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Literaturnobelpreis für Peter Handke

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Feuilleton

Was bleibt von einem? Alles.

1945 1960 1980 2000 2020

Peter Handke, der dieser Tage seinen 70. Geburtstag begangen hat, stand zwei Journalisten Rede und Antwort. Auszug aus einem Gespräch über die letzten Dinge.

1945 1960 1980 2000 2020

Peter Handke, der dieser Tage seinen 70. Geburtstag begangen hat, stand zwei Journalisten Rede und Antwort. Auszug aus einem Gespräch über die letzten Dinge.

Hubert Patterer, Chefredakteur, und Stefan Winkler, Außenpolitiker der Kleinen Zeitung, trafen Peter Handke fünfmal zum Gespräch und dokumentierten das in einem außergewöhnlichen Buch. Nachstehend ein Auszug daraus.

Sind Sie Moralist?

Peter Handke: Ich bin Moralist und Schriftsteller und als Schreiber ein Ästhet. Das ist kein Widerspruch. Aber in der Literatur kann man es nicht erreichen, dass man den Leuten sagt, wie sie sind. Dass man sie aufklärt, wie sie sich geben. Da ist man völlig chancenlos. […]

Ist Religion wichtig für Sie?

Handke: Ich kann nur sagen, ja. Sie ist untergründig immer da. Wenn einer daherkommt und sagt, ich bin überzeugter Atheist, dann denke ich mir: Was will dieses Arschloch, woher weiß er das?

Und wenn einer sagt, ich bin fromm und glaube?

Handke: Dann interessiert mich das schon. Ich möchte, dass er mir eine Geschichte erzählt. Ein Atheist hat keine Geschichte zu erzählen.

Er könnte erzählen, wie er Atheist geworden ist.

Handke: Das ist dann vielleicht schon wieder interessant. Ich habe in meinem Leben doch einige Menschen kennengelernt, die waren von Natur aus christliche Seelen. Die sind mein Vorbild. Ich rede jetzt nicht von Eremiten, sondern von Kindern und Erwachsenen, die ohne Arg sind, die in der Nachfolge Christi leben, ohne dass sie je diesen Vorsatz gefasst hätten. Die halten wirklich die linke Wange hin, wenn sie einer auf die rechte schlägt. Das ist gewaltig. Das gab es noch nie. Das ist eine Zeitenwende. Das gibt der Welt etwas. Das kann man nicht anders sagen. Was in den Evangelien steht, wird nie ungültig werden. Es gibt nichts Tiefsinnigeres und Weitherzigeres als das, was uns von der Gestalt des Jesus Christus überliefert ist.

Hubert Patterer, Chefredakteur, und Stefan Winkler, Außenpolitiker der Kleinen Zeitung, trafen Peter Handke fünfmal zum Gespräch und dokumentierten das in einem außergewöhnlichen Buch. Nachstehend ein Auszug daraus.

Sind Sie Moralist?

Peter Handke: Ich bin Moralist und Schriftsteller und als Schreiber ein Ästhet. Das ist kein Widerspruch. Aber in der Literatur kann man es nicht erreichen, dass man den Leuten sagt, wie sie sind. Dass man sie aufklärt, wie sie sich geben. Da ist man völlig chancenlos. […]

Ist Religion wichtig für Sie?

Handke: Ich kann nur sagen, ja. Sie ist untergründig immer da. Wenn einer daherkommt und sagt, ich bin überzeugter Atheist, dann denke ich mir: Was will dieses Arschloch, woher weiß er das?

Und wenn einer sagt, ich bin fromm und glaube?

Handke: Dann interessiert mich das schon. Ich möchte, dass er mir eine Geschichte erzählt. Ein Atheist hat keine Geschichte zu erzählen.

Er könnte erzählen, wie er Atheist geworden ist.

