Von Grimm Bis Fantasy

1945 1960 1980 2000 2020

Die BrüDer Grimm, e. T. A. HoffmAnn, micHAel enDe, J. K. rowlinG: märcHen unD fAnTAsiesTücKe GesTern unD HeuTe.

1945 1960 1980 2000 2020

Die BrüDer Grimm, e. T. A. HoffmAnn, micHAel enDe, J. K. rowlinG: märcHen unD fAnTAsiesTücKe GesTern unD HeuTe.

Der Grimm auf Märchen" lautete der Titel jener Wanderausstellung, die 1985 von Marburg an der Lahn aus auf Reisen ging. Die Ausstellung versammelte Parodien auf die "Kinder-und Hausmärchen" der Brüder Grimm, in Wort und Bild. In einem Cartoon Peter Neugebauers etwa klärt ein kleines Mädchen, das im Bett liegt, die vorlesende Großmutter auf: "Du mußt das richtig sehen, Omi: Die Spindel, die Dornröschen sticht, muß eindeutig als Phallussymbol verstanden werden ..."

Nahe am Plagiat

Ende 2012 jährt sich das Erscheinen der "Kinder-und Hausmärchen" zum 200. Mal, das offizielle, etwa von der Homepage der Grimm-Stadt Kassel (hier wirkten die Brüder als Bibliothekare) zu entnehmende Veröffentlichungsdatum ist der 20.12.1812. In Kassel befinden sich auch sogenannte Handexemplare der "Kinder- und Hausmärchen", die zum Weltdokumentenerbe der UNESCO zählen, während der weitaus größte Teil des Nachlasses in Berlin und Marburg liegt. 1812 erschien nur der erste Band, der zweite ließ bis 1815 auf sich warten. Die Ausgabe war ein Flop, sie lag wie Blei in den Regalen des Verlegers Reimer. Erst mit der "Kleinen Ausgabe" von 1825 begann der Siegeszug der KHM, so das liebevolle Kürzel.

Achim von Arnim und Clemens Brentano, zwei Autoren der Romantik und Editoren der berühmten Liedersammlung "Des Knaben Wunderhorn" (1805-08 erschienen), hatten die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm zum Sammeln verleitet. Nach heutigem Verständnis war das Unternehmen allerdings hart an der Grenze zum Plagiat. Die Grimms hatten zwar (im Vorwort zur 2. Auflage) behauptet, alles Bäuerinnen und anderen biederen Erzählerinnen vom Munde abgelauscht zu haben, doch das stimmte nur zum Teil. Wichtige Gewährsfrauen waren hugenottischer Herkunft und kannten französische Quellen, auch die Grimms bedienten sich frei bei älteren Märchensammlungen aus dem Ausland, vor allem bei jenen von Charles Perrault und Giambattista Basile. Jacob und vor allem Wilhelm bearbeiteten die Vorlagen, passten sie bürgerlichen Wertvorstellungen an und vereinfachten sie stark, um dem von ihnen gehuldigten Ideal einer typisch 'deutschen' Volkserzählung nahezukommen.

Gerade das in die Märchen neu eingearbeitete bürgerliche Moral-und Wertesystem war es, das in den zunehmend auf Revolution gebürsteten 1960er-Jahren zu einer regelrechten Märchenkrise führte. Auch heute noch wunderbar zu lesen ist der Coup von Hans Traxler, der seinerzeit bei der skandalträchtigen Satire- Zeitschrift "Pardon!" mitmischte. 1963 erschien sein Buch "Die Wahrheit über Hänsel und Gretel". Der Heimatforscher Georg Ossegg dokumentiert darin in Wort und Bild, wie er die Fundamente des Hexenhauses fand. Denn eigentlich war alles ganz anders: Das wohlhabende Nürnberger Bäckerehepaar Hans und Grete Metzler hatte es auf das erste Lebkuchenrezept der Welt abgesehen. Erst denunzierten sie die Lebkuchen-Erfinderin Katharina Schraderin bei der Inquisition. Als das nicht half und sich die junge Frau in ein Haus im Wald zurückzog, stahlen sie das Rezept nicht nur, sondern verbrannten dessen Eigentümerin in ihrem eigenen Backofen. Zahlreiche Hobby-Heimatforscher glaubten Traxler alias Ossegg die Geschichte - und reagierten nach der Aufdeckung des Schwindels so beleidigt, dass sie ihn als Betrüger gerichtlich verfolgt sehen wollten.

