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Von Wahrheit und Widerspruch

1945 1960 1980 2000 2020

Bert Brecht - zum 100. Geburtstag des deutschen Dichters und Dramatikers, für den immer der Mensch im Mittelpunkt stand .

1945 1960 1980 2000 2020

Bert Brecht - zum 100. Geburtstag des deutschen Dichters und Dramatikers, für den immer der Mensch im Mittelpunkt stand .

Im Gärtnerhaus im brandenburgischen Buckow, das Brecht in seinen letzten Lebensjahren als Buen retiro pachtet, entsteht 1953 ein Zyklus aus kleinen Gedichten von bestürzender Einfachheit und haikuhafter Komprimiertheit. Die Sammlung, die ein Jahrzehnt später in einer Einzelausgabe als "Buckower Elegien" in der Inselbücherei erscheint, rechnet in wenigen leisen Zeilen über ein Lebenswerk ab, ohne einen pathetischen Strich zu ziehen, ist alltagsresignative Rückschau und agitierende Reaktion auf die Herausforderung einer Gegenwart, über die der Blick schon hinausreicht. Ein Radwechsel provoziert existentielle Fragen: Ich sitze am Straßenrand Der Fahrer wechselt das Rad.

Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.

Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.

Warum sehe ich den Radwechsel Mit Ungeduld?

Brecht sitzt am Rand seines Lebens und schaut seinen Weg. Er hat den kleinen Schritt über den Graben getan, Distanz gewonnen, die es ihm erlaubt, die Straße an sich vorbeilaufen zu lassen und sich selbst auf ihr unterwegs zu beobachten.

In anderen Gedichten der Sammlung stellt er sich den Zeitereignissen - der Arbeiteraufstand des 17. Juni verfolgt ihn in seiner ländlichen Idylle bis in die Träume ("Eisen", "Die Kelle", "Böser Morgen") und provoziert ihn zu einer scharfen, für die Schublade und die Nachwelt bestimmten Replik an den Sekretär des Schriftstellerverbandes ("Die Lösung") - zutiefst betroffen, daß die Regierung des Arbeiter- und Bauernstaates auf Arbeiter schießen läßt. In Gedichten, die in den Zyklus nicht Aufnahme finden, obwohl sie zeitlich nahe entstanden sein müssen, wendet er sich wortreich agitierend gegen ein "betäubendes Beifallsgeklatsche / von jenseits der Sektorengrenze." ("Nicht so gemeint"), rechnet aber auch mit "Dem Amt für Literatur" ab, das das kostbare Papier für den Druck der Bücher nach Kriterien ideologischer Willfährigkeit zuteilt. Und dann inmitten des Zyklus die fahnenschwingende Fleißaufgabe: "Bei der Lektüre eines sowjetischen Buches", ein Hymnus auf die Entschlossenheit der Sowjetmenschen, die Natur zu bändigen. Man sieht förmlich, wie kühne Kranführer, Ingenieure und Poliere sozrealistisch in eine helle Zukunft blicken. Und dann, in Nachbarschaft mit dieser liebdienerischen Peinlichkeit fünf Zeilen, die man, hat man sie einmal gelesen, nie mehr vergißt. "Der Rauch", ist diese Momentaufnahme mit Ewigkeitswert, überschrieben: Das kleine Haus unter Bäumen am See.

Vom Dach steigt Rauch.

Fehlte er Wie trostlos dann wären Haus, Bäume und See.

Kaum wo in seinem Werk wird Brechts Sicht der Welt so deutlich, sein unbedingter Anthropozentrismus so klar.

In dem Gedicht "Laut", das ähnlich zentral im Zyklus verankert ist, wird ein banales Geschehen transparent, wird Weltanschauung: Später, im Herbst Hausen in den Silberpappeln große Schwärme von Krähen Aber den ganzen Sommer durch höre ich Da die Gegend vogellos ist Nur Laute von Menschen rührend.

Ich bin's zufrieden.

