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Von Johannes XXIII. bis Hannah Arendt

Ausgewählte Neuerscheinungen: Alt werden mit dem Konzilspapst, Neues zur Islam-Debatte, ein Versuch der Rettung katholischer Sexualmoral und Denken von der Geburt her.

Papa buono - der gute Papst. Mit diesem Spitznamen blieb Johannes XXIII. den Römern und Italienern im Gedächtnis. Vor wenigen Tagen jährte sich der Geburtstag von Angelo Giuseppe Roncalli, der gerade fünf Jahre lang als Papst die Kirchengeschicke lenkte (1958-63), zum 130. Mal. Hubert Gaisbauer, Radiopionier in den 60er- und 70er-Jahren und dann bis 1999 Leiter der Religionsabteilung beim ORF-Hörfunk, hat dem Konzilspapst ein Buch mit originellem Zugang gewidmet: "Ruhig und froh lebe ich weiter - Älter werden mit Johannes XXIII.“ weist im Titel aus, dass Gaisbauer den mittlerweile seliggesprochenen Pontifex als Vorbild auch für die spätere Phase des Lebens empfiehlt.

Eine tief verwurzelte Frömmigkeit sowie eine "realistische und gleichzeitig positive Einstellung zum Älterwerden“ hat Gaisbauer an seinem Protagonisten entdeckt - und macht ihn berührend und gleichzeitig nachvollziehbar heutig. Die Faszination dieser Gestalt der Kirchengeschichte - bodenständige Gläubigkeit gepaart mit entwaffnender Raffinesse und einem offenen Herzen, wie es gerade heute so nötig wäre - bleibt für alle Lebenslagen aktuell.

Dass Gaisbauer sich den Roncalli-Papst zum Vorbild auch für die Bewältigung seiner eigenen Lebensphase nimmt und ihn durch seine Brille den Zeit- und Altersgenossen zugänglich macht, ist nicht nur verdienstvoll, sondern kehrt die Bedeutung Johannes’ XXIII. neu hervor. Ausgehend vom Geistlichen Tagebuch und Briefen Angelo Giuseppe Roncallis entwirft Gaisbauer ein Bild eines vorbildhaften Menschen, dessen Weltsicht und Weitblick heute so zeitgemäß wie zu seinen Lebenszeiten scheinen.

Der Südtiroler Theologe Ewald Volgger, Rektor der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz, steuert einen Essay über heute 96-jährigen Loris Francesco Capovilla, den Sekretär und Nachlassverwalter Johannes’ XXIII., bei. Die liebevolle Gestaltung mit zahlreichen Fotos macht dieses Buch voller Spiritualität und (Alters-)Weisheit auch zu einem bibliophilen Erlebnis.

Die Islam-Debatte - referiert

Nicht Erbauung, sondern den Versuch, viele Fakten und Einschätzungen zum Themenbereich Islam zusammenzutragen und weitgehend nüchtern zu referieren, ist Christa Chorherrs Anliegen in "Halbmond über Österreich“. Der Band beruht vor allem auf einer Kompilation von Literatur zum Thema und ist in seiner Prägnanz der Darstellung informativ. Im Gegensatz zum Buchtitel geht es bei Weitem nicht nur um Österreich, sondern Chorherr referiert sehr ausführlich die deutsche Diskussion. Die Autorin bemüht sich, die Ängste vor und rund um den Islam anzusprechen, und wirbt für eine Auseinandersetzung, die vom guten Willen aller Seiten ausgeht. Sie lehnt das Diktat der Fremdenangst ab: Daran lässt Chorherr keinen Zweifel.

Leider ist diesem Anliegen auch durch die Darstellung unterschiedlicher Positionen nicht immer gedient, insbesondere wenn in der zitierten Literatur die alarmistische Seite der Auseinandersetzung markant zur Geltung kommt. Wenn die Autorin - als Beispiel - kommentarlos die Ansicht des mehr als umstrittenen Islam-Warners Udo Ulfkotte "dass sich bis 2065 der Islamismus in ganz Europa durchgesetzt haben werde“ wiedergibt oder das von Verschwörungstheorien durchsetzte Buch "Inschallah“ des österreichischen Publizisten Ernst Hofbauer in der Literaturliste aufweist, so dient das der produktiven Kontroverse kaum. Das ist schade, denn das Plädoyer der Autorin für Offenheit und Gesprächsfähigkeit aller ist durch und durch glaubwürdig.

