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Feuilleton

Vulgär, heftig, eindrücklich

1945 1960 1980 2000 2020

Mit einem spielfreudigen Ensemble gelingt der Tiroler Regisseurin Susanne Lietzow im Wiener Volkstheater eine dichte, wunderbar zupackende Inszenierung von Nestroys "Zu ebener Erde und erster Stock".

1945 1960 1980 2000 2020

Mit einem spielfreudigen Ensemble gelingt der Tiroler Regisseurin Susanne Lietzow im Wiener Volkstheater eine dichte, wunderbar zupackende Inszenierung von Nestroys "Zu ebener Erde und erster Stock".

Nestroy am Volkstheater zu inszenieren, das erweckt eine bestimmte Erwartungshaltung. Der Name soll für ausverkaufte Vorstellungen einstehen und die Inszenierung muss abonnententauglich sein, ist doch im großen Haus nur bedingt Platz für Experimente, schon gar nicht vor Weihnachten. Der Regisseurin Susanne Lietzow gelingt mit einem spielfreudigen Ensemble ein dichter Theaterabend.

Das 1835 im Theater an der Wien uraufgeführte Stück markierte eine neue Richtung im Schaffen Nestroys: Vorbei ist die Phase der Zauberstücke, nun wird nicht mehr "überirdisch", sondern im Sozialen verhandelt. Familie Schlucker, arm wie dieselben, lebt auf engsten Verhältnissen zu ebener Erde, während im ersten Stock der Millionär Goldfuchs mit den Luxusproblemen der Reichen zu kämpfen hat. Wenn Spargel im Herbst einen ganzen Gulden kostet, dann kümmert es ihn wenig, ein zu Boden gefallenes Schnupftuch wird entsorgt, sei es auch aus feinstem Batist. Dass die Liebe zwischen Arm und Reich nicht funktionieren darf, müssen Millionärstöchterl Emilie und der die Familie Schlucker hauptsächlich ernährende Sohn Adolf erkennen. Doch wird sich das Schicksal wenden, die Bel-Etage-Bewohner verlieren ihr Vermögen, während die armen Schlucker zu mächtig viel Geld kommen und damit sogar ein Wohnungstausch vollzogen wird. In Aurel Lenferts eindrücklich einfach gehaltenem Bühnenbild drückt die großräumige Wohnung der Reichen auf die beengte der Armen, neben der auch noch die famose Live-Musik untergebracht ist (Leitung: Gilbert Handler). Wenn aus den Abfällen des Überfluss-Haushalts auch nichts mehr für Familie Schlucker zu quetschen ist, so werden sie den Musikern überlassen, die sich artig für die kargen Reste bedanken. Die Garderobe der Band war einmal schön, jetzt wagt man ihnen nicht einmal mehr auf die Schulter zu klopfen, ohne Angst haben zu müssen, den brüchigen Stoff endgültig zu zerstören. Die fein überzeichneten Kostüme von Marie-Luise Lichtenthal unterstreichen den schmalen Grat, auf dem die Inszenierung gekonnt balanciert. Denn dass Susanne Lietzow in ihrer ersten Regie auf so großer Bühne heftig zur Sache geht, dass lässt sich nicht verleugnen: Da darf die vierjährige Resi Schlucker (wunderbar dargestellt von der knapp 60-jährigen Sylvia Bra) aus dem Kinderwagen vor sich hin schimpfen, ihre Mutter Sepherl (Steffi Krautz) erklärt das als Tourette-Syndrom.

Polarisierend, doch die Basis stimmt

Ebenso vulgär wirkt das Entleeren der Bäuche nach zu heftigem Konsum von Speis und Trank, dem sich Familie Schlucker hingibt, gerade erst zu Geld gekommen. Die Inszenierung verträgt solch polarisierende Regieeinfälle mit Leichtigkeit, denn es stimmt die Basis. Der Abend wird dicht verhandelt, da gibt es keine inszenatorischen oder dramaturgischen Löcher, die Charaktere agieren mit mächtigem -auch körperlichem - Einsatz und haben doch Zeit für ruhige Momente, in denen nicht minder Spannung herrscht. Wie zum Beispiel Emilie (herrlich ätherisch liebend: Nadine Quittner) dem von ihr verschmähten Vermieter Herrn Zins (Lukas Holzhausen) einen vergessenen Zylinder reicht, das lässt schön in die Figuren blicken und stülpt deren Befindlichkeiten wortlos nach außen. Mitleiden und Mitfreuen, dazu verhilft die starke Leistung des Ensembles.

Mit beängstigender Schärfe gibt Sebastian Pass den Bedienten Johann im Hause Goldfuchs. Die Couplet-Strophen aus seinem Munde (verfasst von Hans Rauscher) machen Mitläufertum in bester Herr-Karl-Manier ersichtlich. Auch wird auf skurril anmutende Zitate nicht verzichtet, wie etwa der Vorschlag Fiona Swarovskis, in Zeiten der Wirtschaftskrise das Gemüse selbst anzubauen, wenn man Platz auf der Dachterrasse hat.

Hatte Nestroy mit Auflagen beim Schreiben zu kämpfen, so darf in der Fassung des Volkstheaters ein böses Ende dräuen: Was als leichte Erkältung beginnt, greift rasch auf fast alle Beteiligten über, der Seuchentod rafft sie dahin, vorbei sind neu gewonnener Reichtum und Liebesglück. Diese Ironie des Schicksals bleibt in Erinnerung -ebenso wie diese wunderbar zupackende Inszenierung.

