Digital In Arbeit

Von der Revolte zur Eiszeit

Am 25. Jänner 2011 begann in Kairo der Aufstand gegen Mubarak. Die Politik der siegreichen Muslimbrüder lässt Experten aber Schlimmes für die Region befürchten.

Es ist eine alte Geschichte, die von Rabbi Judah bar Ilai auf uns gekommen ist. Um das Jahr 200 nach Christi Geburt - im Jahr 3960/61 nach jüdischer Zeitrechnung - war der Rabbi nach Ägypten gereist. In Alexandria hatte er in der größten Synagoge des Orients, der Eliyahu Hanavi, gebetet. Bei seiner Rückkehr nach Galilea sprach er mit großer Ehrfurcht und Begeisterung von seinem Erlebnis: Von den langen Säulenfluchten und der unermesslichen Höhe des Raumes. "Sie ist so groß“, erzählte Rabbi Judah, "dass ich als Vorbeter mit einem Tuch winken musste, damit die Gläubigen in den hintersten Reihen wussten, wann sie Amen sagen sollten.“

Die Eliyahu Hanavi blieb mächtig durch die Jahrhunderte, so wie die jüdische Gemeinde Ägyptens. 1889 zählte die jüdisch-ägyptische Gemeinde über 40.000 Personen. Im vergangenen Jahr waren es nur noch 50, die ihre großen Feste in der Synagoge feierten. Nun geht diese Tradition zu Ende. Im September 2012 schlossen die ägyptischen Behörden die traditionsreiche Synagoge "aus Sicherheitsgründen“, wie das Innenministerium in Kairo verlauten ließ.

Gradmesser der Beziehungen

An der Geschichte der Eliyahu Hanavi von Alexandria kann man auch den Verfall der Beziehungen zwischen Israel und Ägypten ablesen. Ein Verhältnis, das lange Zeit und durch viele Krisen hindurch erstaunlich stabil blieb, das sich aber drastisch geändert zu haben scheint, seit jenen Jännertagen vor genau zwei Jahren, als die Ägypter ihren autokratischen Präsidenten Hosni Mubarak vertrieben.

Vor allem in Israel wird der "arabische Frühling“ als Aufbruch in einen islamistischen Winter wahrgenommen. "Aus einem sehr guten Verhältnis der beiden Staaten ist ein sehr labiles Gleichgewicht geworden. Alles hat sich geändert“, sagt Yoram Meital, Vorstand des "Chaim Herzog Center for Middle East Studies and Diplomacy“ der Ben-Gurion Universität in Beer Sheva, "Jetzt stehen wir am Rand einer großen zwischenstaatlichen Krise.“ Schuld daran sind weniger die anti-israelischen Demonstrationen in Kairo. Die gab es auch unter Mubarak. Allerdings scheint sich der politische Standpunkt der Regierung dazu geändert zu haben. Von Mubarak ist überliefert, dass er, als er wegen der Demonstrationen von Vertretern der Vereinigten Staaten ins Gebet genommen wurde, meinte: "Mir ist es lieber, sie schreien gegen die Zionisten als gegen mich.“ Nun schreit die Regierung allerdings mit den Manifestanten gegen Israel - die Muslimbrüder treten offen als Veranstalter der Kundgebungen in Erscheinung. Weit weg ist die Zeit, als Hosni Mubarak israelische Politiker als Partner bezeichnete, die er in Ehren und mit Handschlag empfing.

Erst vor wenigen Tagen tauchte ein Fernsehinterview des aktuellen ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi aus dem Jahr 2010 auf, in dem er Israel wegen seiner Blockadepolitik gegenüber den Palästinensern angreift. Dabei sind Sätze wie die folgenden zu hören: "Die Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern sind pure Zeitverschwendung. Entweder man akzeptiert die Zionisten und alles, was sie wollen oder es gibt Krieg. Das ist es, was diese Landbesetzer können, diese Blutsauger, die Palästinenser angreifen, diese Kriegshetzer, diese Abkömmlinge von Schweinen und Affen.“

Mit mehreren Tagen Verzögerung ließ Mursi schließlich über einen seiner Sprecher ausrichten, die Zitate seien "aus dem Zusammenhang gerissen“. Ein Dementi, das der deutsche Israelexperte Matthias Küntzel so nicht glaubt: "Das Zitat ist völlig authentisch, das ist die Diktion der Muslimbrüder.“ Und auch Yoram Meital meint, "das war kein Zufall, das beschreibt sehr gut die Radikalisierung, die hier stattfindet.“ Dazu passend stoppte Ägyptens Regierung kurz nach Mursis Amtsantritt die Erdgaslieferungen Ägyptens an Israel.