Katholische Sexualmoral - entkrampft

Durchaus vergleichbar ist auch das Minenfeld, in dem sich der im Südtiroler Brixen lehrende Moraltheologe Martin M. Lintner umtut. In seinem gut lesbaren Buch "Den Eros entgiften“ nimmt er sich nicht mehr und nicht weniger vor, als ein "Plädoyer für eine tragfähige Sexualmoral und Beziehungsethik“ zu halten. Der katholische Ordensmann (er ist Angehöriger des Servitenordens) halst sich mit dem Unterfangen dieses Buchs zweifellos eine Sisyphus-Arbeit auf. Denn nicht nur nach der Missbrauchskrise der letzten Jahre scheint das Verhältnis von katholischer Kirche zum Sex unlösbar zu sein. Auf keinem anderen Gebiet wird die Spaltung zwischen offizieller Morallehre und gelebter Praxis so offenbar wie hier.

Außerdem: Jeder Kirchenmann, der sich - entgegen einem sexualethischen Rigorismus - den Lebensweisen der Menschen, die in so überwältigender Weise davon abweichen, verständnisvoll stellt, kann sich in Rom zurzeit nur schwarze Punkte holen. Man befürchtet, dies könnte auch Martin M. Lintner widerfahren: Denn dieser plädiert in seinem Buch vor allem für ein Hören auf die Bedürfnisse und Nöte der Menschen. Der Theologe lässt keinen Zweifel an der katholischen Sicht auf Sexualität, er referiert die Lehre und versucht sie - von der "Pillenenzyklika“ Humanae Vitae bis zur Frage der Unauflöslichkeit der Ehe - darzustellen. Gleichzeitig legt er seinen Finger auf die Wunde, dass eben auch unzählige Katholikinnen und Katholiken nicht so leben, wie es der Papst gerne hätte. Und Lintner stellt sich in diesem Buch den Fragen, die sich daraus ergeben.

Wie sehr etwa der heutigen Kirche noch die Probleme, die sich durch und seit Augustinus aufbauten, nachhängen, macht der Autor klar - es ist befreiend, dass dies ein kirchenoffizieller Moraltheologe doch noch einbekennen kann. Und Lintner weicht den Konfliktthemen nicht aus; aber weder beim vorehelichen Geschlechtsverkehr noch bei der Frage gelebter Homosexualität beharrt er auf moralischer Unerbittlichkeit, sondern fragt, wie eine leibfreundliche Theologie jenseits der erhobenen Zeigefinger hilfreich sein kann. Das ist kein oberflächliches Zuschütten von Gräben und geht auch nicht durchgängig auf, aber der Versuch weist in die dringend notwenige Richtung einer Entkrampfung katholischer Sexualmoral: Wenn die Kirche sich nicht schleunigst genau darum bemüht, wird sie erst recht auf verlorenem Posten verharren. In diesem Sinn ist das Buch "Den Eros entgiften“ ein Versuch der Rettung. Hoffentlich kommt er nicht längst schon zu spät.

Hannah Arendt - postpatriarchal

Dass Theologie auch etwas mit dem praktischen Lebensalltag zu tun hat, hat die in der Ostschweiz lebende protestantische Schriftstellerin Ina Praetorius auch in ihren FURCHE-Religionskolumnen zur Genüge bewiesen. In ihrem jüngsten Buch "Immer wieder Anfang. Texte zum geburtlichen Denken“ macht sie sich einmal mehr zum Anwalt von Hannah Arendt, den Menschen und seine Existenz von der Geburt (und nicht von der Endlichkeit, vom Tod) her zu denken.

In elf Aufsätzen lotet dies eine Calvinistin und Feministin aus - von der Mystik bis zur Ökonomie. Man kann sich überraschen lassen über vielfältige Zugänge, dabei doch noch etwas Neues unter der Sonne zu entdecken.

Ruhig und froh lebe ich weiter

Älter werden mit Johannes XXIII.

Von Hubert Gaisbauer, Wiener Dom-Verlag 2011

256 Seiten, gebunden, € 22,50

Immer wieder Anfang

Texte zum geburtlichen Denken.

Von Ina Praetorius, Grünewald 2011

152 Seiten, gebunden, € 17,40

Halbmond über Österreich?

Von Christa Chorherr, Leykam 2011

300 Seiten, kartoniert, € 24,90

Den Eros entgiften

Plädoyer für eine tragfähige Sexualmoral und Beziehungsethik.

Von Martin M. Lintner, Tyrolia 2011

205 Seiten, kartoniert, € 17,95

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