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Was die Kirche wirklich drängt

„Apostelgeschichte 2010“ – das heißt, die Zeit nutzen, um große Zukunftsanfragen anzugehen. Drei Positionierungen vor der 2. Wiener Diözesanversammlung, 11.–13. März im Stephansdom.

Apostelgeschichte 2010“. Aus dem Motto spricht Ungeduld. 2010 ist schon jetzt. Und tatsächlich drängt die Zeit. Wer 2010 das Evangelium „frei und ungehindert verkünden will“, muss die Zeit nutzen. Aber werden wir bei dieser Versammlung im Wiener Stephansdom vom Fleck kommen? Nur, wenn wir uns dort zu einigen großen Zukunftsfragen gemeinsam mit dem Bischof positionieren, die Vernetzung mit anderen Ortskirchen suchen und mit diesen die weltkirchliche Auseinandersetzung anstoßen helfen.

I. Das Evangelium „frei“ machen

Eine erste wichtige Positionierung betrifft die Verkündigung des Evangeliums selbst: Wirklich das Evangelium des Jesus von Nazaret verkünden wollen heißt, das Reden darüber frei machen von allem, was sich so über die Zeit hin darauf und darum herum gelegt hat an Entschärfungen, Zurechterklärungen, Benutzungen für andere Ziele, Akzentverschiebungen und vor allem Langeweile.

Das Evangelium des Jesus von Nazaret holte und holt nämlich von Anfang an den Menschen hervor aus den verschämten Ecken und unter den erhabenen Gewölben errichteter Religionsgebäude und stellt ihn unter den freien Himmel Gottes. Und sagt ihm und ihr, dass er und sie mit Gott direkt verwandt, ein Kind Gottes, und für seine und ihre Beziehung zu diesem Gott selbst zuständig ist. „Vater“ soll der Mensch zu Gott sagen und sich von dessen Hand getragen und gehalten wissen, was immer da war und was immer da kommt. Dazu braucht er Helfer und Weggefährten im Glauben daran, aber keine Herren darüber. Diese Botschaft an den Menschen ist so aktuell wie nie zuvor und wird doch am allerwenigsten der Kirche zugetraut.

„Frei und ungehindert“ davon reden wollen heißt nicht erst, Hindernisse außerhalb der Kirche zu identifizieren, sondern auch die Balken aus dem eigenen Auge zu entfernen. Dass das Evangelium eine Botschaft ist, die den Menschen zu sich selbst und zur eigenständigen Gotteskindschaft ermächtigt. Dass es den Mensch ermuntert zur Verantwortung aus dem eigenen Herzen und angesichts der väterlichen Lebensweisungen Gottes und nicht mit besserwisserischer Detailmoral eindeckt. Dass es von Gottes Blick auf das Wollen und nicht auf das Vollbringen erzählt. Das alles macht das Evangelium zwar unbrauchbar für Sittenwächterei und konservative kulturkatholizistische Gesellschaftsbilder, dafür aber wie vor 2000 Jahren zur Botschaft für die, für die niemand mehr eine Botschaft hat.

II. Nähe zu den Menschen suchen

Damit sind wir bei der zweiten dringend nötigen Positionierung: Eine Botschaft für die Menschen haben und damit für sie da sein wollen heißt, sich befreien aus der Panik des Rückzugs auf die Strukturen, die man institutionell noch hinzukriegen meint. Es geht um Nähe zum Menschen, zu dessen Alltag. Um Vertrautheit und Weggefährtenschaft. Ja, und auch um Treue. In Gemeinden, in den vorgeschobenen Posten der „kategorialen Seelsorge“ an den Spitälern, in den Gefängnissen, an den Schulen, an den Sozialeinrichtungen usw. hat die Kirche – noch ! – Nähe.

Diese Nähe gehört ausgebaut. Wir brauchen nicht weniger Gemeinden am Ort, sondern mehr – viel mehr. Wie immer wir das neu organisieren und was immer wir dafür an neuen, schlankeren Gemeindemodellen finden müssen. Ich bräuchte nicht eine Seite in der FURCHE, sondern den Rahmen einer Bibliothek, um mit meinen Pfarrererfahrungen erzählen zu können, was diese Nähe zu den Menschen und deren Alltag bedeutet.

In der Stadt Wien hängt uns heute mehr denn je die Altlast der übergroß konzipierten Pfarren aus einer Zeit nach, in der man noch dachte, dass es mehr um Glaubens- und Gläubigenverwaltung gehe als um seelsorgliches Nachgehen. Angesichts des Mangels an Pfarrern den Auftrag zu Nähe weniger wiegen zu lassen als das Festhalten an Systemen und Amtstheologien der letzten paar Jahrhunderte?

III. Den Getauften ihren Platz geben

Das führt zur dritten fälligen Positionierung: Die immer kleriker- und pfarrerzentriertere Entwicklung von Kirche hat zu einer weitgehenden Verschüttung dessen geführt, wovon Kirche und Gemeinde von Anfang an wesentlich gelebt haben: der Charismen der Getauften. Diese der Kirche und den Gemeinden neu zugute kommen zu lassen. Ihre Würde aus der Taufe zu achten. Ihnen seitens der Leitungsverantwortlichen Rechenschaft zu geben. Ihnen ihren Anteil an den wesentlichen Entscheidungen zurückzugeben. Sie ihren „Weltverstand“ und ihre Lebenserfahrung mit dem Glauben einbringen zu lassen. Ernst zu nehmen, dass einige von auch das Charisma der Leitung von Gemeinden haben können. Wie sie ja auch schon jetzt viele Gemeinden de facto, wenn auch nicht de iure, leiten, wo der Pfarrer seine Präsenz auf immer mehr Gemeinden „aufteilen“ muss.

Der Befreiungsschlag muss der Fixierung auf die Formel gelten: Anzahl der gewachsenen Gemeinden dividiert durch die Anzahl der vorhandenen Pfarrer ergibt die mögliche Anzahl der offiziellen Pfarrgemeinden. Statt dessen ist eine neue Vorrangigkeit der Frage fällig, wie viele Gemeinden wir brauchen, um unseren Auftrag zu Evangeliumsverkündigung und Nähe so gut wie möglich zu erfüllen, und wie wir zu den dafür nötigen Leiter/inne/n kommen. Wie viele Gemeinden wir brauchen, um in diesen Gemeinschaft/„Communio“ spürbar werden lassen und leben zu können. Communio: Gemeinschaft und Verbundenheit in der Gemeinde. Verbundenheit aber auch mit den Menschen im Gebiet der Gemeinde. Wer spürt nicht, dass die Gemeinden zunehmend herausgefordert sind, die neuen „Schwachen“ aufzufangen und zu schützen?

Die Kernbotschaft des Evangeliums neu zur Sprache bringen. Sich neu und radikaler für die Nähe zu den Menschen und den Aufbau von Communio an der Basis entscheiden. Den Getauften ihren Platz in der Mitentscheidung über den Weg der Kirche und in der Mitverantwortung zurückgeben: Das rührt an Themen, Strukturen und Vollmachtsordnungen, die von der Weltkirchenleitung zu „heißen Eisen“ gemacht worden sind. Vom Wiener Stephansdom aus lässt sich aber ein Signal setzen, das sicher nicht ohne Echo aus der weltweiten Kirche bleiben würde.

* Der Autor ist Pfarrer in Probstdorf und Universitätsseelsorger

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