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Feuilleton

Wallander schießt wieder

1945 1960 1980 2000 2020

Henning Mankells neuer Kriminalroman: "Der Mann, der lächelte" und dabei Nieren verschob.

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Henning Mankells neuer Kriminalroman: "Der Mann, der lächelte" und dabei Nieren verschob.

Der Anfang ist zum Schneiden dicht. Die Angst des Mannes im Auto im Nebel springt fast schon auf den Leser über. Und was dann auf einem Sessel mitten auf der Straße sitzt - also, er hätte es besser überfahren.

Der neue Krimi des schwedischen Erfolgsautors Henning Mankell wurde vom einen oder anderen Kritiker gerupft und für schwächer als die anderen befunden. Dabei ist "Der Mann, der lächelte" in seinen Stärken wie in seinen Schwächen ein typischer Mankell. Vielleicht geht nur manchen Lesern eine typisch Mankell'sche Schwäche langsam auf die Nerven. Falls es eine Schwäche ist.

Seine Bücher enden immer mit einem filmreifen Furioso. Dabei geht ein guter Teil der Glaubwürdigkeit flöten. Im letzten Roman war es eine wüste Schießerei in einem lettischen Warenhaus. Diesmal muss Wallander den Privatjet, mit dem der international tätige Gangster der schwedischen Exekutive entfleuchen will, am Starten hindern. Das gelingt ihm nur, indem er mit seinem Wagen auf die Startbahn rast und den Piloten zum Bremsen zwingt. Am Anfang des Romans war Wallander entschlossen, aus dem Polizeidienst auszuscheiden. Nachdem er den "Mann, der lächelte", zur Strecke gebracht hat, ist er wieder motiviert, will im Moment freilich nur noch schlafen. Happy End: Freundin Baiba ist im Anrollen.

Ohne einen gut ausgedachten, profilierten Kommissar mit wiedererkennbaren Eigenschaften läuft in der Welt des gehobenen Krimi gar nichts. Je differenzierter sein Charakter, desto besser die Chancen des Buches, als Literatur zur Kenntnis genommen zu werden. Doch dürfen wir selbst den kompliziertesten Charakter stets nur Stück für Stück kennenlernen, kleinweise, denn in einem Krimi darf nie ausufernd psychologisiert werden, sonst leiden das Tempo und die Spannung.

Eiserne Regeln: Der Kommissar darf zwar ein Schwieriger sein, doch in seinem harten Polizeialltag muss er seinen Mann stellen. Oder seine Frau, wie Wallanders neue junge Kollegin. Und wenn er am Anfang unter dem Schock eines tödlichen Waffengebrauches in Notwehr steht, muss er am Ende doch wieder zur Waffe greifen. Natürlich trachtet er diesmal, nicht dorthin zu zielen, wo die Wirkung letal ist.

Außerdem muss man sich mit einem Kommissar entweder identifizieren oder man muss ihn bewundern und ob seiner Fähigkeiten beneiden können. Am besten beides zugleich. Mit dem Kommissar Wallander des schwedischen Krimiautors Henning Mankell kann sich jeder identifizieren, der an seinem Beruf zweifelt und sich angesichts der rasanten gesellschaftlichen Veränderungen verloren fühlt.

Hercule Poirot war ein Gentleman. Sehr, sehr old fashioned. Maigret, der nicht mehr ganz junge Franzose mit der unvermeidlichen, Bedächtigkeit signalisierenden Pfeife, ist eine starke, in sich ruhende Persönlichkeit. Brunetti, der Antiheld der amerikanischen Wahl-Venezianerin Donna Leon, ist ein Typ unserer Zeit. Ein ob seiner Machtlosigkeit frustrierter Moralist. Auch Wallander ist, wenn auch viel aktionistischer als Brunetti, ein Polizist unserer Zeit. Aber bei ihm ist die Frustration schon so arg, dass Brunettis Welt daneben fast wie eine heile Polizistenwelt anmutet. Dabei hat er gar keinen widerlichen Chef über sich wie der arme Brunetti.

Ein Kommissar, der Erfolg haben will (auf dem Buchmarkt, versteht sich) darf auch kein Allerweltstyp sein, sondern muss auf seine individuelle Weise doch immer das Land repräsentieren, in dem er lebt und agiert. Wallander ist so schwedisch wie Brunetti italienisch ist. Und diesmal ist der Hintergrund des Romans in ganz besonderem Maß ein Schweden, das der Schwede nicht mehr versteht. Die Zahl der Straftaten nimmt zu, die Aufklärungsquote ab. Vor allem aber wird das Verbrechen immer brutaler. Auch fern von Stockholm in Ystad.

In jedem anderen Land würde man sich über einen Kommissar wie Wallander wundern: Er ist allen Ernstes entsetzt über die Bereitschaft der Missetäter, ohne Bedenken zu töten. Aber Schweden ist schließlich ein Land, in dem die älteren Leute noch von Zeiten schwärmen, in denen man einen in der Bahnhofshalle vergessenen Koffer nach Stunden so wiederfand, wie man ihn abgestellt hatte. Eine vom Rezensenten in der Toilette eines Stockholmer Restaurants liegengelassene Uhr war bereits vor immerhin 15 Jahren schon nach 60 Sekunden weg. Dass die Gangster einen Sprengsatz in den Tank von Wallanders altem Peugeot praktizieren, entspricht also aus ihrer Sicht nur einem Nachholbedarf. Aber wenn sie der Sekretärin der ermordeten Rechtsanwälte eine handfeste Tretmine ins Gärtchen legen, vergreifen sie sich doch etwas im gedämpften schwedischen Umgangston. Das Land hat sich ja seit dem Dreißigjährigen Krieg sehr zivilisiert und war lange, oder glaubte zu sein, was Österreich immer gern gewesen wäre, nämlich eine Insel der Seligen.

Während sich Brunetti mit der sprichwörtlichen Skrupellosigkeit eines Teiles der italienischen Oberschicht herumschlägt, agiert der lächelnde Mann, der Wallander zu schaffen macht, im internationalen Terrain. Was die Grausigkeit der Delikte betrifft, können sie konkurrieren: Brunetti hatte es einmal mit Leuten zu tun, die für Sex-Videos töteten. Wallander bringt einen mordenden Organhändler zur Strecke. Beides soll nicht nur Donna Leons und Mankells Phantasie entsprungen sein.

Der Mann, der lächelte Roman von Henning Mankellm Zsolnay Verlag, Wien 2001, 382 Seiten, geb., öS 291,-/e 21,11