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Feuilleton

Wagnerdämmerung

1945 1960 1980 2000 2020

Richard Wagner als Antisemit und geistiger Vater des Nationalsozialismus: Der Komponist des "Ringes des Nibelungen" im Zwielicht.

1945 1960 1980 2000 2020

Richard Wagner als Antisemit und geistiger Vater des Nationalsozialismus: Der Komponist des "Ringes des Nibelungen" im Zwielicht.

Wallala! Lalaleia! Leialala! Heia! Heia! Hahei!": Diese ergreifenden Worte schmettern demnächst Woglinde, Wellgunde und Floßhilde von der Bühne der Grazer Oper, während sie der garstige Zwerg Alberich zu erhaschen versucht. Erraten: Am Sonntag dieser Woche steht in Graz Richard Wagners "Rheingold" am Programm, im Laufe des Jahres folgen die drei weiteren Teile des "Ringes des Nibelungen" - Wagners monumentales Werk, das vom erbitterten Kampf strahlender Götter und Heldengestalten gegen abstoßende Unterweltkreaturen kündet, der im finalen Weltenbrand endet. Damit steht im Opernhaus der steirischen Landeshauptstadt das Jahr 2000 ganz im Zeichen eines Komponisten, an dessen Bild in letzter Zeit gehörig gekratzt wird. Was die kritische Wagner-Forschung zum Vorschein gebracht hat, ist dazu angetan, Opernfreunden den Genuß von Wagner-Werken ein- für allemal zu verderben: * Wagners Opern sind antisemitisch geprägt, Judenhaß zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk. "Judenhaß ist das irritierende Leitmotiv von Wagners Weltanschauung" schreibt der deutsche Philosoph Joachim Köhler in seinem Buch "Wagners Hitler - Der Prophet und sein Vollstrecker".

* Der programmatische Titel zeugt von einem zweiten unangenehmen Forschungsergebnis: Richard Wagner ist ein direkter Vorläufer Adolf Hitlers. Der Bayreuther ist des Braunauers geistiger Ziehvater, der Nationalsozialismus gewissermaßen eine profane Variante der Wagnerschen Mythenwelt.

Wirklich neu sind diese Erkenntnisse nicht: Schon 1939 bezeichnete der amerikanische Historiker und Schriftsteller Paul Viereck die "unglaublich einflußreichen" und dabei den "meisten Deutschen unbekannten" Schriften Wagners als die "wohl wichtigste Einzelquelle, ja den Urquell der Nazi-Ideologie schlechthin". Der frühe Hitler-Biograph Konrad Heiden meinte 1935, seine Wagner-Besessenheit präge "die Welt Hitlers, wo der Fluch des Goldes die Zinsknechtschaft, der Zwerg Alberich die minderwertigen Rassenkräfte, also den Juden, Siegfried und Hagen den nationalen Zwiespalt und Wotan den tragischen Genius der germanischen Rasse verkörpern".

Doch den Anhängern und Nachkommen Richard Wagners gelang es nach 1945 erfolgreich, Wagners Antisemitismus und seine Bedeutung für den Nationalsozialismus aus dem öffentlichen Bewußtsein zu verdrängen. Moderne Wagnerianer schwören Stein und Bein, daß sich in Wagners Opern keine Spur von Antisemitismus findet. Noch 1993 konnte eine von dem angesehenen Wagner-Kenner Peter Wapnewski betreute Doktorarbeit das Resümee ziehen, den Bayreuther Meister "durch die Optik Hitlers wahrzunehmen" sei "wissenschaftlich unhaltbar und, wofern gegen bessere Einsicht unternommen, moralisch infam". Demnach führe "kein direkter Weg von Wagner zu Hitler". Wagner sei von den Nazis "mißverstanden und mißbraucht" worden, habe Hitler "zur Legitimation der eigenen politischen Mission gedient", bekräftigt auch Wolfgang Wagner, Familienoberhaupt und heutiger Festspielleiter in Bayreuth.

Freilich: Die Existenz Wagners theoretischer Schriften konnten selbst die glühendsten Verteidiger nicht leugnen. Und die haben es in sich. Da wäre einmal das 1850 veröffentlichte, berüchtigte antisemitische Pamphlet "Das Judentum in der Musik", das der in den USA lehrende Historiker Paul L. Rose in seinem Buch "Richard Wagner und der Antisemitismus" als den "wohl folgenreichsten Text des modernen deutschen Antisemitismus" bezeichnet. Unter dem Pseudonym K. Freidenk fabulierte Wagner vom "unwillkürlich Abstoßenden, welches die Persönlichkeit und das Wesen der Juden für uns hat". Der Jude, ein "Schmarotzer" und "Parasit", der nur von Diebstahl lebe und durch die Macht des Geldes herrsche, hätte sich als Künstler auf den Kadaver der abendländischen Kunst gestürzt, um ihn "zu zersetzen". Wagner endet mit den prophetischen Worten: "Aber bedenkt, daß nur eines eure Erlösung von dem auf euch lastenden Fluche sein kann: die Erlösung Ahasvers - der Untergang!"

