes Puzzle.

Ausstellung

Thomas Schütte

Kunsthaus Bregenz, bis 6. Oktober,
tägl. 10–20 Uhr, ab Sept. Di–So 10–18, Do bis 20 Uhr

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