Seltsame Nachbarschaft von Getöse und Stille, von ideologiegesättigtem Pathos und ornamentloser Luzidität, von eindringlicher, wortkarger Einfachheit und labyrinthischen Gedankengebäuden zur Tarnung von Absicht und Tat.

Diese Widersprüchlichkeit ist kennzeichnend für das Werk Brechts. Nicht zuletzt aus ihr bezieht sein Theater elementare Kraft. In der Rolle des Galileo Galilei hat man immer wieder ein Selbstporträt Brechts vermutet. Denn beide sehen sich als Aufklärer, einzig der Wahrheit verpflichtet, wissen sich legitimiert, den krummen Weg zu gehen, wenn der gerade versperrt ist. Denn die Rolle und ihr Schöpfer sind sich einig: "Die Wahrheit ist das Kind der Zeit, nicht der Autorität. Unsere Unwissenheit ist unendlich, tragen wir einen Kubikmillimeter ab! Wozu jetzt noch klug sein wollen, wenn wir endlich ein klein wenig dumm sein können." Galilei kann bei dieser Gelegenheit Gelehrte und Höflinge nicht zum Blick in das Fernrohr verleiten. Geblendet von der Tradition, sind die Repräsentanten der Gesellschaft nicht fähig, das Augenscheinliche zu sehen.

Weniger Privilegierte, denen Bildungsgerümpel nicht den Blick verstellt, sehen weiter als die Gelehrten. Auf sie setzten Galileo, wie Brecht ein Leben lang. "Unbelesen, verlassen sie sich auf das Zeugnis ihrer fünf Sinne, furchtlos zumeist, wohin dies Zeugnis sie führen wird ..." Galileo ist Forscher, als solcher postuliert er, hoch auf dem Seil, unter dem kein Netz gespannt ist, balancierend, "Ich würde meinen, als Wissenschaftler haben wir uns nicht zu fragen, wohin die Wahrheit uns führen soll."

Brecht hat sich diese Unbedingtheit auf der Suche nach Wahrheit nicht immer zu eigen gemacht. Nicht nur in der "Maßnahme"! Schon Galilei weiß wohin die Wahrheit führen kann und weshalb sie befördert werden muß: "In diesen Nächten werden über ganz Italien Fernrohre auf den Himmel gerichtet. Die Monde des Jupiter verbilligen nicht die Milch. Aber sie wurden nie je gesehen, und es gibt sie doch. Daraus zieht der Mann auf der Straße den Schluß, daß es noch vieles geben könnte, wenn er nur seine Augen aufmachte! Ihr seid ihm eine Bestätigung schuldig! Es sind nicht die Bewegungen einiger entfernter Gestirne, die Italien aufhorchen machen, sondern die Kunde, daß für unerschütterlich angesehene Lehren ins Wanken gekommen sind, und jedermann weiß, daß es deren zu viele gibt."

Der alte Galilei blickt weniger zukunftsgewiß auf sein Forscherleben zurück. Er hat als Revolutionär versagt, hat im Leben klein beigegeben aus Bequemlichkeit und Kalkül ("Aber können wir uns der Menge verweigern und doch Wissenschaftler bleiben?") Er hat seine Erkenntnisse an die Mächtigen verraten. "Ich überlieferte mein Wissen den Machthabern, es zu gebrauchen, es nicht zu gebrauchen, es zu mißbrauchen, ganz wie es ihren Zwecken diente. Ich habe meinen Beruf verraten. Ein Mensch der das tut, was sich getan habe, kann in den Reihen der Wissenschaft nicht geduldet werden."

Wie träumt doch der alte Brecht in Buckow: Heut nacht im Traum sah ich Finger, auf mich deutend Wie auf einen Aussätzigen. Sie waren zerarbeitet und Sie waren zerbrochen.

Unwissende schrie ich Schuldbewußt.

Am nächsten Tag überschreitet Andrea Sarti, der Sohn der Haushälterin, inzwischen zum Wissenschaftler gereift, die italienische Grenze, Galileis Widerruf des Widerrufes, das Buch "Discorsi" im Gepäck.

Der Autor ist Ordinarius für Theaterwissenschaft an der Universität Wien

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