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Feuilleton

Von Liebe und Freundschaft

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Zum 200. Todestag des Schriftstellers und Philosophen Christoph Martin Wieland am 20. Jänner, einer der zentralen Gestalten des geistig-kulturellen Lebens im Deutschland der Aufklärung.

"Ich gestehe, dass die Frage, was das höchste Gut des Menschen sei, in meiner Vorstellung etwas Lächerliches hat.“ Diese Bemerkung ist charakteristisch für die Grundeinstellung des Schriftstellers und Philosophen Christoph Martin Wieland. Sein Werk verkörpert ein Denken, das sich nicht um letzte und höchste Wahrheiten bemüht, sondern um die Konzeption eines menschlichen Lebens, in dem Toleranz, Humor, Genussfähigkeit und Verantwortung für Mitmenschen dominieren.

Wieland gilt als eine der zentralen Gestalten des kulturellen Lebens im Deutschland des 18. Jahrhunderts. Er war vielseitig: Schriftsteller, Philosoph, Hauslehrer, Kanzleiverwalter, Prinzenerzieher und auch Landwirt. Er verfasste Gedichte, Singspiele, Versepen, Romane, Novellen und zahlreiche Essays zur Ästhetik und zur Kulturgeschichte. Er übersetzte 22 Theaterstücke von Shakespeare und fungierte als Herausgeber der Kulturzeitschrift Teutscher Merkur. Zu seinen Lebzeiten wurde er viel gelesen. Seine an französischen Autoren wie Voltaire geschulten Romane erregten manchmal wegen ihrer für damalige Begriffe freizügigen Schilderung von erotischen Szenen öffentliches Ärgernis.

Loslösung vom Christentum

Geboren wurde Christoph Martin Wieland als Pfarrerssohn am 5. September 1733 in einem oberschwäbischen Dorf nahe Biberach. Durch die Lektüre französischer Philosophen wie Pierre Bayle oder Voltaire, die sich in ihren Werken kritisch über die Religion äußerten, löste sich Wieland allmählich vom christlichen Gedankengut und wurde Senator und Kanzleiverwalter in Biberach. Die Zeit in Biberach nützte Wieland, um seine ersten Bücher zu veröffentlichen, mit denen er bald großen Erfolg hatte. Innerhalb weniger Jahre publizierte er Romane wie "Die Abenteuer des Don Sylvio von Rosalva“, das Feenmärchen "Geschichte des Prinzen Biribinker“ und vor allem den Roman "Geschichte des Agathon“. In diesem Bildungsroman ging es Wieland darum, zu verstehen, welche Faktoren und Umstände die Biografie eines Menschen konstituieren. Gezeigt werden sollte "ein wirklicher Mensch“, der nicht so empfindet, denkt und handelt, wie es eine bestimmte philosophische oder religiöse Moral vorschreibt.

In der "Geschichte des Agathon“ schildert Wieland das Schicksal des gleichnamigen schönen Jünglings in der Blütezeit der griechischen Antike im vierten vorchristlichen Jahrhundert. Agathon wächst in Delphi im Umkreis des Priesterinnen-Orakels Pythia als Schwärmer auf, der vom Glauben an das Wunderbare des Übersinnlichen beseelt ist. Der Hang zum Schwärmerischen bestimmte auch den weiteren Entwicklungsgang des Romanhelden: Agathon durchläuft eine politische Karriere in Athen und avanciert zum Liebling der Bevölkerung. Er wird dann durch Intrigen gestürzt, muss fliehen, von Seeräubern gefangen und an den Philosophen Hippias verkauft. Hippias ist der intellektuelle Gegenspieler Agathons, ein Sensualist und Materialist, der zahlreiche Ideen der französischen Philosophen Denis Diderot und Julien Offray de la Mettrie vertritt.

Kleine Erzählungen statt großer Erzählung

Im Mittelpunkt der philosophischen Auseinandersetzung zwischen Agathon und Hippias steht die Frage, wie sich moralisches Handeln rein empirisch und naturwissenschaftlich erklären lässt oder auf Moralität und Wertorientierungen basiert. Wieland präsentiert die konträren philosophischen Positionen, ohne für sich den Anspruch zu erheben, dass eine bestimmte Position unbedingt recht habe. Diese offene Haltung gegenüber philosophischen Positionen war typisch für Wieland. Er lehnte die Parteinahme für eine einheitliche Theorie, postmodern gesprochen, für große Erzählungen ab, wie sie etwa das Christentum, der Platonismus oder der Idealismus darstellen. Vielmehr finden sich bei ihm zahlreiche kleine Erzählungen, wie sie auch postmoderne Philosophen wie Jean-François Lyotard schätzen.

