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Von der Gotteskrise

Ein exklusiver Vorabdruck aus den "Gedanken für ein erfülltes Leben" von Kardinal Franz König , ausgewählt und herausgegeben von Annemarie Fenzl und Heinz Nußbaumer.

Wir wollen offen miteinander sein: Es geht heute um eine große Krise. Die Auseinandersetzungen darüber gehen bis an die Wurzeln unseres Seins. Es geht um Gott. Die Frage nach Gott umspannt heute die Welt.

Der Weg in die Krise ist bekannt: Alles begann damit, dass der westliche Mensch die Kraft seines eigenen Denkens erschütternd neu erlebte. Alles, was je gedacht worden war, sollte neu gedacht werden. Nichts, was die alten Autoritäten verkündet hatten, konnte Schonung erwarten. Zweifel wurde Prinzip der Wissenschaft und Prinzip des Denkens, wurde Methode und dauernder Zustand. So kam es, wie es kommen musste: Man stellte fest, dass Gott nicht beweisbar ist mit den Mitteln der Wissenschaft, des Experiments, der Überprüfung. Er ist nicht durch rein rationelle Mittel erkennbar. So fragte der Mensch: Wo bist du, Gott?

Andere warfen das Streichholz in das Pulverfass: Religion wurde als geheime Wunschvorstellung des Menschen, als Wunschtraum und Illusion gedeutet: Was der Mensch nicht selber ist, aber zu sein wünscht, das stellt sich der Mensch in den Göttern vor. Andere reduzierten Gott zur Projektion einer infantilen Vater- bzw. Muttervorstellung. Damit wurde der Mensch auf seine innersten Motive hin gefragt: Warum glaubst du?

Die Antwort darauf kann durch keine Wissenschaft, durch keine Volksabstimmung erfolgen. Die Antwort kann sich der Mensch nur im Innersten geben, in einsamer persönlicher Auseinandersetzung mit sich selbst. Es geht um ein Entweder-Oder: Habe ich jemanden über mir - oder bin ich der Höchste? Ein Drittes gibt es nicht. Jeder von uns muss diese tiefste Entscheidung in seinem Innersten treffen: entweder Er - oder ich.

Manche, die sich gegen Gott auflehnten, sahen im Jenseitsglauben einen falschen Trost und einen Betrug am Diesseits. Religion sei Opium für das Volk. Millionen folgten ihnen, aber der Traum vom Himmel im Diesseits endete in der Katastrophe.

Die Gotteskrise aber war damit nicht überwunden - im Gegenteil. Eine neue Anfechtung gewann und gewinnt weiter an Boden, trivial aber ganz lebensnah: der Wohlstand.

Die Versuchung einer satten Zeit wiegt heute schwerer als hundert Probleme und Fragen um Gott: Wir haben keine Not, sind satt und brauchen nichts - auch Gott nicht! Ist das nicht verständlich?

Und: Wir waren noch nie so gescheit wie heute. Wir brauchen keine Belehrung mehr - auch nicht durch Gott!

Und: Wir waren noch nie so autonom wie heute. Wir lassen uns nichts mehr anschaffen - auch nicht von Gott! Das ist die Versuchung unserer selbstherrlichen Zeit.

Und: Noch keine junge Generation war so frei von Tabus, so enthemmt, konnte so sehr genießen. Eine Generation, die ohne Gebote und ohne Gebieter leben will - auch ohne Gott?

Und: Noch nie war der Mensch so mächtig wie heute. Was hindert uns, allmächtig zu werden? Göttliche Allmacht imponiert nicht mehr.

Diese Versuchungen sind so menschlich, so menschlich begreifbar.

Wundert es uns, wenn Menschen, die nach Gott fragen, keine Antwort mehr wissen? Wundert es uns, wenn sie gar nicht mehr nach Gott fragen? Was aber wird aus einer Welt, die Gott nicht mehr kennt? In der die Werte verfaulen? In der das Sinnlose verkündet und zum Ereignis wird? In der nichts mehr als gültig anerkannt wird? In der nichts mehr ernst ist? In der Schuld unbekannt wird?

Der große Philosoph Friedrich Nietzsche war ausgezogen, um Gott zu töten und den Menschen an seine Stelle zu setzen. Und gerade er, der seine Hände beschwörend gegen Gott erhoben hatte, der es aufgegeben hatte, Gott zu suchen oder sich ihm betend zu nahen, er bekennt uns seine ganze menschliche Einsamkeit und Verlassenheit. Nietzsche hat in prophetischer Weise diese heraufziehende Gottesfinsternis geahnt. Er wusste, was kommen wird, wenn die Gotteserkenntnis in den Menschen stirbt und Gott in ihren Herzen tot ist:

Du wirst niemals mehr beten, niemals mehr anbeten, niemals mehr im endlosen Vertrauen ausruhen. - Du versagst es dir, vor einer letzten Weisheit, letzten Güte, letzten Macht stehen zu bleiben und deine Gedanken abzuschirmen.

Du hast keinen fortwährenden Wächter und Freund für deine sieben Einsamkeiten. - Du lebst ohne den Ausblick auf ein Gebirge, das Schnee auf dem Haupte und Gluten in seinem Herzen trägt.

Es gibt für dich keinen Vergelter, keinen Verbesserer letzter Hand mehr.

Es gibt keine Vernunft in dem mehr, was geschieht, keine Liebe in dem, was dir geschehen wird.

Deinem Herzen steht keine Ruhestatt mehr offen, obwohl es nur zu finden und nicht mehr zu suchen hat.

Du wehrst dich gegen irgendeinen letzten Frieden, du willst die ewige Wiederkunft von Krieg und Frieden.

Mensch der Entsagung, in alledem willst du entsagen? Wer wird dir die Kraft dazu geben? Noch hatte niemand diese Kraft.

Aber wo kein Gott, dort ist auch kein Mensch mehr. Dort wird der Mensch den Menschen vernichten. Sobald der Rausch des Menschen, der sich zu Gott machen will, verflogen ist, bleibt der erniedrigte Mensch zurück. Der Mensch, der den Menschen als Material und als Werkzeug gebraucht, der zerstörte Mensch.

Krise um Gott, Krise des Menschen. Wer wird Mensch bleiben? Es wird eine Scheidung derer geben, die da glauben - und derer, die nicht glauben. Derer, die da hoffen - und derer, die in ihren Hoffnungen von Enttäuschung zu Enttäuschung eilen. Derer, die da lieben - und derer, die kalkulieren. Derer, die da Mensch sein wollen - und derer, die nicht mehr wissen, warum sie Menschen sind.

Gedanken für ein erfülltes Leben

Von Kardinal Franz König.

Herausgegeben von Annemarie Fenzl und Heinz Nußbaumer

Styria, Wien 2004

224 Seiten, geb., Euro 14,90

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