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Wagner in Wien: vernetzt und visionär

1945 1960 1980 2000 2020

Die Jahrzehnte von Wagners Schaffen lassen sich im Wien Museum abgehen. Die Schau zum Todestag widmet sich dort Wagners Netzwerk und seinen Visionen, mit denen er das Wiener Stadtbild gestaltete.

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Die Jahrzehnte von Wagners Schaffen lassen sich im Wien Museum abgehen. Die Schau zum Todestag widmet sich dort Wagners Netzwerk und seinen Visionen, mit denen er das Wiener Stadtbild gestaltete.

Die Wiener Stadtbahn, die Kirche am Steinhof, die Postsparkasse und zahlreiche Hausfassaden -sie alle machten Otto Wagner unsterblich, wie man so sagt. In Wahrheit starb einer der wichtigsten Architekten der Wende zum 20. Jahrhundert vor exakt 100 Jahren, was Anlass für eine Ausstellung im Wien Museum ist, die mit Fug und Recht als umfassend bezeichnet werden kann. In zwölf Kapiteln, die auf rund 1000 Quadratmetern mehr als 500 Exponate präsentieren, möchte man den Besuchern ermöglichen, die "Jahrzehnte seines Schaffens in Ruhe abzugehen, mitzuerleben, wie er sich entwickelt hat und auch die Brüche in seinem Werk zu erkennen", wie Kuratorin Eva-Maria Orosz erklärt. Monumentale und originale Modelle zur Stadtbahn sollen dazu ebenso dienen wie visionäre, aber nie umgesetzte Entwürfe. Aus der Visitkartensammlung Otto Wagners macht man eine Veranschaulichung seines Netzwerks, Fotos einer begehbaren Vitrine zeigen ihn als Ausstellungsgestalter, Schriften weisen auf die von ihm begründete Architekturschule hin, Architekturzeichnungen werden zu eigenständigen Kunstwerken.

Wagners Denke war radikal, oft auch provokant. Manchmal (respektive manchen) auch zu visionär. Während die Stadtbahn, die den Wienern eine neue Perspektive auf ihre Stadt ermöglichte, jeder kennt, sind die bekrönende Kuppel über dem Berliner Dom, die Ehrenhalle für die Akademie der bildenden Künste und ein Kriegsministerium ebenso auf dem Papier geblieben wie das Stadtmuseum am Karlsplatz, das dort gestanden wäre, wo heute das Wien Museum steht -ein Projekt, das auf die Geschichte des Hauses zurückverweist und das lange debattiert wurde, angesichts der aktuellen Diskussion ein Déjà-vu. Während zahlreiche Arbeiten Otto Wagners Beiträge für Wettbewerbe repräsentieren, konzipierte er auch oft ohne Auftrag -als bekanntestes Beispiel dient wohl die Kirche am Steinhof.

Mehr als ein Karrieresprung

Wenn die Schau darauf eingeht, wie Wagner zum Professor an der Akademie der bildenden Künste wurde, so geht es hier nicht nur um einen Karrieresprung, sondern auch um den Beginn dessen, dass Wagner den Stellenwert der Architektur hinterfragte. "Bereits in seiner Antrittsrede erläuterte Wagner, dass die Architektur neue Wege finden müsse", so Orosz. "Dies führte ihn zu seinem ersten Manifest, in dem er postulierte, dass Zweck, Bedürfnis und modernes Leben der Ausgangspunkt für die Architektur sein müssen und die Architektur die Krone der Menschheit sei." Diskussionen, die in weiterer Folge auch zur Gründung der Secession führten, deren Fäden Wagner im Hintergrund mitgezogen hatte und die er dennoch zweischneidig sah. "Einerseits war dies ein Erfolg für Wagner, andererseits wollte er Freunde nicht vor den Kopf stoßen, die er im Künstlerhaus hatte, selbst wenn er dies in seinem Schaffen schon längst tat."

Auch andere heiße Debatten sind zwischen den einzelnen Exponaten herauslesbar, etwa wenn Wagner sich lange Zeit um Aufträge des Kaiserhauses bemühte, aber mit Kleinprojekten abgespeist wurde.

Wer nach all den Wagner'schen Werken glauben könnte, Wagner ging allein durchs Leben, wird durch die gesammelten Visitkarten eines Besseren belehrt. Diese geben eine Vorstellung davon, wie vernetzt er war. Ob Politiker oder Architekturkollegen, ob Kritiker oder Kunstschriftsteller - hier zieren zahlreiche bekannte Namen die kleinen Kärtchen, die durch Fotos ebenso ergänzt werden wie durch ein Ölgemälde Berta Zuckerkandls, die positiv über Wagner schrieb, und ein Aquarell, das Schiele von Wagner fertigte.

Bis ins Atrium des Wien Museums setzt sich die Schau, für die die Dauerausstellung ausgeräumt wurde, fort. Dort wird eine Rekonstruktion des "Zeit"-Portals gezeigt, eine 1902 vor das Gebäude des Verlags in der Kärntnerstraße vorgeblendete Aluminium-Fassade, an der Wienerinnen und Wiener die affichierten Titelseiten lesen konnten.

Mittels der Frage, wie sein großstädtisches Denken und das Planen in großen Dimensionen sowie seine Formensprache durch seine Schüler weiterwirkten, weist die Ausstellung abschließend noch über Wagners Tod hinaus.

Otto Wagner bis 7. Oktober, Wien Museum Di bis So 10 bis 18 Uhr www.wienmuseum.at

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