Handke: Das ist dann vielleicht schon wieder interessant. Ich habe in meinem Leben doch einige Menschen kennengelernt, die waren von Natur aus christliche Seelen. Die sind mein Vorbild. Ich rede jetzt nicht von Eremiten, sondern von Kindern und Erwachsenen, die ohne Arg sind, die in der Nachfolge Christi leben, ohne dass sie je diesen Vorsatz gefasst hätten. Die halten wirklich die linke Wange hin, wenn sie einer auf die rechte schlägt. Das ist gewaltig. Das gab es noch nie. Das ist eine Zeitenwende. Das gibt der Welt etwas. Das kann man nicht anders sagen. Was in den Evangelien steht, wird nie ungültig werden. Es gibt nichts Tiefsinnigeres und Weitherzigeres als das, was uns von der Gestalt des Jesus Christus überliefert ist.

Das Ritual stiftet die Verwandlungen in einem. Man muss nur beiwohnen, zuhören, man muss dabeisein.

Peter Handke

Erleben Sie das in anderen monotheistischen Religionen nicht so?

Handke: Mit Mohammed ist das etwas anderes. Der Islam ist eine gesetzgeberische Religion. Alles, was im Koran steht, ist übergeführt in Gesetz. Zwischendurch war man auch im Christentum nah dran. Aber die Natur der Evangelien verunmöglicht das zum Glück. Halte die rechte Wange hin, halte die linke Wange hin. Daraus ein Gesetz zu machen, einen Code pénal, geht nicht. Aus dem Koran kann man dagegen von A bis Z ein Strafrecht machen.

Das könnte man aus Teilen des Alten Testaments doch auch.

Handke: Das Alte Testament ist ein schwieriges Kapitel, weil es zusammengeschustert ist und ein Herrschaftsinstrument war. Aber das Neue Testament ist keinen Moment ein Herrschaftsinstrument, bis auf die Paulusbriefe natürlich.

Die Zweifler werden sagen, es sind schöne Märchen.

Handke: Ich sage nichts gegen Märchen. Es gibt auch in den Märchen etwas, das einem unglaubliche Kraft gibt. Die Märchen sind die Form eines tiefen archetypischen Traumes von uns allen. Aber die Evangelien sind wieder etwas anderes. Die sind wirklich frohe Botschaften, untermischt zugleich mit Erzählung. Und das ist das Schöne an ihnen.

Lesen Sie darin?

Handke: Wenn ich in die Messe gehe, höre ich das immer. Wort für Wort nehme ich das auf. Ich war nie religiös. Mein Problem ist, dass ich im Gegensatz zu den natürlich Religiösen eigentlich erst durch Erschütterung, durch Formprobleme, durch Schreibprobleme, durch Bildprobleme, durch Arbeit an diese Membran des Religiösen gestoßen bin. Und dazu stehe ich auch. Keinen Moment würde ich das widerrufen wollen. Das gibt mir täglich etwas, das hält mich aufrecht.

Was genau hält Sie aufrecht?

Handke: Fragen Sie doch die Bischöfe!

Wir würden es gerne von Ihnen wissen.

Handke: Für mich ist das Christentum eine Religion der Verwandlungen. Tag für Tag gibt es Verwandlungen, so wie die Wandlung in der Messe. Aus dem Brot entsteht der göttliche Leib, aus dem Wein das göttliche Blut. Das ist ein großes Geheimnis. Und das ist nur ein Beispiel für die Verwandlungen, die man selbst täglich vollziehen kann, auch muss. Ich rede jetzt blöd daher. Kein Mensch schafft das wirklich.

Viele Menschen sagen, sie brauchen keine Kirche für ihren Glauben, auch nicht den Gottesdienst. Wie ist das bei Ihnen?

Handke: Ich bin nicht einverstanden, wenn Leute sagen, ich gehe alleine und ich sammle mich in der Kirche. Das Wort Gottes muss gehört werden, die Zeremonie ist wichtig.

Das Ritual?

Handke: Das Ritual stiftet die Verwandlungen in einem. Man muss nur beiwohnen, zuhören, man muss dabeisein. Man kann auch allein sein mit dem Priester. Aber der Gottesdienst muss stattfinden.