Während der folgenden 30 Jahre sollte Wagner, der im privaten Gespräch die Juden mit "Trichinen" oder "Ratten" verglich, noch radikaler werden: Bei der Neuauflage von "Das Judentum in der Musik" 1869 - diesmal unter seinem wirklichen Namen - stellte er eine Lösung des "Judenproblems" in den Raum, die er 20 Jahre vorher noch für sich behalten hatte: die Vertreibung. In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts erhielt Wagners fanatischer Antisemitismus neue Nahrung durch die aufkommende biologische Rassenlehre, wie sie etwa von Joseph Arthur Graf von Gobineau vertreten wurde ("Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen"). In seinen "Regenerationsschriften", die in der Wagner-Literatur oft als geistige Verirrung oder senile Wahnvorstellung abgetan werden, wird "der Jude" zum "plastischen Dämon des Verfalles der Menschheit". Seinem Gönner König Ludwig II. von Bayern, versicherte Wagner, "daß ich die jüdische Race für den geborenen Feind der reinen Menschheit und alles Edlen in ihr halte".

Wagnerianer ziehen eine deutliche Grenze zwischen dem Hobby-Rassisten und dem hehren Künstler Wagner. Hatte Wagner nicht 1849 während des Volksaufstandes in Dresden an den Barrikaden für die Ideale der Freiheit gekämpft und erst nach dem Scheitern der Revolution verbittert im Antisemitismus Trost gesucht? Nein, meint Rose: "Wagner wurde nicht plötzlich vom Revolutionär zum Rassisten - für ihn enthielt die Idee einer deutschen Revolution immer schon einen rassistischen und antisemitischen Kern." Der Zeitgeist war nun einmal antisemitisch - schon der Wegbereiter des modernen deutschen Nationalismus revolutionärer Prägung, der Philosoph Johann Gottlieb Fichte, war von Judenhaß beseelt. In der Tat beweist auch ein Brief von Wagners erster Frau Minna aus dem Jahr 1850, daß der Komponist seine Hetzschrift "Das Judentum in der Musik" noch in seiner angeblich revolutionären Phase verfaßte ("Nun wiederum seit zwei Jahren, als du mir jenen Aufsatz vorlesen wolltest, worin Du ganze Geschlechter schmähtest ...").

In denWagneropern findet sich keine explizit als jüdisch ausgewiesene Gestalt, aber sie sind bevölkert von "pseudojüdischen" (Rose) Figuren: Die habgierigen Nibelungen im "Ring", der für deutsche Kunst verständnislose Beckmesser in den "Meistersingern von Nürnberg", oder Klingsor in "Parsifal", Sinnbild des sich vergeblich mühenden Juden, Arier zu werden.

"Als durchaus fremdartig und unangenehm fällt unserm Ohre zunächst ein zischender, schrillender, summsender und murksender Lautausdruck der jüdischen Sprechweise auf", schreibt Wagner in "das Judentum in der Musik", charakterisiert den jüdischen Satzbau als "unerträglich verwirrt" und den religiösen Gesang als "Gegurgel, Gejodel und Geplapper". Ein Schelm, der dabei nicht sofort an den Nibelungenzwergen Alberich aus dem "Ring" denkt, den Wagner auch musikalisch als Juden ausweist: die Verspottung Alberichs durch die Rheintöchter ist eine melodische Parodie auf die Grand Opera - verkörpert durch den jüdischen Komponisten Giacomo Meyerbeer, eines der großen Feindbilder Wagners. Auch Alberichs Bruder Mime, als mißgebildet, bucklig und schlurfend geschildert, entspricht dem jüdischen Klischee. Gustav Mahler, Jude und Wagner-Anhänger war davon überzeugt, "daß diese Gestalt die leibhaftige, von Wagner gewollte Persiflage eines Juden ist".

