Von der Grandezza des Niedergangs

Verdis "Falstaff“ am Tiroler Landestheater in der klug-hintergründigen Regie von Brigitte Fassbaender und unter Christoph Poppens blitzendem Dirigat.

Keine Frage, dass Regisseurin Brigitte Fassbaender sich den besten Opern-Shakespeare für ihre finale Saison aufbewahrt hat, und außer Zweifel, dass sie Falstaff nicht als den ungustiösen vecchio John mit rotversoffenen Pausbäckchen zeigt. Ihr Falstaff im angeblich besten Mannesalter ist ein heruntergekommener Aristokrat, dessen pekuniäre und virile Nöte ihn in kleinbürgerlicher Umgebung chevalereske Restposten aktivieren lassen. Gut hingehört: Während Shakespeare Falstaff in "Heinrich IV.“ und "Die lustigen Weiber von Windsor“ als massiven, plumpen Kerl sieht, zeichnen ihn Verdi und sein Librettist Arrigo Boito feiner gesponnen, beweglicher. Fassbaender lässt den Sir vor Alice, wenn er mit seiner einstigen Grazie angibt, sogar ein Stepptänzchen wagen. Die Geschichte spielt in britischer Nachkriegszeit.

Herrenclub statt Gasthaus

Windsors streng bewachte Frauen reagieren auf diesen Mann, sie erleben eine selbstherrliche Grandezza und spüren die Misere dahinter, aber er überzieht den Bogen der Überheblichkeit, als er Freundinnen gleichlautende Liebesbriefe überbringen lässt. Für die Intrige, die er anzettelt, um ihnen an Leib und Portemonnaie zu kommen, revanchieren sie sich infam.

Brigitte Fassbaender steckt diesen Virtuosen der Selbstinszenierung und Selbstironie nicht ins dreckige Gasthaus, sondern in einen Herrenclub. Dort hält der beleibtere Herr in viel britischem Karo Hof. Der bittere Hohn seines Niedergangs spiegelt sich im Dienerpaar, offen liegt das Elend, nachdem er in der Themse, seinem schmutzigen Lebensfluss, fast ertrunken ist und in einen Becher Glühwein klagt. Mit haarscharfem Maß gelingt hier eine geistreiche, sprühende, figurenverliebte Inszenierung über die Lebensweisheit ihres Hausgottes Shakespeare: die Durchdringung von Komik und Tragik.

Der seit der Antike bekannte Topos des feisten Trunkenbolds zieht sich seitenblicketauglich durch die Zeiten, und auch die Schlussszene, wenn die Leute von Windsor als vermeintliche Waldgeister Falstaff drangsalieren, hat ihre schrecklichen Assoziationen zu den Lynchpraktiken einiger Sekten. Aber so weit darf es nicht gehen. Und Fassbaenders Falstaff glaubt nicht mehr an Waldgeister. Wenn er um Mitternacht zu Hernes Eiche bestellt wird, so ist das ein Pub. Unterschwellige Härte blitzt auf, wenn sich Falstaff an einer Tischkante befriedigt. Statt des Geweihs trägt er Zweige - ein Stück Natur. Und dann hat der gefährlich gequälte Mann die Größe, die Szenerie weise zu beenden: "Der Mensch ist als Narr geboren, alles ist Spaß auf Erden.“ Der achtzigjährige Verdi macht in seinem finalen Opernwunder eine Fuge daraus, in die alle einstimmen.

Es ist noch nicht zu Ende. So weich hat man Fassbaender noch nie gesehen: Da war ein zu langer Blick der Mistress Quickly, ein Kuss Falstaffs gar auf ihren Hals - und ein Happy End.

Helfried Lauckner investiert einmal mehr Bühnenbild-Intelligenz, die offene Drehbühne wandert zum Herrenclub und verengt sich sukzessive zur blümchentapezierten Kleinbürgerlichkeit. Kostümdenker Michael D. Zimmermann hat fürs englische Flair, die 1950er-Jahre und das Finale Geschmack und eine Fülle von Anspielungen aufgewendet.

Der tragische Scherz Leben

Das Ambiente wird bestimmt von Christoph Poppens temporeichem, rhythmisch geschärftem, aber der Melodie sich öffnendem, höchst präzisem Dirigat, dem das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck reaktionsfreudig folgt. In dieser Musik gründet der tragische Scherz namens Leben, die Doppelbödigkeit, die Leichtigkeit. Die flexible, virile Eleganz von Bernd Valentins Bariton erfüllt diese Falstaff-Deutung genau, die Premierenbesetzung der Windsor-Frauen mit der funkelnden Alice von Christine Buffle, dem komödiantischen Talent von Kristine Cosumano, Janina Baechles in jeder Hinsicht ausstrahlungsstarker Mrs. Quickly und Susanne Langbeins wunderbar feenhafter Nanetta schien ideal.

weitere Termine

25., 29. Februar, 2., 22. März

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