Christus hat gesagt: ‚Mein Reich ist nicht von dieser Welt.‘ Aber das stimmt nicht. Das Reich ist von dieser Welt, aber es darf in dieser Welt keine Macht haben.

Peter Handke

Hat Ihr Glaube keine Brüche?

Handke: Mein Problem ist das Glaubensbekenntnis.

Sprechen Sie es nach?

Handke: Nein, das schaffe ich nicht. […]

Sie leben in einem Land, in dem sich die Religion aus dem öffentlichen Raum völlig zurückgezogen hat. Erleben Sie das als Verlust oder als Fortschritt?

Handke: Natürlich ist es immer ein Dilemma, wenn das Religiöse im öffentlichen Raum Macht haben will. Das ist Unsinn. Aber dass Religion im öffentlichen Raum spürbar und zugänglich ist, dass sie selbst ein Raum im Raum ist und nicht eine hirnrissige Abseitigkeit, das wäre schön. In Frankreich ist das anders. Religion und Staat sind dort getrennt. Das ist etwas ganz Selbstverständliches, das ist eine große Errungenschaft. Das ist etwas, das der Islam nicht schafft. Das ist das grausige Problem unserer Epoche. Eines. Christus hat gesagt: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Aber das stimmt nicht. Das Reich ist von dieser Welt, aber es darf in dieser Welt keine Macht haben. Das war immer das Problem der Päpste. Ihr Machtanspruch hat Millionen von Menschen den Tod gebracht. Die Stimme des Papstes hat überhaupt keinen Klang mehr. […]

Was bleibt von einem?

Handke: Alles.

Haben Sie offene Wünsche?

Handke: Goethe lag einmal fast im Sterben. Zugleich war ein Fest in seinem Haus in Weimar. Wieder genesen, hat er zu einem Freund gesagt: Ich hoffe, ich habe euch das Fest nicht verdorben. Das wäre auch mein Wunsch: Dass ich den andern nicht die Feste vergälle.

Das ist ja ein harmloser Wunsch.

Handke: Finde ich nicht.

Warum nicht?

Handke: Ich will mit meiner eigenen Angst und Panik den Leuten die Freude nicht verderben. Aber ich bin nicht so fromm, wie das jetzt klingt. Eigentlich soll man den andern auch was verderben. Es kommt nur darauf an, was. Ich denke oft an den Propheten Jonas. Gott sagt zu ihm: Geh predigen, Ninive wird untergehen. Und da predigt Jonas und predigt, aber die Stadt geht nicht unter. Und Jonas ist zornig, so zornig. So geht es mir auch manchmal. Dann denke ich: Warum geht das Licht nicht aus, wann verschwindet endlich das Licht? Dann fühle ich mich wirklich wie ein Nachfolger von Jonas, der sauer ist, dass die negative Prophezeiung nicht eintritt.

Das ist doch eine Umschreibung für Glück.

Handke: Ich weiß nicht. Die Wüstensonne brennt herab, und Jonas setzt sich unter den Busch, und das Laub fällt ab vom Busch, und Jonas sitzt in der prallen Sonne und lästert gegen Gott. Zum Glück wird Jonas dann vom Walfisch verschluckt. Das ist ihm aber auch nicht recht. Ich erkenne mich total wieder. Es gibt da den Spruch vom Mann, der fortging. In die Stadt. Aber die Stadt war ihm zu groß. Da ging er ins Dorf. Doch das Dorf war ihm zu klein. Da ging er wieder heim. Aber daheim war es ihm zu heiß, da ging er in den Wald. Doch der Wald war ihm zu kalt. Das bin ich.

Peter Handke im Gespräch Cover - © Edition Kleine Zeitung
© Edition Kleine Zeitung
Buch

Peter Handke im Gespräch

Hubert Patterer und Stefan Winkler, Fotos von Wolfgang Zajc.

Edition Kleine Zeitung 2012.

120 Seiten, brosch., € 19,80