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Von der Schuld an der Zukunft

1945 1960 1980 2000 2020

UNHEIMLICHE GESCHICHTEN ERZÄHLEN UNSERE GEGENWART UND IHR ENDE.

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UNHEIMLICHE GESCHICHTEN ERZÄHLEN UNSERE GEGENWART UND IHR ENDE.

"War die Literatur des 20. Jahrhunderts stets eine, die zurückgeblickt hat, blickt die des 21. Jahrhunderts gleich ihrer Gesellschaft immer mehr in zahlreichen Szenarien angstvoll nach vorne", schreibt Kathrin Röggla in ihrer ersten Zürcher Vorlesung über die "Zukunft als literarische Ressource". So ging es nach 1945 vor allem um den Blick zurück auf den Nationalsozialismus, auf Schuld, die nachwirkte in die nächsten Generationen, während es heute, so Röggla, stärker um eine "Schuld an der Zukunft" gehe, wie viele Debatten zeigen. Freilich reicht die Geschichte der utopischen Literatur weit zurück, und nur selten war es ein Nachdenken über eine ideale Gesellschaft wie 1516 in Thomas Morus' "Utopia", die er allerdings nicht in eine ferne Zukunft, sondern auf eine Insel in einer fernen Weltgegend entrückt. Denn seit dem 18. Jahrhundert werden in Büchern und Filmen zwar immer wieder mögliche Zukunftswelten entworfen, aber meist als Dystopien, als apokalyptische Katastrophen, um auf bedenkliche Entwicklungen in der Gegenwart aufmerksam zu machen. Dieser Blick in eine bedrohliche Zukunft häuft sich in den Büchern der vergangenen Jahre, auch wenn die Szenarien ganz unterschiedlich ausfallen, man denke nur an Michel Houellebecq, Dave Eggers oder Cormac McCarthy. Sorgen um die Zukunft machen sich auch Kathrin Röggla, Karin Peschka und Doron Rabinovici in ihren jüngsten Büchern.

Wenn es gespenstisch wird

Kathrin Röggla widmet sich in "Nachtsendung. Unheimliche Geschichten" den vermeintlichen Gespenstern und Ängsten, die unsere Gesellschaft bedrängen. Wirklichkeit und mediale Welt werden bisweilen ununterscheidbar, weshalb Desorientierung und Kommunikationsstörungen auftreten. Reale Situationen kippen in apokalyptische Szenarien. Menschen verschwinden, aber auch Tage können einer Frau aus dem Gedächtnis verschwinden, ein Klassentreffen kann ebenso gespenstisch werden wie ein Urlaubsaufenthalt und ein Familientreffen in der deutschen Provinz. In der beklemmenden Erzählung "Normalverdiener" gruppiert Röggla Figuren des Mittelstands um die abwesende Figur eines Finanzmagnaten, der seine ehemaligen Mitschüler in ein Resort auf eine Insel einlädt. Sie

entlarvt dabei die Verführbarkeit von Menschen in einer neoliberalen Gesellschaft, die Gutmenschen entpuppen sich schließlich als verantwortungslose Mitläufer, die wegschauen, als Leichen von Bootsflüchtlingen ans Ufer geschwemmt werden. Röggla gelingt es in "Nachtsendung" auf ebenso kluge wie komische Weise, das Nichtwissen sichtbar zu machen, zu irritieren, ohne Auswege vorzuschlagen. Dass einem dabei bisweilen das Lachen im Hals stecken bleibt, ist durchaus gewollt.

Karin Peschka entwirft in "Autolyse Wien. Erzählungen vom Ende" ein postapokalyptisches Szenario, die "Letzten Tage" von Wien. Bei ihr vergeht einem das Lachen. Die Stadt Wien ist zerstört, nur wenige Menschen und Tiere haben in den Trümmern und Ruinen überlebt, es gibt keinen Strom, nur Überreste von Nahrungsmitteln, keinen Kontakt zu einem Leben außerhalb der Stadt. Auch Peschka geht es um die Gegenwart, darum, was wäre, wenn jetzt eine Katastrophe die Stadt zerstörte. Nicht die Ursachen interessieren sie, sondern das Verhalten von Überlebenden, das sie ebenso lakonisch wie distanziert in Momentaufnahmen verdichtet.