Auf das Zwischenspiel als Kanzleiverwalter in Biberach, das rund neun Jahre dauerte, folgte Wieland 1769 einer Berufung als Professor für Philosophie an die Universität Erfurt. Er fand es als Befreiung, von seiner Heimatstadt loszukommen. Für Wieland war Biberach der Inbegriff einer provinziellen Kleinstadt - ein "Anti-Parnass“, wie er sie nannte, in der Spießer, Kleinbürger und Philister ein unerträgliches Regiment führten. 1774 begann Wieland mit der Publikation des vierbändigen Romans "Geschichte der Abderiten“, in dem er den Schildbürgern von Biberach ein unrühmliches Denkmal setzte. Der satirische Roman ist eine Abfolge von absurd anmutenden Geschichten, die in der griechischen Kleinstadt Abdera spielen. Dieser Ort ist ein Synonym für ein kleinstädtisches Ambiente, in dem Philistertum, Stumpfsinn und Borniertheit herrschen.

Ein Beispiel für den kollektiven Wahn ist die Geschichte vom Prozess um des Esels Schatten. Da mietet sich der Zahnarzt Struthion für eine Reise einen Esel. Unterwegs nützt er die Mittagshitze, um sich in den Schatten des Esels zu legen. Der Besitzer des Esels möchte, dass er dafür extra bezahlt, mit dem Argument, er habe nur den Esel gemietet, nicht jedoch dessen Schatten. Der Streit führt schließlich zu einem Prozess, der in der Folge das Gemeinwesen in Abdera spaltet. Es bilden sich zwei Parteien, die einander fanatisch bekämpfen. Der Konflikt findet erst ein Ende, als der Esel vorgeführt wird; die wütende Menge zerreißt ihn in tausend Stücke analog zu einer Massenhysterie, wie sie bei religiösen, politischen oder auch bei sportlichen Ereignissen auftritt.

"Insel des Friedens und des Glücks“

Nach seiner philosophischen Lehrtätigkeit an der Universität Erfurt wurde Wieland von Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar im Jahr 1772 zur Erziehung ihrer beiden Söhne nach Weimar berufen. Hier traf er auf Johann Gottfried Herder und Johann Wolfgang Goethe, zu dem er bald ein freundschaftliches Verhältnis entwickelte. In dieser Zeit widmete sich Wieland ganz seiner schriftstellerischen Arbeit als Kritiker, Aufklärer und Übersetzer. So verfasste er das romantische Gedicht "Oberon“, poetische Erzählungen sowie die populäre Märchensammlung "Dschinnistan“. Außerdem konnte er - nach französischem Vorbild - die Idee einer eigenen literarischen Zeitschrift verwirklichen, die den Namen Der Teutsche Merkur erhielt.

Nach den literarisch und philosophisch ergiebigen Jahren in Weimar erfolgte Wielands Rückzug auf das Landgut Oßmannstedt nahe Weimar. Hier wollte er sich "eine Insel des Friedens und des Glücks“ aufbauen - inmitten der sich anbahnenden napoleonischen Kriege. Er betätigte sich - im Alter von 65 Jahren - als Landwirt, ohne jedoch großen Erfolg zu haben. Im Kreise seiner großen Familie erlebte der Dichter einige glückliche und produktive Jahre. Der Tod der Ehefrau im Jahr 1800 und die finanzielle Belastung durch das Gut bewogen ihn, es zu verkaufen und 1803 wieder nach Weimar zu ziehen. Am 20. Januar 1813 starb Wieland an den Folgen einer Erkältung. Seinem Wunsch gemäß wurde er im Garten seines Landguts neben seiner Frau begraben. Die Inschrift des Grabsteines lautet: "Liebe und Freundschaft umschlang die verwandten Seelen im Leben und ihr Sterbliches deckt dieser gemeinsame Stein.“