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Feuilleton

Was die Natur in ihrem Innersten zusammenhält

1945 1960 1980 2000 2020
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Um 60 v. Chr. fiel in Rom ein Dichter mit einem Gedicht in sechs Büchern auf, das nichts weniger unternahm als eine Sichtung der Natur nach Prinzipien der Vernunft. Das will etwas heißen in einer Zeit, da man Götter für das Schicksal von Menschen verantwortlich hielt. In eben diesem Verstoß gegen die römische Denkverordnung sieht Stephen Greenblatt den Grund, dass der Verfasser Lukrez zwar von einigen bedeutenden Zeitgenossen wie Ovid oder Cicero mit Respekt, wenn nicht gar Ehrfurcht behandelt wurde, dass aber über den Autor nahezu nichts überliefert ist. Und erstaunlich sind die Ansichten und Einsichten des Gelehrten in jedem Fall. Er lehnte Krieg und grausame Spektakel ab, deutete die Verehrung von Göttern als Wahnidee und verurteilte die übermäßige Anhäufung von Reichtümern. Dafür vertrat er die Ansicht, dass die Welt aus Atomen besteht und macht sich zum gewandten Propagandisten dieser Idee von Epikur. Das alles muss ein durchschnittlicher römischer Geist, der mit sich und der Gesellschaft in Einklang steht, erst einmal verkraften.

Das Zeitalter der Aufklärung findet in Lukrez einen frühen Verbündeten. Nicht nur Denis Diderot oder Friedrich II. schließen sich ihm treu ergeben an, später kommen auch Karl Marx und Friedrich Engels nicht um die Beschäftigung mit diesem Dichterdenker herum. Hegel, wie immer etwas gar streng an seinem keine Abweichung duldenden philosophischen System bauend, fand Lukrez "gewissermaßen liederlich", wie der Übersetzer Klaus Binder anmerkt.

Prosa statt Hexametern

Dass uns dieses gewaltige Werk jetzt auf Deutsch zugänglich gemacht wurde, ist einem Kraftakt Klaus Binders zu verdanken. Er hat sich für eine Prosaversion entschieden, was vernünftig ist. Eine formtreue Hexameterübertragung würde allzu gekünstelt und gezwungen wirken, wäre dem Sinn des Unterfangens nur abträglich. Die Pracht der ästhetischen Gestaltung des Stoffes kommt dennoch vorzüglich in dieser Neuübersetzung an. Dem Sinn bleibt Binder sowieso treu, gibt im umfangreichen Anmerkungsteil noch nützliche Handreichungen zum Verständnis.

Aber warum tun wir uns überhaupt die Lektüre eines Klassikers an, dem zwar als Pionier des Materialismus alle Ehre gebührt, dessen Einsichten uns aber heute als überholt, wenn nicht gar naiv vorkommen müssen? Wenn es uns nur darum geht, unser Wissen auf der Höhe der Zeit zu halten, dürfen wir uns getrost die Lektüre sparen. Alle anderen aber sehen am Beispiel dieses Werkes, wie sich einer aufmacht, mit den begrenzten Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, eine Geschichte der inneren und äußeren Erscheinungen der Natur zu schreiben und das mit einer Überzeugungskraft anstellt, die aus der Magie der Poesie und der Leidenschaft der Beobachtung kommt. Und um starke Literatur handelt es sich ohnehin.

Lukrez: Über die Natur der Dinge

In deutsche Prosa übertragen und kommentiert von Klaus Binder. Mit einer Einführung von Stephen Greenblatt. Galiani 2014.408 Seiten, gebunden, € 41,20