Möglichkeitsraum

Einer der neuen Retter des Märchens war der von den Nazis beinahe ermordete, dann in die USA emigrierte Psychoanalytiker Bruno Bettelheim. 1976 veröffentlichte er eine Studie, die in ihrer deutschen Fassung den sprichwörtlich gewordenen Titel "Kinder brauchen Märchen" bekam. Bettelheim &Co. räumten mit dem Mythos auf, dass Kinder die Grausamkeiten in Märchen für bare Münze nehmen. Stattdessen ist ein Märchen - wie jeder gute literarische Text - ein Möglichkeitsraum, um eigene Ideen auszuprobieren und neue zu entwickeln.

Der einstige Vorzug des Märchens, seine formale und inhaltliche Geschlossenheit, ist ihm mit Beginn der Klassischen Moderne um 1900 zum Verhängnis geworden. Klare Weltbilder und Charaktere, erzählerische Formeln und Happy Endings sind in der Hochliteratur nur noch - siehe die Parodien - spielerisch verwendbar. Ansonsten haben sie Platz in der Kinder-und Jugendliteratur gefunden, da insbesondere kleineren Kindern eine ausgebildete Identität fehlt, sie also noch eines Rahmens bedürfen, in den sie ihre Erfahrungen einordnen können.

Nicht nur die Brüder Grimm haben mit ihren "Kinder- und Hausmärchen" die Gattung für die danach folgenden Zeiten ge4 prägt ("Gattung Grimm"). Geläufiger freilich ist der Begriff "Volksmärchen", während man komplexere, mit psychologisierten Figuren ausgestattete und durchaus auch schlecht ausgehende kürzere Prosatexte, in denen Feen oder Zauberer vorkommen und anderes übernatürliches Personal sein Unwesen treibt, als "Kunstmärchen" bezeichnet. Hier war das wichtigste Vorbild E. T. A. Hoffmann, beginnend mit "Der goldne Topf" von 1814. Hoffmann lässt erstmals die Wunderwelt und die der zeitgenössischen Realität nachgebildete Handlungsebene schonungslos aufeinandertreffen, etwa wenn der Student Anselmus sich in die als goldene Schlange auftretende Serpentina verliebt, in "unaussprechlicher Sehnsucht" den Baum umarmt, auf dem er sie gesehen hat, und eine vorbeispazierende "ehrbare Bürgersfrau" dafür deutliche Worte findet: "Der Herr ist wohl nicht recht bei Troste!"

Fantasiestücke

Hoffmann hat auch bei der Entwicklung der Gattung "Fantasy" Pate gestanden. 1828 verriss ein französischer Kritiker Hoffmanns "Fantasiestücke in Callots Manier", die auch den "g ldnen Topf" enthalten, auf spektakuläre Weise und übersetzte den Titelbegriff mit "Contes fantastiques", dieser Begriff wiederum bürgerte sich schnell in deutscher Rückübersetzung als "Fantastik" ein.

Von Hoffmann zu Harry Potter ist es also gar nicht so weit, wie die rund 180 Jahre, die dazwischen liegen, glauben machen. Auch der berühmteste Zauberlehrling der letzten zwei Jahrzehnte lebt in zwei Welten, einer märchenhaften und einer realitätsnahen, und muss die Spannungen aushalten, die damit verbunden sind. Hier wie dort dient die Wunderwelt als Freiraum der Fantasie und zugleich als -ironischer -Zerrspiegel zur Realität. Nicht nur die Lehrlinge, auch die Mentoren ähneln sich, etwa Hoffmanns Archivarius Lindhorst und Rowlings Schuldirektor Dumbledore.

