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Feuilleton

Wahrhaftig, nicht schlampig

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Der plötzliche Tod von Michael Glawogger versetzte die Filmszene in einen Schock. Der gebürtige Grazer Regisseur ging für seine außergewöhnlichen Filmprojekte zumeist große Risiken ein; lange, ausgiebige Reisen brachten ihn zu jenen Menschen, die er in seinen Dokumentarfilmen eindringlich abbildete, und denen er damit eine Tiefe gab, wie sie im Kino rar geworden ist. Sein neues Projekt führte ihn rund um die Welt, ohne Ziel, aber mit dem Wunsch, "das einzufangen, was die Welt mir zu erzählen hat", sagte Glawogger. Sein Tod in Liberia beendete sein Projekt "Film ohne Namen" nun jäh, aber viel tiefer sitzt der Schmerz über den menschlichen Verlust dieses aufgeschlossenen Filmemachers.

Glawogger war der wagemutigste der heimischen Filmkünstler, vielleicht auch der neugierigste. Er konnte Geschichten aufspüren, die sonst keiner fand: Seine Dokus "Megacities", "Workingman's Death" oder "Whore's Glory" beschrieben mit großer Exaktheit und grenzenlosem Einfühlungsvermögen Zustände von Lebensentwürfen entlang einer globalisierten (Arbeits-)Realität. Glawogger filmte Leid, er drehte in Baracken der Elendsviertel, ließ seine Zuschauer das Schuften von Bergleuten unter Tage hautnah miterleben. Glawogger nahm sich viel Zeit für seine Geschichten, denn er wollte ihnen eine gewisse Ästhetik abringen. Man warf ihm vor, seine genau komponierten Bilder hätten in einem Dokumentarfilm nichts zu suchen, doch genau diese Ästhetik machte seine Arbeit unverwechselbar. Glawoggers Ansatz war simpel: "Die dokumentarische Kamera wird immer damit verwechselt, etwas Schnelles, etwas Unpräzises zu sein. Für mich sind Dokus ähnlich wie Spielfilme. Ich möchte genaue und sinnvolle Bilder zum Thema machen, und will mir dafür auch Zeit lassen", erzählte uns Glawogger vor einigen Jahren: "Bei einem Fußballspiel oder in einem Krieg ist es wichtig, den Moment einzufangen, aber in dem Augenblick, wo man in den privaten Bereich von Menschen hineinfilmt, muss man genau beobachten, um wahrhaftig zu sein. Dafür sollte man sich Zeit nehmen. Man muss nicht schlampig sein, um wahrhaftig zu sein."

Genauigkeit trifft auf Improvisation

Genauigkeit trifft bei Glawogger stets auf Improvisation, was letztlich in der Entscheidung gipfelte, einen "Film ohne Namen" zu drehen. Immer wieder stieß Glawogger bei anderen Projekten auf Geschichten, die er gerne gedreht hätte, die aber nicht zum aktuellen Projekt passten. Weshalb er nun mit einer völlig offenen Form experimentieren wollte. Der Film und die Geschichten, sie sollten zu ihm kommen, nicht er zu ihnen. Das bisher gedrehte Material umfasst erst ein paar Reisemonate, soll dem Vernehmen nach aber sehr umfangreich sein. Was damit geschieht, ist noch offen.

Glawoggers scharfe Beobachtungsgabe legte komplexe soziale oder ökonomische Systeme frei, ohne allgemein zu werden; er verstand es, mit großer Treffsicherheit, von den exemplarischen Auswirkungen des großen Ganzen zu erzählen. Seine Protagonisten waren dabei oft gefangen zwischen Hoffnung und Resignation. Genau diese Ambivalenzen fing Glawogger mit seiner Kamera ein.

Auch als Spielfilmregisseur stach Glawogger aus der Szene hervor: Seine Arbeiten "Nacktschnecken", "Slumming", "Contact High" oder "Das Vaterspiel" scherten sich wenig um Konventionen und experimentierten mit viel Chuzpe an gängigen Erzählmustern herum. Ob Porno-Dreh oder Drogenrausch, ob Vatermord oder Suff: Mit der radikalen Umsetzung seiner Stoffe eckte Glawogger an. Immanent war ihm jedenfalls eine unbändige Leidenschaft fürs Geschichtenerzählen. In der österreichischen Filmszene hinterlässt er eine Lücke, die nicht zu schließen sein wird. Von nun an ist da nämlich niemand mehr, der sein verschmitztes Lächeln aufsetzt, wenn er merkt, er hat etwas Relevantes zum Zustand der Welt erzählt.