Der irritierende Buchtitel bezieht sich auf einen Begriff aus der Biologie, der Karin Peschka nach eigenen Aussagen zu ihrem ungewöhnlichen Stadtporträt inspiriert hat: "Nach dem Tod beginnt die Selbstverdauung, die Selbstauflösung. Das Abgestorbene frisst sich auf." Die Erzählerin durchstreift in ihren Kurzprosastücken nicht nur die Stadtbezirke, sondern auch verschiedene Lebenswelten. Gemeinsam ist den Texten, dass fast alle mit der Frage "Wien?" beginnen. Aber was verbindet die Endzeitbewohner? Leider keine Solidarität. Sie sind Vereinzelte, die sich still verhalten, Angst vor den Anderen haben, weil sie ihr Überleben verkürzen und gefährden könnten: "Jeder für sich und vorerst im Stillen."

Keine Erzählerstimme mischt sich ein oder kommentiert das Geschehen, die Stimmen wechseln einander ab, die Form löst sich auf und spiegelt den Zerfallsprozess, der schließlich in Stummheit endet. Nach den Miniaturen folgen Kapitel aus der Ich-Perspektive einer namenlosen Erzählerin, die sich mit Hunden arrangiert und minutiös ihren eigenen Selbstmord vorbereitet: "Ich hatte in den Monaten nach der Zerstörung Wiens viel Arbeit in das Projekt 'Schöner Sterben' investiert." Und die Erzählung "Wiener Kindl", für dessen erstes Kapitel Peschka heuer den Publikumspreis der Tage der deutschsprachigen Literatur bekam, beschreibt ein kleines Kind mit Sprachschwierigkeiten, das die Katastrophe in einem Rudel von Hunden überlebt. Karin Peschka entwirft in "Autolyse Wien" das Soziogramm einer verwesenden Stadt und erweist sich dabei als präzise Beobachterin menschlichen Verhaltens, das nicht gerade geeignet erscheint, das Überleben zu sichern.

Brutale Game-Show

Auch Doron Rabinovici verbreitet mit seinem jüngsten Roman "Die Außerirdischen" wenig Hoffnung auf eine schöne neue Welt. Eines Morgens wird im Radio die Landung von Außerirdischen gemeldet, die allerdings nie jemand sieht, um deren Leerstelle sich aber eine gesellschaftliche Katastrophe ausbreitet, die anknüpft an reale Abgründe unserer Gegenwart. Nachdem zunächst Chaos herrscht, der Strom ausfällt, Plünderungen und Gewaltakte den Alltag bestimmen, wird gemeldet, dass die Außerirdischen in friedlicher Absicht gekommen sind, um Wohlstand und Frieden zu bringen, sie selber allerdings Kannibalen sind. Freiwillig melden sich Menschenopfer, die bereit sind, in einer Game-Show um ihr Leben und viel Geld zu spielen. Den Siegern winken außerirdische "Exobilien", den Verlierern die Schlachtung und der Verzehr durch die Aliens. Die medialen Versprechungen entpuppen sich zwar als Fake News, aber sie werden lange geglaubt. Es wird weggeschaut, mitgemacht und die Grausamkeiten werden höher geschraubt. Nicht berichtet wird davon, dass die immer größer werdende Zahl der Opfer der weltweit abgehaltenen Spiele auf eine Insel verfrachtet und in einer Tötungsmaschinerie vernichtet werden -auch sprachlich verknüpft mit Deportationen, Selektionen und Vernichtungen in den Konzentrationslagern.

Sol, Mitbegründer eines Online-Gourmet-Magazins, wird unversehens vom kritischen Berichterstatter zu einem Akteur der Game-Show. Er trägt schließlich aber doch dazu bei, dass dem Spuk ein Ende gemacht werden kann. Die packend und spannend erzählte Polit-und Mediensatire soll wohl als Warnung verstanden werden, zeigt aber auch, dass Widerstand möglich ist. "Es bedarf nicht der Außerirdischen, um ein Mensch zu sein. [...] Fest steht nur, dass wir -auf uns gestellt -noch immer da sind. Und das allein kann unheimlich genug sein."

Die Außerirdischen Roman von Doron Rabinovici Suhrkamp 2017 255 S., geb., € 22,70

Nachtsendung Unheimliche Geschichten Von Kathrin Röggla S. Fischer 2016 282 S., geb., € 22,70

Autolyse Wien Erzählungen vom Ende Von Karin Peschka Otto Müller 2017 180 S., geb., € 19,-

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