Zu ebener Erde und erster Stock Volkstheater 1., 4., 10., 17. Dezember

Nestroy am Volkstheater zu inszenieren, das erweckt eine bestimmte Erwartungshaltung. Der Name soll für ausverkaufte Vorstellungen einstehen und die Inszenierung muss abonnententauglich sein, ist doch im großen Haus nur bedingt Platz für Experimente, schon gar nicht vor Weihnachten. Der Regisseurin Susanne Lietzow gelingt mit einem spielfreudigen Ensemble ein dichter Theaterabend.

Das 1835 im Theater an der Wien uraufgeführte Stück markierte eine neue Richtung im Schaffen Nestroys: Vorbei ist die Phase der Zauberstücke, nun wird nicht mehr "überirdisch", sondern im Sozialen verhandelt. Familie Schlucker, arm wie dieselben, lebt auf engsten Verhältnissen zu ebener Erde, während im ersten Stock der Millionär Goldfuchs mit den Luxusproblemen der Reichen zu kämpfen hat. Wenn Spargel im Herbst einen ganzen Gulden kostet, dann kümmert es ihn wenig, ein zu Boden gefallenes Schnupftuch wird entsorgt, sei es auch aus feinstem Batist. Dass die Liebe zwischen Arm und Reich nicht funktionieren darf, müssen Millionärstöchterl Emilie und der die Familie Schlucker hauptsächlich ernährende Sohn Adolf erkennen. Doch wird sich das Schicksal wenden, die Bel-Etage-Bewohner verlieren ihr Vermögen, während die armen Schlucker zu mächtig viel Geld kommen und damit sogar ein Wohnungstausch vollzogen wird. In Aurel Lenferts eindrücklich einfach gehaltenem Bühnenbild drückt die großräumige Wohnung der Reichen auf die beengte der Armen, neben der auch noch die famose Live-Musik untergebracht ist (Leitung: Gilbert Handler). Wenn aus den Abfällen des Überfluss-Haushalts auch nichts mehr für Familie Schlucker zu quetschen ist, so werden sie den Musikern überlassen, die sich artig für die kargen Reste bedanken. Die Garderobe der Band war einmal schön, jetzt wagt man ihnen nicht einmal mehr auf die Schulter zu klopfen, ohne Angst haben zu müssen, den brüchigen Stoff endgültig zu zerstören. Die fein überzeichneten Kostüme von Marie-Luise Lichtenthal unterstreichen den schmalen Grat, auf dem die Inszenierung gekonnt balanciert. Denn dass Susanne Lietzow in ihrer ersten Regie auf so großer Bühne heftig zur Sache geht, dass lässt sich nicht verleugnen: Da darf die vierjährige Resi Schlucker (wunderbar dargestellt von der knapp 60-jährigen Sylvia Bra) aus dem Kinderwagen vor sich hin schimpfen, ihre Mutter Sepherl (Steffi Krautz) erklärt das als Tourette-Syndrom.

Polarisierend, doch die Basis stimmt

Ebenso vulgär wirkt das Entleeren der Bäuche nach zu heftigem Konsum von Speis und Trank, dem sich Familie Schlucker hingibt, gerade erst zu Geld gekommen. Die Inszenierung verträgt solch polarisierende Regieeinfälle mit Leichtigkeit, denn es stimmt die Basis. Der Abend wird dicht verhandelt, da gibt es keine inszenatorischen oder dramaturgischen Löcher, die Charaktere agieren mit mächtigem -auch körperlichem - Einsatz und haben doch Zeit für ruhige Momente, in denen nicht minder Spannung herrscht. Wie zum Beispiel Emilie (herrlich ätherisch liebend: Nadine Quittner) dem von ihr verschmähten Vermieter Herrn Zins (Lukas Holzhausen) einen vergessenen Zylinder reicht, das lässt schön in die Figuren blicken und stülpt deren Befindlichkeiten wortlos nach außen. Mitleiden und Mitfreuen, dazu verhilft die starke Leistung des Ensembles.

Mit beängstigender Schärfe gibt Sebastian Pass den Bedienten Johann im Hause Goldfuchs. Die Couplet-Strophen aus seinem Munde (verfasst von Hans Rauscher) machen Mitläufertum in bester Herr-Karl-Manier ersichtlich. Auch wird auf skurril anmutende Zitate nicht verzichtet, wie etwa der Vorschlag Fiona Swarovskis, in Zeiten der Wirtschaftskrise das Gemüse selbst anzubauen, wenn man Platz auf der Dachterrasse hat.

Hatte Nestroy mit Auflagen beim Schreiben zu kämpfen, so darf in der Fassung des Volkstheaters ein böses Ende dräuen: Was als leichte Erkältung beginnt, greift rasch auf fast alle Beteiligten über, der Seuchentod rafft sie dahin, vorbei sind neu gewonnener Reichtum und Liebesglück. Diese Ironie des Schicksals bleibt in Erinnerung -ebenso wie diese wunderbar zupackende Inszenierung.

Zu ebener Erde und erster Stock Volkstheater 1., 4., 10., 17. Dezember