"Die dem ,Ring' zugrundeliegende Schreckensvision einer von Machthunger und Herrschaftsstreben getriebenen Welt - beide Tendenzen galten dem deutschen Revolutionsschrifttum seit jeher als wesenhaft,jüdisch' - ist in den habgierigen Nibelungenbrüdern Alberich und Mime personifiziert", analysiert Rose: "Freilich sind selbst die germanischen Götter so sehr von jüdischen Eigenschaften kontaminiert, daß sie, anstatt die Menschheit vom Fluch des Judentums erlösen zu können, im Zuge einer allgemeinen Erlösung vielmehr selbst vernichtet werden müssen."

Auch in "Rienzi", Wagners erstem Opernerfolg, gibt es antisemitische Anspielungen: So meint einer der Gegner des Titelhelden, sein "ganzer Stamm" sei diesem "ein Greuel". Über ein halbes Jahrhundert nach ihrer Uraufführung begann diese Oper eine zentrale Rolle im Leben eines glühenden Wagner-Anhängers zu spielen: "In jener Stunde begann es", bekannte Adolf Hitler als er sich im Gespräch mit Wagners Witwe Cosima an eine "Rienzi"- Aufführung am Linzer Landestheater 1906 zurückerinnerte. Zu Beginn der Reichsparteitage in Nürnberg ertönte die "Rienzi"-Ouvertüre, daß Hitlers germanische Siegeszeichen mit dem Legionsadler gekrönt waren, geht vermutlich auch auf dessen Vorliebe für die Gestalt des römischen Volkstribunen zurück.

Doch Hitlers Wagner-Begeisterung war mehr als ein bloßer Spleen. Glaubt man Joachim Köhler, so hat Hitler die Welt Wagners für bare Münze genommen. Hitler ging nicht nur in Wagner-Aufführungen "wie andere in die Kirche", wie er gegenüber einem amerikanischen Reporter erklärte, sondern er hatte sich schon als Kind mit Wagners üblen theoretischen Schriften beschäftigt. Hitlers Jugendfreund Gustl Kubizek, der "Adi" oft bei seinen Wallfahrten in die Wiener Hofoper begleitete, erinnert sich: "Wenn Adolf die Musik Wagners hörte, war er wie verwandelt. Was ihn tagsüber bewegte, versank im Nichts. Wie ein Rausch, eine Ektase kam es über ihn. Aus dem dumpfen, muffigen Kerker des Hinterhauses entrückte er in die seligen Gefilde der Germanischen Vorzeit, in jene für ihn ideale Welt, die ihn bei seinen Bemühungen als höchstes Ziel vorschwebte."

Für Joachim Köhler steht fest: "Hitlers private Utopie, ohne deren Kenntnis seine Errungenschaften wie seine Greueltaten unbegreiflich bleiben, trug den Namen Richard Wagner." Hitlers Weltbild wurde nicht von Menschen, sondern Figuren aus dem "Ring"-Fundus bewohnt: Hie die strahlenden germanischen Übermenschen, da die zu vernichtenden jüdischen Untermenschen. Mit messianischem Sendungsbewußtsein inszenierte Hitler sein Leben als Wagner-Held, als Drachentöter Siegfried oder Volkstribun Rienzi und wurde so zum poltischen Vollstrecker seines Idols Wagner. Sogar Hitlers Rhetorik orientierte sich an Wagner: "Wohltemperiert einsetzend führt er seine Hörer langsam ansteigend auf den Höhepunkt einer Periode, die er mit einem blitzenden scharfen Schlußsatz beendet", beschrieb ein Zuschauer eine Hitler-Rede. "Musikalische Schwerthiebe, wie sie aus den Abschlüssen des ,Ring' vertraut sind", fügt Köhler hinzu.

Ein Schock für alle jene Wagnerianer, die keine Antisemiten oder Nationalsozialisten sind - eine bittere Pille, die auch Thomas Mann schlucken mußte: Obwohl er die Musik Wagners über alles bewunderte, bekannte er 1940, daß er darin "Elemente des Nazismus" entdeckt habe: "Der ,Ring' ist ebenso ein Produkt des bürgerlich-humanistischen Zeitalters wie der Hitlerismus. Mit seiner Mischung aus Erdverbundenheit und Zukunftsvision, seiner Sehnsucht nach einer klassenlosen Gesellschaft, seiner mythischen Revolutionsbegeisterung, ist er der geistige Vorläufer der ,metapolitischen' Bewegung, die heute die Welt terrorisiert."

Wagners Hitler - der Prophet und sein Vollstrecker. Von Joachim Köhler. Siedler Verlag, Berlin 1999. 506 Seiten, Tb. öS 190,-/E 13,80 Richard Wagner und der Antisemitismus . Von Paul L. Rose. Pendo Verlag, Zürich und München 1999. 364 Seiten, geb., öS 350,-/E 25,44