Ein Bündnis mit dem Iran

Es ist nicht nur dieser Vorfall, der die Israelis, aber auch die USA, an Ägypten zweifeln lassen. Schon im Juni vergangenen Jahres hatte die iranische Nachrichtenagentur Fars ein Interview mit Mursi veröffentlicht, in dem er meinte, er suche eine Annäherung an den Iran und wolle den Friedensvertrag von Camp David überprüfen lassen. Mursi ließ auch diesen Bericht dementieren. Tatsache ist allerdings, dass die Friedensbedingungen schon seit Monaten nicht mehr eingehalten werden. Auffällig wird das am ehesten an der gemeinsamen Grenze.

Am Ostrand des Sinai, zwischen Khan Yunis und Taba am Roten Meer, durchzieht seit Neuestem ein fünf Meter hoher Stacheldrahtverhau von mehr als 200 Kilometern Länge die Wüste. Das ist "die Barriere“. Lange war es ruhig hier - auch ohne Zaun - eine seit 1979 demilitarisierte Zone, überwacht von einer UN-Friedensmission. Doch im August 2012 marschierte die ägyptische Armee auf - offiziell wegen der Verfolgung von Terroristen, die mehrere Überfälle auf ägyptische Grenzposten verübt hatten. Die Terroristen wurden geschlagen. Doch die Truppen blieben. Ägyptische Staatsmedien sprechen nun freimütig vom Ziel einer angestrebten "vollen Souveränität“ Ägyptens gegenüber Israel.

Die auf dem Sinai installierte UN-Friedensmission MFO (Multinational Force and Observers) berichtet von der "Stationierung schwerer Geschütze“ und der "erheblichen Truppenaufstockung“.

Und was sagen Israel und die mit ihm verbündeten USA? Man übt sich in Vorsicht. Die israelische Botschaft in Wien verweist auf Anfrage auf eine zwei Jahre alte Aussage von Premier Netanyahu, wonach dieser die Lage "mit Sorge“ beobachte. Nicht so diplomatisch brachte es Ex-Verteidigungsminister Moshe Arens auf den Punkt: "Es gibt keinen milden Islamisten. Der arabische Frühling wird uns Diktaturen bringen.“ Auch im Handel zwischen Ägypten und Israel ist die Veränderung spürbar. Seit der Revolution müssen Geschäftspartner einander in Drittländern wie Zypern oder Griechenland treffen, weil die israelischen Behörden kein Visum für Ägypten ausstellen. Trotzdem ensprangen diesen Beziehungen 2012 Geschäfte mit über 400 Millionen Dollar Umsatz.

Doch es gibt noch einen weit größeren, inoffiziellen Handelsstrom Richtung Palästina - jenen der durch die Tunnel unterhalb von Rafah in den Gazastreifen führt. Lebensmittel, Tiere, Baumaterial werden zu Tonnen unterirdisch in das belagerte Palästinensergebiet geschleust. Rafah, das ist zugleich der einzige ägyptisch-palästinensische Grenzort, und damit außerhalb israelischer Kontrolle und für Schmuggler eine Goldgrube. Omar Shaaban, ein Wirtschaftswissenschaftler am Gaza-Thinktank Palthink, schätzt den Umsatz der Tunnelwirtschaft auf über eine halbe Milliarde Dollar pro Jahr.

Beste Beziehungen zur Hamas

Der Handel blüht auch, weil die Muslimbrüder beste Beziehungen zu der von Israel als Terrororganisation bezeichneten Hamas unterhalten, die in Gaza das Sagen hat. Für die offizielle Vertretung der Palästinenser, die Autonomiebehörde, scheint der Präsident Ägyptens nur wenig übrig zu haben. Er bezeichnete sie als "Handlanger der Israelis“.

Inzwischen machen sich auch die letzten noch in Alexandria verbliebenen Juden an ihre Ausreise. Ihre Synagoge ist - in Modellform - schon nach Israel transferiert worden- nach Beit Hatfutsot. Bei der Enthüllung des Miniaturnachbaus wurde die exzellente Bauweise hervorgehoben, die Kolonnaden griechischen Stils und die herrlichen Bogenfenster - eine kleine Eliyahu Hanavi als letzte Reminiszenz des großen Erbes der Juden von Ägypten, die dort über 2300 Jahre beheimatet waren.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau