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Von der Megacity zur MEGALOPOLIS

1945 1960 1980 2000 2020

Seit 2008 lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung im urbanen Raum, der immer größere Dimensionen annimmt. Ein Blick auf die Geschichte der "Flucht in die Stadt".

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Seit 2008 lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung im urbanen Raum, der immer größere Dimensionen annimmt. Ein Blick auf die Geschichte der "Flucht in die Stadt".

In einer Kolumne des amerikanischen Humoristen Art Buchwald aus dem Jahr 1967 kommen Wissenschafter vom Planeten Venus, nachdem sie Sattelitenbilder von Manhattan gesehen haben, zu dem Schluss, dass Leben auf der Erde nicht möglich sei. Der Boden bestehe aus festem Beton, worauf sich seltsame graue Stalagmiten erheben würden. Nichts könne dort wachsen und niemand die Luft atmen, da sie mit Kohlenmonoxid verschmutzt sei. Trotz dieser den "venusianischen" Wissenschaftern schier lebenswidrig erscheinenden Bedingungen, ist die Stadt sowohl als Lebensraum als auch als Lebensstil von unserem Planeten nicht mehr wegzudenken.

Seit 2008 lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in urbanen Siedlungsräumen. Gab es 1950 erst 30 Prozent Städter, so sind es heute bereits über 54 Prozent, wobei der Grad der Urbanisierung am amerikanischen Kontinent und in Europa größer ist als in Afrika und Asien. Laut Hochrechnungen der Vereinten Nationen werden im Jahr 2050 bereits 66 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Ausdruck der zunehmenden Urbanisierung ist nicht nur die sogenannte Megacity, die sich durch eine Bevölkerungszahl von über 10 Millionen auszeichnet, sondern auch eine Stadt der Städte, die durch die Zusammenballung benachbarter urbaner Siedlungsräume entsteht: die Megalopolis.

Die ersten befestigten Siedlungen, die wir auch heute noch als Städte bezeichnen würden, entstehen 3000 v. Chr. in Vorderasien und Ägypten. Im Laufe der nächsten 1500 Jahre verdoppelt sich die Bevölkerungszahl, und die Anzahl der Städte versechsfacht sich. Noch viel rasanter gehen das Wachstum und die Ausbreitung des urbanen Raums im Zuge der Industrialisierung vor sich. Die Armut auf dem Land treibt die Bevölkerung in die Städte, wo massenhaft Arbeitsplätze in Lohnarbeit an Maschinen entstanden sind. 1800 wird London zur Millionenstadt, Paris folgt 1846. Galt bisher die Natur als das Unvorhersehbare und die Stadt hinter den Mauern als der geschützte Bereich, in dem Ordnung herrscht, so wird nun die Stadt - allein schon wegen ihrer Größe - als Chaos wahrgenommen. Der Stadtsoziologe Detlef Ipsen beschreibt das unmittelbare Ineinandergreifen von Stadt und Industrie so: "Der technische Raum weitet sich aus, er entkoppelt sich vom 'Schönen', die Stadt wird zur Maschine".

Verkehrsmittel als "Urbanisator"

Das Maschinenhafte der Stadt zeigt sich auch an den neuen Verkehrsmitteln, welche es den Städtern erlauben, weiter vom Zentrum entfernt zu wohnen und trotzdem noch vom urbanen Raum zu profitieren. Zunächst breiten sich die Städte entlang der Eisenbahnschienen aus, später werden dank des Automobils auch Gebiete abseits dieser Linien stärker besiedelt. Die Stadt wächst also nicht mehr nur in sich, sondern auch an ihren Rändern. Diese Entwicklung bedeutet auch das Ende für Stadtmauern - mit dem Abbruch der Wiener Befestigungsanlage wurde 1857 begonnen - und damit ist der Übergang von der Stadt ins Umland meist nur noch am Ortsschild erkennbar.

Alle Verkehrswege und Verkehrsmittel sind "Urbanisator par excellence", bringt es der Architekturkritiker Rudolf Stegers auf den Punkt, und ermöglichen demnach auch das Zusammenwachsen von Städten zu Megalopolen. Bekanntestes Beispiel dafür ist "Boswash", ein urbaner Siedlungsraum, der sich von Boston über New York bis nach Washington, D. C. zieht und in dem mit 45 Millionen Menschen rund 15 Prozent der USamerikanischen Bevölkerung lebt. Die - noch - größte Megalopolis liegt in Europa: 40 Prozent der gesamten EU-Bevölkerung lebt in einer urbanen Verdichtungszone, welche sich von Südengland bis Oberitalien erstreckt und auch unter dem Namen "Blaue Banane" bekannt ist.

Die Stadt ist nicht zu stoppen

Das grenzenlose Wachstum der Städte hat in der Vergangenheit so manche Regierung verunsichert und sogar dazu gebracht, Stadtauflösungsprogramme zu initiieren. So wurden unter Mao Zedong in den 1960er-Jahren 20 Millionen Chinesen auf das Land umgesiedelt. Pol Pot, Führer der kambodschanischen Roten Khmer, entvölkerte 1975 die Städte auf brutale Weise innerhalb von wenigen Tagen, mit dem Ziel, einen "Bauernstaat" zu errichten. Doch Städte kann man nicht einfach so auflösen, die Geschichte bewies es: Die Menschen kehrten zurück in die -wie der Dichter Ezra Pound sagt - "Sturmzentren der Entwicklung".