Der plötzliche Tod von Michael Glawogger versetzte die Filmszene in einen Schock. Der gebürtige Grazer Regisseur ging für seine außergewöhnlichen Filmprojekte zumeist große Risiken ein; lange, ausgiebige Reisen brachten ihn zu jenen Menschen, die er in seinen Dokumentarfilmen eindringlich abbildete, und denen er damit eine Tiefe gab, wie sie im Kino rar geworden ist. Sein neues Projekt führte ihn rund um die Welt, ohne Ziel, aber mit dem Wunsch, "das einzufangen, was die Welt mir zu erzählen hat", sagte Glawogger. Sein Tod in Liberia beendete sein Projekt "Film ohne Namen" nun jäh, aber viel tiefer sitzt der Schmerz über den menschlichen Verlust dieses aufgeschlossenen Filmemachers.

Glawogger war der wagemutigste der heimischen Filmkünstler, vielleicht auch der neugierigste. Er konnte Geschichten aufspüren, die sonst keiner fand: Seine Dokus "Megacities", "Workingman's Death" oder "Whore's Glory" beschrieben mit großer Exaktheit und grenzenlosem Einfühlungsvermögen Zustände von Lebensentwürfen entlang einer globalisierten (Arbeits-)Realität. Glawogger filmte Leid, er drehte in Baracken der Elendsviertel, ließ seine Zuschauer das Schuften von Bergleuten unter Tage hautnah miterleben. Glawogger nahm sich viel Zeit für seine Geschichten, denn er wollte ihnen eine gewisse Ästhetik abringen. Man warf ihm vor, seine genau komponierten Bilder hätten in einem Dokumentarfilm nichts zu suchen, doch genau diese Ästhetik machte seine Arbeit unverwechselbar. Glawoggers Ansatz war simpel: "Die dokumentarische Kamera wird immer damit verwechselt, etwas Schnelles, etwas Unpräzises zu sein. Für mich sind Dokus ähnlich wie Spielfilme. Ich möchte genaue und sinnvolle Bilder zum Thema machen, und will mir dafür auch Zeit lassen", erzählte uns Glawogger vor einigen Jahren: "Bei einem Fußballspiel oder in einem Krieg ist es wichtig, den Moment einzufangen, aber in dem Augenblick, wo man in den privaten Bereich von Menschen hineinfilmt, muss man genau beobachten, um wahrhaftig zu sein. Dafür sollte man sich Zeit nehmen. Man muss nicht schlampig sein, um wahrhaftig zu sein."

Genauigkeit trifft auf Improvisation

Genauigkeit trifft bei Glawogger stets auf Improvisation, was letztlich in der Entscheidung gipfelte, einen "Film ohne Namen" zu drehen. Immer wieder stieß Glawogger bei anderen Projekten auf Geschichten, die er gerne gedreht hätte, die aber nicht zum aktuellen Projekt passten. Weshalb er nun mit einer völlig offenen Form experimentieren wollte. Der Film und die Geschichten, sie sollten zu ihm kommen, nicht er zu ihnen. Das bisher gedrehte Material umfasst erst ein paar Reisemonate, soll dem Vernehmen nach aber sehr umfangreich sein. Was damit geschieht, ist noch offen.

Glawoggers scharfe Beobachtungsgabe legte komplexe soziale oder ökonomische Systeme frei, ohne allgemein zu werden; er verstand es, mit großer Treffsicherheit, von den exemplarischen Auswirkungen des großen Ganzen zu erzählen. Seine Protagonisten waren dabei oft gefangen zwischen Hoffnung und Resignation. Genau diese Ambivalenzen fing Glawogger mit seiner Kamera ein.

Auch als Spielfilmregisseur stach Glawogger aus der Szene hervor: Seine Arbeiten "Nacktschnecken", "Slumming", "Contact High" oder "Das Vaterspiel" scherten sich wenig um Konventionen und experimentierten mit viel Chuzpe an gängigen Erzählmustern herum. Ob Porno-Dreh oder Drogenrausch, ob Vatermord oder Suff: Mit der radikalen Umsetzung seiner Stoffe eckte Glawogger an. Immanent war ihm jedenfalls eine unbändige Leidenschaft fürs Geschichtenerzählen. In der österreichischen Filmszene hinterlässt er eine Lücke, die nicht zu schließen sein wird. Von nun an ist da nämlich niemand mehr, der sein verschmitztes Lächeln aufsetzt, wenn er merkt, er hat etwas Relevantes zum Zustand der Welt erzählt.