Von der Akropolis bis zum Praterstern

Die Akzeptanz öffentlicher Räume ist nicht nur eine gestalterische Frage, sie ist auch ein Gradmesser für das Demokratiebewusstsein einer Gesellschaft. Das Architekturzentrum Wien widmet dem Thema die Ausstellung "Platz da! European Urban Public Space".

Bevölkerte Plätze sind die Lebenselixiere einer Stadt. Ob öffentliche Räume auch angenommen und wie sie genutzt werden, ist nicht nur eine gestalterische, sondern auch eine gesellschafts- und demokratiepolitische Frage. Im öffentlichen Raum treffen viele Interessen aufeinander. Familien, Kinder, Jugendliche, alte oder behinderte Menschen, Hundebesitzer, Obdachlose, Touristen, Fußgänger, Skater, Rad- oder Autofahrer: Sie alle haben Anspruch auf öffentlichen Raum, aber sehr unterschiedliche Bedürfnisse.

Es gibt viele - klar deklarierte oder unausgesprochen vorausgesetzte - Regeln für das Verhalten in der Öffentlichkeit. Erdachte, mögliche und unmögliche Verbotsschilder kleben derzeit auch an den Scheiben der Alten Halle des Architekturzentrum Wien. Dort erforscht die von Andrea Seidling kuratierte Schau "Platz da! European Public Space" die Bedeutungsebenen öffentlicher Räume. Auch die Gestaltung von LOOPING architecture (Christa Stürzlinger und Eva Becker) spielt mit Zuordnungen "typisch" öffentlicher und privater Materialien: Die Bänke, an denen man sich Filme zu urbanen Themen ansehen kann, sind mit Tapete überzogen. An der Station "Ambivalenzen" ist in Videointerviews zu erfahren, wie Chefinspektor Josef Gaschl von der Polizeiinspektion Stiftgasse, Thomas Müller, Kehrforce der MA 48, der Jurist Dr. Axel Anderl und "Augustin"-Verkäuferin Traude Lehner den öffentlichen Raum erleben.

In Barcelona fing alles an ?

Vor zehn Jahren schrieb das Centre de Cultura Contemporània Barcelona (CCCB) erstmals den "European Prize for Urban Public Space" aus, der seither biennal vergeben wird. An die 300 Projekte aus über 30 Ländern wurden heuer eingereicht. "Für uns sind soziale Aspekte und das demokratische Potenzial ein wesentliches Qualitätskriterium", so Judit Carrera vom CCCB. "Mit diesem Preis haben wir ein permanentes Observatorium für den öffentlichen Raum und seine politische Dimension in Europa geschaffen." Das zehnjährige Jubiläum bot den Anlass für die Schau, eine lange Plakatwand lässt die Preisträger und lobenden Erwähnungen Revue passieren: Österreich ist spärlich vertreten, es hat keine ausgeprägte Tradition im Leben auf der Straße. 2008 brachte es das centrum.odorf in Innsbruck von FROETSCHER LICHTENWAGNER zu einer lobenden Erwähnung, das Siegerprojekt kam damals aus London: der Barking Town Square von muf architecture/art. Liza Fior, eine Gründerin des Teams, ist zum Vortrag beim 18. Wiener Architekturkongress geladen. Er wird sich um den öffentlichen Raum drehen und vom 19. bis 21. November stattfinden.

Gewinner 2010: Oslo und Magdeburg

Der "European Prize for Urban Public Space" 2010 ging an zwei Projekte: das Opernhaus und Ballett in Oslo von Snøhetta, weil seine Dachlandschaft einen wunderbaren, stark frequentierten öffentlichen Raum am Hafen ausbildet, von dem man übers Meer oder in die Oper blicken kann; und die Open-Air-Library in Magdeburg. Ihre Entstehungsgeschichte zog sich über fünf Jahre hin. In einem partizipativen Prozess setzten KARO* mit Architektur+Netzwerk und den Bewohnern des abgehausten Viertels die "Bibliothek des Vertrauens" um. Die Idee, eine lange Bücherwand mit Bühne zu bauen, entstand in einem Workshop und wurde am 1:1-Modell aus Bierkisten auf ihre Tauglichkeit geprüft. Als sie als Modellvorhaben in ein ExWoSt-Forschungsprojekt aufgenommen wurde, war die Finanzierung gesichert. Die Bibliothek wurde aus den markanten Aluminiumformteilen der Fassade eines abgerissenen Horten-Warenhauses gebaut, fasst einen ruhigen, grünen Platz ein und hat eine weiche Innenseite aus Lärchenholz mit einer fast 30 Meter langen Bank. Rasch wurde die Freiluftbibliothek, in der 30.000 gesammelte Bücher rund um die Uhr entlehnt werden können, zur sozialen Landmark in Magdeburg. Sie zeigt, was das Engagement mündiger Bürger bewirken kann.

Masten- und Säulendschungel in Wien

Wie sich Macht in der Architekturgeschichte manifestierte, führt die Station "Bühnen" vor. Hier sind Modelle vom Petersplatz in Rom, der Akropolis in Athen, dem Roten Platz in Moskau, der antiken Stadt Priene und dem Southdale Shopping Center in Minnesota zu sehen. "Wien hat ein gestörtes Verhältnis zum öffentlichen Raum", diagnostiziert Andrea Seidling. Die Station "Dschungel" adressiert den Dschungel an Verordnungen, die einen Dschungel von Säulen und Masten entstehen lassen, zwischen denen der öffentliche Raum gleichsam erstickt - zum Beispiel am Schwarzenbergplatz und Praterstern.

Sehr positiv sind in der Schau "Okkupationen" konnotiert: Unter diesem Titel werden Projekte von fünf Teams vorgestellt, die mit oft interaktiven Initiativen das öffentliche Leben bereichern. So stellten Fattinger, Orso, Rieper mit Studierenden der TU unter dem Titel "add on" temporär einen zwanzig Meter hohen Turm am Wallensteinplatz auf und sorgten mit ihrem gelben Haus BELLEVUE im Kulturhauptstadtjahr 2009 für viel Programm und neue Perspektiven von und über der Autobahn von Linz.

Platz da! European Urban Public Space

Architekturzentrum Wien, Museumsplatz 1, 1070 Wien

bis 31. 1. 2011, tägl. 10-19 Uhr

www.azw.at

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