Chinas Stadtpolitik steht heute völlig konträr zu dem, was unter Mao Zedong en vogue war. Städte werden nun nicht mehr zersiedelt, ihr Wachstum wird vielmehr gezielt von der Regierung gefördert. Die planmäßige Urbanisierung hat dazu geführt, dass in den Jahren 2008 bis 2013 84,6 Millionen Menschen vom Land in die Stadt kamen -angelockt von stark subventionierten Wohnungen und der Hoffnung auf ein besseres Leben. Mit dem gigantischen Regierungsplan soll der Binnenkonsum angekurbelt werden und der Wohlstand Chinas über Jahrzehnte wachsen. Kein Wunder, dass auch die größte geplante Megalopolis hier entsteht. Im Perlflussdelta im Süden Chinas wachsen elf Millionenstädte, darunter auch Megacities wie Guangzhou, Shenzen und Hongkong, zu einem überdimensionalen Ballungsraum zusammen. Bis 2020 sollen hier 60 Millionen Menschen leben. Guangzhou, eine 14-Millionen-Stadt, ist einer der wichtigsten Industriestandorte Chinas und auch als "Fabrik der Welt" bekannt. In einem gemeinsamen urbanen Raum soll Guangzhou als Produktionsstätte das Informationszentrum Hongkong ergänzen. Bereits heute ist die Wirtschaftsleistung der Perlflussregion fast so groß wie die von ganz Südkorea.

In derartig großen urbanen Gebieten prallen mitunter die unterschiedlichsten Kulturen und Lebensweisen aufeinander. Doch das Gute ist: Im urbanen Raum fällt Integration leichter. In der Stadt, und vielmehr noch in der Megalopolis, können sich "Fremde leichter bewegen und integrieren als in einem Dorf, wo sie sofort als Fremde erkennbar werden", erklärt der Stadtsoziologe Hartmut Häußerman. Auch Henri Lefebvre erkannte bereits 1968 das enorme Integrationspotenzial von Städten und fordert in seinem Buch "Le droit à la ville" das Recht auf Nichtausschluss von den Qualitäten und Leistungen der urbanisierten Gesellschaft und somit auch das Recht auf Diversität. Für Georg Simmel hat demnach auch die Heterogenität auf engem Raum die moderne urbane Geisteshaltung produziert.

Die Urbanität ist nicht nur für den Einzelnen eine Chance -vor allem Entwicklungsländer können von Megacities und Megalopolen profitieren. So kann in urbanen Gebieten der Bevölkerungsexplosion Einhalt geboten werden - denn in der Stadt ist das natürliche Bevölkerungswachstum geringer als auf dem Land. Auch die Versorgung mit medizinischen Dienstleistungen oder Schulen ist in der Stadt besser. Generell sind Städte jene Plätze, an denen sich gesellschaftspolitische Entwicklungen am deutlichsten zeigen. Die Menschen werden also weiterhin in die Städte wandern, wobei der größte Anstieg an Städtern für Asien und Afrika vorausgesagt wird. Ein Ende der Flucht in die Stadt ist derzeit noch nicht in Sicht.

DIE FURCHE

4. April. 1970 Nr. 14

Wird Europa eine große Stadt?

Von Hans Schöner

Rund 450 Millionen Menschen leben heute zwischen Atlantikküste und Weichsel, zwischen dem Nordkap und Sizilien. [...] Und schon in 30 Jahren - also im Jahr 2000 - wird es 600 Millionen Europäer geben. Sie alle werden nicht mehr in jener idyllischen Traumlandschaft leben, die den Touristen heute noch in den Wäldern, an menschenleeren Alpenseen und an idyllischen Stränden des Mittelmeeres entgegentritt. Denn Europa ist auf dem Weg, ebenso wie die USA, zu einer großen Stadtlandschaft zu werden.

[...] in 18 Jahren werden 80 bis 90 Prozent der Europäer in Städten leben - heute ist es knapp ein Viertel. Natürliche Bevölkerungsvermehrung und ein noch unvorstellbarer Strukturwandel wird Millionen Menschen aus der Landwirtschaft abziehen und sie Beschäftigung in den Großstädten finden lassen. [...] Die Grenze zwischen Stadt und Land wird durch Satellitensiedlungen verschwimmen. Eine neue Urbanisierung wird aus klar abgegrenzten Gebieten der alten Gemeinden eine "Stadtlandschaft" formen. Die Städte werden unaufhaltsam ineinanderwachsen. [...]

Die vom Bautenministerium erstellte Bevölkerungs- und Verkehrsprognose destilliert die kommenden Stadtlandschaften klar heraus: 1. Der Raum Wien, an den sich entlang der Südautobahn bis Wiener Neustadt eine urbanisierte Industriezone anschließen wird. 2. Das Gebiet Linz-Wels wird zu einem öberösterreichischen Zentralraum wachsen. 3. Salzburg ist schon heute mit Hallein verwachsen. 4. Vor allem in den beiden Großtälern des Inn und Rhein wird eine heute noch unvorstellbare Stadtlandschaft entstehen [ ]. 5. In Vorarlberg wird man zwischen Bregenz und Feldkirch nur noch zwischen Häusern mit Vorgärten ,"sauberen" Industrien und Gewerbebetrieben fahren. [...]

Durch die zunehmende Freizeit der Stadtbewohner wächst der Fremdenverkehr; durch die zunehmende Belästigung der Stadtbewohner durch Lärm, Schmutz und schlechte Luft wächst die Chance des Dorfes, Erholungszone zu werden. [...] in unmittelbarer Umgebung der Städte müssen grüne Erholungsgebiete erhalten bleiben. Deshalb wird überall der Ruf nach Raumplanung laut; die Zukunft muß stärker, als uns dies bisher bewußt geworden ist, durch vorsorgende Maßnahmen "geplant" werden. [...]

Neue und bessere Gesetze wird man in ganz Europa - aber auch in Österreich brauchen, um die Voraussetzungen für gesunde Luft und gesundes Wasser zu schaffen. [...]

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