Der berühmte erste Übergang zwischen den beiden Welten, man spricht auch von Schleusen, wurde von Hoffmann 1816 in "Nußknacker und Mausekönig" gestaltet, das Märchen diente Tschaikowski für sein Nussknacker-Ballet als Vorlage. Marie kommt mit Hilfe des Nussknackers durch den Kleiderschrank in eine Welt, in der alles aus Süßigkeiten besteht. Auch in C. S. Lewis' weltberühmten "Chroniken von Narnia" (1950-56) ist ein Kleiderschrank die Schleuse.

Der Erneuerer des Kunstmärchens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts heißt Michael Ende. Seine beiden "Jim Knopf"-Romane erschienen 1960/62 und waren nichts weniger als die Utopie einer friedlichen Weltgemeinschaft, gespeist aus Endes Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte (NS-Zeit) einerseits, mit philosophischen, religiösen und naturwissenschaftlichen (Darwin!) Denktraditionen andererseits. Einer der großartigsten Märchenromane aller Zeiten, "Die unendliche Geschichte" (1979), dürfte mittlerweile auch seine grauenvolle Verfilmung überlebt haben.

Heute sind wir von Zauberern und Feen umgeben, mögen sie nun Bibi Blocksberg, Hexe Lilli oder Harry Potter heißen. Je weniger Orientierung Politik und Gesellschaft, Schule und Familie noch zu bieten vermögen, desto größer scheint der Bedarf nach Problemlösern in den fiktionalen Angeboten der Massenmedien geworden zu sein. Hier ist das Spektrum so bunt wie bei allen vergleichbaren Angeboten - es gibt Märchen um des Verkaufserfolges willen, es gibt solche, die erziehen und Werte vermitteln sollen, und es gibt literarisch, filmisch oder künstlerisch anspruchsvolle, die zum Selberund Weiterdenken anregen.

Klischees und Ironie

Im 20. Jahrhundert spannt sich der Bogen von Tove Jansson (mit den legendären Mumin-Büchern) über Astrid Lindgren (etwa "Mio, mein Mio", 1954), Otfried Preußler ("Die kleine Hexe", 1957), Michael Ende, James Krüss ("Timm Thaler", 1962), Christine Nöstlinger ("Wir pfeifen auf den Gurkenkönig", 1972) bis zu Paul Maar (etwa mit den "Sams"-Büchern). Heute hingegen ist die Grenze von Märchen und Fantasy (hier natürlich mit dem altehrwürdigen, ewig jungen J. R. R. Tolkien) fließend und beides stärker im Mainstream angekommen.

Millionenauflagen und große Popularität bei Fans (Philip Pullman, Cornelia Funke, Christopher Paolini) können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es das, was da gelesen wird, zumindest in sehr ähnlicher Weise schon einmal gegeben hat. Terry Pratchett und Walter Moers, die in den letzten Jahrzehnten mit der "Scheibenwelt" und mit "Zamonien" neue Welten oder Kontinente geschaffen haben, sind wesentlich origineller und können, wie seinerzeit Hoffmann, mit einer ironischen Perspektive auf die Realität punkten. Beim näheren Umsehen auf dem bunten Büchermarkt der Märchen und Fantasy bleibt sonst oft nur die Beobachtung übrig, dass die Vielfalt der Angebote nicht über die Uniformität der Inhalte hinwegtäuschen kann. Denn die Fantasie beginnt dort, wo die Klischees enden.

Stefan neuhauS, Universitätsprofessor am Institut für Germanistik in Innsbruck. Märchen und Gegenwartsliteratur gehören zu seinen Forschungsschwerpunkten, 2005 erschien sein Buch "Märchen".

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau